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Nahost

Der Straßentätowierer von Kairo

Als Bezeugung ihres Glaubens lassen sich ägyptische Christen ein Kreuz am rechten Handgelenk stechen - auch heute noch. Früher war es ein Zeichen der Ausgrenzung und Erkennung, heute ist es ein Symbol des Widerstandes.

Der zweijährige Kirolos sitzt auf dem Schoss seines Vaters, schaut gespannt auf die Maschine, an die der Tätowierer Magdy Girgis hantiert: Er nimmt eine gewöhnliche Nähnadel, bricht den hinteren Teil ab und führt sie in die Maschine. Bevor er sie anwirft, taucht er die Nadel in den schwarzen Tintentopf. Dann legt er los - ohne Handschuhe. Die hat er zuhause vergessen.

Nach den ersten Stichen fängt Kirolos an zu weinen, versucht seine Hand weg zu ziehen, doch sein Vater hat ihn gut im Griff. Er versucht ihn zu beruhigen - vergeblich. Trotz Geschrei und Zappelei arbeitet Magdy Girgis ruhig, konzentriert und vor allem schnell. Er sticht dem Jungen ein kleines koptisches Kreuz auf das innere rechte Handgelenk, braucht dafür keine zwei Minuten. Als er die Maschine wegzieht, schaut Kirolos skeptisch auf das blutende Motiv, das Girgis mit einem in Desinfektionsmittel getauchten Wattebausch abtupft. Zehn ägyptische Pfund verlangt er für das Kreuz, umgerechnet etwa 1,20 Euro.

Handwerker in der kleinen Gasse

Magdy Girgis, 38 Jahre, groß, gut gebaut, trägt einen Schnurrbart und mehrere Tattoos. Er war 14 Jahre alt, als er sein erstes Kreuz gestochen hat. Längst hat er aus seinem Hobby seinen Beruf gemacht. Sein Können hat er sich über die Jahre selbst angeeignet. Fest angestellt ist er nicht. Gelegentlich arbeitet er bei Friseuren, tätowiert Lippen und Augenbrauen, zieht Lidstriche nach. Meistens jedoch arbeitet er auf der Straße, in einer kleinen Gasse in Alt-Kairo. Dort sitzt er unter einem alten, klapprigen Sonnenschirm neben dem Eingang der St. Georgkirche - vor allem an den Feiertagen und den Wochenenden.

Es ist früher Sonntagvormittag, alle potentiellen Kunden sind noch beim Gottesdienst in der Kirche. Zum liturgischen Gesang der Gemeinde und dem Läuten der Zimbeln packt Magdy Girgis gemütlich seine Utensilien aus: Watte, Desinfektionsmittel, Motivstempel, Tinte und seine Tätowiermaschine. Kaum ist der Gottesdienst beendet, strömen die Leute aus der Kirche, vorbei an den Körpermaler. Der ist inzwischen umringt von Kunden, Zuschauern und Kindern. Kopten aus allen Gesellschaftsschichten stechen sich das Kreuz, vom reichen Geschäftsmann bis zum ungebildeten Müllsammler. "Das Kreuz ist ein Zeichen ihres religiösen Bekenntnisses. Auch die, die kein Geld haben, haben ein Recht darauf", sagt Girgis. Ihnen macht er es umsonst. Für Ägyptens Christen ist es Tradition.

Der christliche Strassen-Tätowierer Magdy Girgi verpasst dem zweijährigen Kirolos eine Tätowierung (Foto: DW/Karin El Minawi)

Manchmal gibt es Tränen

Personalausweis auf der Haut

"Diese Tradition ist keine Erfindung der ägyptischen Christen", sagt Bischof Johannes Kolta, Stellvertreter des koptisch-katholischen Patriarchats. Viel mehr geht sie zurück bis ins alte Ägypten: Wandmalereien zeigen Priesterinnen, Musikerinnen und Konkubinen mit Punkten und Strichen am Körper. Zudem zeigen Hohe Beamte auf dem Oberarm oder der Brust den Namen des Königs, unter dessen Herrschaft sie lebten. Diese Art der Identifikation wurde von den Muslimen und Christen übernommen: Auch heute lassen sich einfache Leute auf dem Land ihre Namen und Adressen auf ihren Körper stechen - wie einen Personalausweis.

Oft tragen sie auch bestimmte Schriftzeichen und Symbole, wie die Kaaba, das Gebäude im Innenhof der Heiligen Moschee in Saudi Arabien, oder drei Striche von der Unterlippe bis zum Kinn, als Symbol der Dreifaltigkeit. "Die verschiedenen Symbole signalisieren die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion, einer bestimmten Familie oder einem Stamm", sagt Kolta. Und das seit Beginn des Christentums.

Symbol des Widerstands

Die koptisch-orthodoxe Kirche in Ägypten zählt zu den ältesten christlichen Kirchen in der islamischen Welt. Der Evangelist Markus soll bereits im 1.Jahrhundert nach Christus eine christliche Gemeinde und die koptische Kirche in Alexandria gegründet haben. Damals wurden vor allem die Kinder mit einem Kreuz markiert, um ihre Zugehörigkeit zum Christentum zu signalisieren. Als Ägypten um etwa 640 nach Christus erobert und islamisch wurde, nahm die Tätowierung des Kreuzes zu: Die Christen wurden gezwungen zum Islam zu konvertieren. Die, die sich weigerten, wurden mit einem Kreuz am Handgelenk markiert, mussten eine Kopfsteuer zahlen. Sie galten als Ausgegrenzte. Heute wird das Kreuz positiv interpretiert.

"Ich bin stolz auf meine Religion und möchte es auch zeigen", sagt Amir Gamal. Der Soziologe, 28 Jahre alt, groß, muskulös, lässt sich heute sein viertes Motiv stechen. Zu der Kreuzigungsszene auf dem Rücken, dem großen und kleinen koptischen Kreuz kommt auf den rechten äußeren Unterarm noch der Spruch "Only God can judge me" hinzu, "Nur Gott kann mich richten". Für ihn sind die Tätowierungen nicht nur Körperschmuck, sondern auch Symbol des Widerstands. "Sie beweisen, dass wir keine Angst mehr haben zu zeigen, dass wir Christen sind", sagt er. Das war nicht immer so.

Christen als Zielscheibe islamistischer Übergriffe

Unter den rund 90 Millionen Einwohnern Ägyptens leben geschätzte zehn Prozent christliche Kopten. Trotz gesetzlicher Religionsfreiheit kommt es immer wieder zu gewaltigen Übergriffen auf die Kopten. Besonders schlimm war es im Sommer 2013, nachdem das Militär die Protestlager der Muslimbrüder gewaltsam geräumt hatte. Dutzende Kirchen und Schulen wurden angegriffen. Mit Abdel Fattah al-Sisi an der Macht hat sich die Lage beruhigt. Unter ihm erfahren die Christen zwar mehr Sicherheit, trotzdem sind sie noch immer eine erklärte Zielscheibe islamistischer Übergriffe. "Mit ihren Tätowierungen zeigen sie Widerstand, Furchtlosigkeit und Zusammenhalt. Daher lassen sich auch immer mehr Kopten stechen", sagt der Tätowierer Magdy Girgis.

Auch mehr Muslime lassen sich tätowieren, obwohl es im Islam verboten ist, es lange aus kulturellen und gesellschaftlichen Gründen in Ägypten verpönt war. Langsam entwickelt sich eine Szene, es gibt sogar mehrere Tattoo-Studios. Doch mit denen hat Magdy Girgis nichts zu tun. Nichtreligiöse Motive lehnt er ab. "Meine Arbeit soll etwas bedeuten", sagt er.

Inzwischen sitzt die 25-Jährige Gina Adel vor ihm. Sie lässt sich zum ersten Mal ein Kreuz stechen. ´Als sie nach einer Betäubung fragt, lacht Girgis. "Ich mache ganz schnell, du wirst nichts spüren", sagt er und setzt die Maschine an.

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