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Kultur

Der russische Kunstmarkt explodiert

Erstmals bietet eine Ausstellung in Deutschland einen Überblick über die im Westen weitgehend unbekannte Moskauer Konzeptkunst. Die Frankfurter Kunsthalle "Schirn" zeigt sie unter dem Titel "Die totale Aufklärung".

Boris Mikhailov (Ohne Titel) aus der Serie Luriki (1970-80). handkoloriert 30 x 20 cm - 80 x 60 cm, Courtesy of the Artist © VG Bild-Kunst, Bonn 2008 +++VERWENDUNG NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DER GENANNTEN AUSSTELLUNG+++

Zu den ausgestellten Werken gehört auch dieses von Boris Mikhailov (Ohne Titel) aus der Serie "Luriki" (1970-80)

Die Moskauer Konzeptkunst entstand Ende der 1960er Jahre, als noch der staatlich verordnete Sozialistische Realismus die sowjetische Kunstszene dominierte. Es war eine Art Parallelwelt, in der ein Kreis unabhängiger Künstler sich zusammenfand und bis 1990 malte, fotografierte und schrieb.

Kurator der Ausstellung in Frankfurt am Main ist der aus Russland stammende und in Deutschland lebende Wissenschaftler Boris Groys. Er war Teil dieser intellektuellen Szene und wuchs mit der Konzeptkunst auf. Er habe die besten Erinnerungen an diese Zeit, erzählt Groys: "Das war die Zeit eines sehr intensiven intellektuellen Austausches. Und wir alle hatten das Gefühl, dass etwas Neues entsteht, etwas Interessantes; dass wir etwas tun, was andere nicht tun, was mit diesem sowjetischen Alltag und der sowjetischen Massenkultur nichts zu tun hat."

Lenin - Coca-Cola von Alexander Kosolapov, 1993, Öl auf Leinwand, 75 x 120 cm, Courtesy Antonio Piccoli Collection © VG Bild-Kunst, Bonn 2008 +++VERWENDUNG NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DER GENANNTEN AUSSTELLUNG+++

"Lenin - Coca-Cola" von Alexander Kosolapov, 1993, Öl auf Leinwand, 75 x 120 cm

Spiel mit Bildern und Texten

Groys ist Professor für Philosophie und Medientheorie in Karlsruhe. Er kannte alle, die sich in den sechziger und siebziger Jahren unter der Bezeichnung "Moskauer Konzeptualisten" zusammenfanden: Künstler wie Ilya Kabakow, Erik Bulatov oder Boris Mikhailov. Groys erlebte die kollektiven Kunstaktionen bei Waldstücken auf Feldern außerhalb der Stadt mit, wo Transparente mit skurrilen Aufschriften an schneebedeckte Tannen gehängt wurden und 30 Personen aus zwölf Dutzend farbigen Briefumschlägen ein gemeinsames Kunstwerk schufen. Er war auch dabei, als – fernab vom kritischen Blick der Staatsorgane – Bilder gezeigt wurden, die sich bewusst absetzten vom damals herrschenden sozialistischen Realismus. Eine Kunst die, wie Groys sagt, anders war in einer Art parallelem Universum, die aber nicht ausdrücklich oppositionelle oder dissidentische Kunst sein wollte. Sie fand gleichwohl keinerlei Aufmerksamkeit in den staatlichen Medien und durfte auch kaum ausgestellt werden.

Die Moskauer Konzeptkunst war eine analytisch-ironische Kunst. Sie spielte mit Bildern, Fotografien, Installationen und vor allem mit Texten. Diese beschreiben und kommentieren die Bilder. Texte sind gleichberechtigter Bestandteil dieser Kunst, deren Anliegen es war, sich in den offiziellen Diskurs einzumischen, seine Absurditäten und Unzulänglichkeiten bloßzulegen.

Frankfurter Kunsthalle Schirn, Die totale Aufklärung”, Moskauer Konzeptkunst, Ausstellungsansicht+++VERWENDUNG NUR IM ZUSAMMENHANG MIT DER GENANNTEN AUSSTELLUNG+++

Ausstellungsraum der Kunsthalle "Schirn"

Es geht auch um viel Geld

Nahezu alle Künstler von damals leben heute noch. Mit vielen hat Groys bei der Vorbereitung der Frankfurter Ausstellung, die noch bis zum 14. September zu sehen ist, gesprochen. Es seien merkwürdig zwiespältige Gespräche gewesen, geprägt vom nostalgischen Rückblick auf die Vergangenheit und die eigenen künstlerischen Anfänge. Der historische Blick sei jedoch nur zweitrangig. Denn heute dominiere die Tatsache, dass ein neuer Kunstmarkt entstehe und sich entwickle. "Es kommt plötzlich sehr, sehr viel Geld in die aktuelle Kunst", sagt Groys. "Die Künstler sind alle von dieser neuen Entwicklung mitgerissen, infiziert, verunsichert, aber projizieren große Hoffnungen auf diese Entwicklung."

Heute stellten die Künstler sich die Frage, was eine gewisse Kontinuität und Stabilität habe, sagt Groys: "Die Bedingungen haben sich geändert – Sozialismus war einst, jetzt gibt es den Kapitalismus, dann kommt vielleicht noch etwas. Die Kunst ist immer entstanden auf der Kreuzung zwischen den großen Traditionen und der Aktualität."

Der aktuelle Kunstmarkt könne freilich die Fragen der Zukunft nicht beantworten. Wie sehr allerdings die Gegenwart nun auch die 1960 bis 1990 entstandenen Kunstwerke berührt, hat Kurator Groys bei der Planung der Frankfurter Ausstellung sehr wohl gemerkt. Denn Russlands Reiche haben diesen Markt und damit die Konzeptkünstler längst entdeckt. Einige Arbeiten wechselten noch während der Vorbereitungen den Besitzer. Manche Sammler wiederum wollten im Wissen um die steigenden Preise nicht so gerne verleihen, aber dafür umso lieber verkaufen.

Moskau plant Kunst-Zentrum

"Ich habe sicherlich eine fieberhafte Erwartung gespürt: Dass diese Dinge, die derzeit nicht so viel kosten, in zwei Jahren vielleicht Millionen kosten", erzählt Groys. "Gewisse Bilder, die vor drei oder vier Jahren praktisch unverkäuflich waren, werden jetzt für fünf, sechs Millionen verkauft. Das heißt, wir haben es mit einer explosionsartigen Entwicklung zu tun."

Mitte September soll in Moskau ein gigantisches Zentrum für zeitgenössische Kunst und Kultur eröffnet werden. Zum Kreis der privaten Investoren gehört auch der russische Oligarch Roman Abramowitsch. Die Finanzierung, so sagt Boris Groys, sei nicht das Problem. Viel wichtiger bleibe die Errichtung einer vom Staat unabhängigen kulturellen Infrastruktur in Russland. Dazu gehörten freilich nicht nur Künstler, Sammler und Geld, sondern auch qualifiziertes Personal, das mit der internationalen Kunstszene mithalten könne. Und Groys freut sich: Die Eröffnungsausstellung ist Ilya Kabakov gewidmet. Seinem Freund aus den frühen Tagen der Moskauer Konzeptkunst.

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