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Wissen & Umwelt

Der Mythos der radioaktiven Wolke

Die Anspannung in Japan wächst: Immer mehr Strahlung tritt aus dem beschädigten Kraftwerk aus. Eine radioaktive Wolke könnte entstehen - eine Gefahr auch für entfernte Regionen.

Eine Schönwetter-Wolke zieht über Sellin auf der Insel Rügen (Foto: picture-alliance/dpa)

Stellt man sie sich so vor, die radioaktive Wolke? - ein Trugschluss

240 Kilometer entfernt liegt die japanische Hauptstadt Tokio vom beschädigten Atomkraftwerk (AKW) Fukushima I und doch ist auch sie bedroht von der radioaktiven Strahlung. Die Lage in Fukushima I ist brenzlig - die Gefahr einer Kernschmelze wird immer wahrscheinlicher. In diesem Fall wird massiv radioaktive Strahlung nach außen in die Luft geschossen - eine so genannte radioaktive Wolke entsteht, die vom Wind Hunderte Kilometer weit getragen werden kann.

Kleinste radioaktive Teilchen, große Gefahr

Klimaforscher und Meteorologe Mojib Latif (Foto: DW-TV)

Noch ist die radioaktive Strahlung in der Luft in Tokio gering, sagt Mojib Latif

Doch die Wolke sei eigentlich keine Wolke, erklärt der Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif im Gespräch mit DW-WORLD.DE. "Es handelt sich dabei im Wesentlichen um radioaktive Partikel. Man kann sich das so vorstellen wie Staub, der verwirbelt wird", sagt Latif. Aber man könne sie nicht sehen wie normale Wolken, die aus Wasser bestehen. Durch die Vermischungsprozesse in der Erdatmosphäre verbreiten sich die radioaktiven Partikel schnell, und "deswegen ist auch diese Wolke, wenn wir sie so nennen wollen, schon nach relativ kurzer Reise relativ breit."

Je langsamer der Wind, desto länger steht die Wolke über einem bestimmten Gebiet. Um auch weit entfernte Regionen zu erreichen, müssten die radioaktiven Partikel "sehr hoch in die Luft aufsteigen", sagt Latif. Bis zu fünf oder sogar zehn Kilometer hoch, um beispielsweise über den Pazifik hinweg nach Nord- oder Südamerika zu gelangen. Europa sei viel zu weit weg von Japan, als dass eine mögliche radioaktive Wolke dort zur Gefahr werden könnte. In Japan allerdings könnte sie verheerende Auswirkungen haben, vor allem wenn es noch zusätzlich regnet.

Wenn echte Wolken ins Spiel kommen

"Wenn es regnet, dann fallen diese Partikel aus", sagt Latif. "Das heißt, sie werden ausgewaschen." Experten sprechen dann vom "Rain Out" oder "Wash Out". Radioaktive Partikel aus der Luft wie Cäsium oder Strontium, aber auch Jod, versickern dann im Erdboden und kontaminieren Häuser, Straßen, die gesamte Umgebung, auf die der Regen fällt. Wenn die radioaktive Wolke also auf echte Wolken trifft, dann entsteht eine "höchst gesundheitsgefährdende Situation".

Infografik: Ausbreitung einer möglichen radioaktiven Wolke über Japan (Grafik: ZAMG)

Experten nehmen an, dass sich die radioaktiven Partikel so verbreiten könnten

Außerdem haben die radioaktiven Elemente eine extrem lange Lebensdauer. Cäsium beispielsweise hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren. Bei der Reaktorkatastrophe im ukrainischen AKW Tschernobyl 1986 habe man die Auswirkungen auf die unmittelbare Umgebung deutlich gesehen. "Auf viele, viele Jahre, Jahrzehnte ist das Gebiet kontaminiert, quasi verseucht", sagt Latif.

Was die radioaktive Wolke in Japan anrichten könnte, ist nicht abzuschätzen. Das hänge auch vom Wetter ab, das sich schnell ändern könnte, betont die UN-Wetterbehörde. Die Wolke könnte direkt auf den pazifischen Ozean getrieben werden. Eine wirklich bessere Option sei das allerdings nicht, betont Mojib Latif. "Die direkte Belastung für den Menschen an Land wird dadurch zwar vermieden, aber natürlich sind die Ökosysteme im Meer genauso betroffen. Letzten Endes kann uns das über die Nahrungskette auch wieder erreichen", sagt Latif.

Auswirkungen auf das Weltklima hat eine solche Reaktorkatastrophe aber nicht, betont der Meteorologe vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel. "Sie ist zwar extrem gefährlich für die Natur und den Menschen, aber eben das Wetter und das Klima kann sie nicht beeinflussen", sagt Latif.

Autor: Nicole Scherschun
Redaktion: Judith Hartl

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