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Kultur

Der 'Vater der Armen' ist tot

Der französische Geistliche Abbe Pierre ist an einer Lungenentzündung gestorben. Schon zu Lebzeiten wurde der Streiter für die Obdachlosen wie ein Heiliger verehrt.

Portrait von Abbe Pierre

Sprachrohr der Armen: Abbe Pierre

Der 94-Jährige sei am Montagmorgen (22.1.07) in einem Pariser Militärkrankenhaus gestorben, gab Präsident Jacques Chirac bekannt. Frankreich habe eine "immense Persönlichkeit, ein Gewissen, einen Mann, der das Gute verkörperte" verloren, würdigte Chirac den katholischen Geistlichen. "Abbe Pierre hat den Geist der Rebellion gegen Armut, Leid und Ungerechtigkeit verkörpert genauso wie die Stärke der Solidarität." Premierminister Dominique de Villepin sagte, Abbe Pierre werde allen Franzosen fehlen. Er würdigte den Ordensmann als einen "Menschen des Herzens und des Engagements", der allen den Weg zu den Ausgegrenzten gewiesen habe. Abbe Pierre habe gezeigt, wie Großherzigkeit für den Einzelnen wie für die Gesellschaft möglich sei.

Ein Leben für die Obdachlosen

Abbe Pierre besucht einen verwundeten Bosnier während des Kriegs in Jugoslawien

Abbe Pierre besucht einen verwundeten Bosnier während des Krieges in Jugoslawien

Unter dem bürgerlichen Namen Henri-Antoine Groues als fünftes Kind eines wohlhabenden Seidenfabrikanten geboren, wandte er sich früh vom Reichtum ab und wurde Mönch. Er verschrieb sein Leben dem Einsatz für Obdachlose und gründete 1949 die "Bruderschaft von Emmaus", eine mittlerweile in 38 Ländern aktive Hilfsorganisation für Bedürftige. Die Emmaus-Bewegung sammelt Möbel und Objekte aller Art, um sie billig an Bedürftige abzugeben. International arbeitet Emmaus für die Verbesserung der Trinkwasserversorgung in Afrika ebenso wie für die Menschenrechte oder die Versorgung der Straßenkinder Südamerikas.

Im Zweiten Weltkrieg unterstützte Groues die französische Widerstandsbewegung, in dieser Zeit nahm er den Decknamen Abbe Pierre an. Für kurze Zeit wechselte er nach 1945 in die Politik, zog sich jedoch bald aus dieser zurück und widmete sich ganz der humanitären Hilfe. Legendär wurde der Appell, mit dem Abbe Pierre im Winter 1953/54 für die Obdachlosen eintrat - und eine beispiellose Spendenwelle in Gang setzte. In einer seiner letzten Ansprachen verurteilte er 1994 die wachsende Kluft und die Spannungen zwischen Arm und Reich in Europa.

Auf Konfrontation zu Rom

Innerkirchlich stand Abbe Pierre häufig im Widerspruch zur Lehrmeinung. Er trat ein für die Aufhebung des Zölibats und für eine liberalere Haltung bei der Empfängnisverhütung. Im Frühjahr 1996 löste er einen Sturm der Entrüstung aus, weil er seinen Freund Roger Garaudy verteidigte, der in einem Buch den Holocaust an den Juden relativiert hatte. Abbe Pierre nahm seine Äußerungen zurück. Noch einmal geriet er in die Schlagzeilen, als er 2005 in einem Buch eigene "flüchtige" sexuelle Begegnungen einräumte und gesellschaftliche Anerkennung für homosexuelle Paare forderte.

Populär wie keine anderer

Abbe Pierre gehörte bis zuletzt zu den beliebtesten Persönlichkeiten Frankreichs: Regelmäßig wurde er bei Umfragen an die Spitze der populärsten Franzosen gewählt, noch vor dem Meeresforscher Jacques Cousteau und dem Schauspieler Jean-Paul Belmondo. Schließlich hatte er 2004 darum gebeten, in den Umfragen nicht mehr erwähnt zu werden und damit dem sozial engagierten Fußballspieler Zinedine Zidane Platz gemacht. (al)

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