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Asien

Der letzte Weg in die Felder

Unter Indiens Bauern steigt seit Jahren die Selbstmordrate - meist weil sie sich zu sehr verschuldet haben, sei es für die traditionelle Mitgift für die Töchter, sei es für teure Düngemittel oder Maschinen

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Heimfahrt nach einem langen Tag auf den Feldern

Shobhawati besitzt nicht viel. Eine kleine Lehmhütte, eine Kuh und eine Ziege, das ist alles. Shobhawati weiß nicht, wie alt sie ist. Nur, dass sie 8 Töchter zur Welt gebracht hat. Ihr Mann hat sich erhängt, draußen in den Feldern. "Ein paar unverheiratete Töchter haben noch bei uns gelebt", erzählt Shobawati. "Wegen der Dürre gab es für uns Landarbeiter nichts zu tun. Mein Mann hat für die Mitgift unserer Töchter viele Schulden gemacht. Er war verzweifelt, weil er das Geld nicht zurückzahlen konnte. Eines Abends, als ich im Bett lag, ist er noch mal weggegangen. Wie hätte ich wissen sollen, was er vorhat?"

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Shobawatis Mann ging eines Abends aufs Feld, um sich aufzuhängen

Handarbeit und Ochsenkarren

Shobhawati und ihre Töchter leben in Pandui im Zentrum Indiens. Das kleine Dorf hat knapp 4000 Einwohner. Hier ist noch alles so wie vor vielen hundert Jahren auch. Die Tage sind geprägt von der Arbeit auf den Feldern – mit den eigenen Händen und mit dem Ochsengespann. Jede Braut muss eine Mitgift mit in die Ehe bringen. Die Dorfbrunnen sind nach Kasten getrennt.

Achche Lal gehört zu den Großbauern von Pandui. Er hat sich einen Trecker und Düngemittel gekauft, um seine Erträge zu steigern. Danach regnete es entweder gar nicht oder so kurz und heftig, dass der herbeigesehnte Monsun zum Feind wurde. "Meine Schulden erdrücken mich", klagt Achche Lal. "Dann ist mein Sohn gestorben. Das hat mich krank gemacht und ich lag nur noch im Bett. Die Geldverleiher wollten ihr Geld trotzdem zurück." Im Dorf gibt es keine Bank. Wer einen Kredit braucht, der wendet sich an einen Sahukar, den traditionellen Geldverleiher. "Sie hörten nicht auf, mich zu bedrängen", erzählt Achche über seine Gläubiger. "Meine Frau musste Holz sammeln gehen und es verkaufen, um Geld zu verdienen. Ich habe mich so geschämt."

Zurück zu den Wurzeln

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Zurück bleiben Frauen und Kinder

Achche Lal wollte Düngemittel schlucken. Es wäre der 10. Selbstmord im Dorf Pandui in nur 5 Jahren gewesen. Pushpendra Bhai hat ihn davon abgehalten. Er hat eine lokale Selbsthilfe-Gruppe für notleidende Bauern gegründet, will das Schuldenrisiko für die Bauern verringern: "Trecker und Düngemittel helfen uns nicht. Wir müssen uns auf unsere Traditionen besinnen. Wir müssen unser Wasser schützen und dafür sorgen, dass unser Boden nicht weiter zerstört wird."

Seine Gruppe will zurück zu den Wurzeln: lieber wie die Vorfahren eine kleine, gemischte Ernte einfahren als sich mit modernen Maschinen, Monokulturen und künstlichen Düngemitteln zu verschulden. Gentechnisch verändertes Saatgut, das in immer mehr indischen Bundesstaaten zum Einsatz kommt, lehnt Pushpendra Bhai ab. "Niemand sollte das Recht haben, Samen zu verändern", sagt er. "Sie gehören der Natur. Die Samen sind unser Reichtum, auch wenn wir kein Geld haben."

Mehr als 100.000 Selbstmorde in fünf Jahren

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Die Zukunft der Kinder ist ungewiss

Die indische Regierung will den Lebensstandard im ländlichen Raum erhöhen und die Agrarproduktion ankurbeln, um das Milliardenvolk zu ernähren. Aber in Pandui sind die Menschen zerrissen zwischen Tradition und Moderne. Immer mehr Dorfbewohner wandern als Tagelöhner in die Städte ab. Auch die Selbstmord-Welle hält an. Nicht nur in Pandui. Die nationale Kriminalitäts-Statistik weist für die fünf Jahre zwischen 2003 bis 2008 deutlich mehr als 100.000 Selbstmorde unter indischen Bauern und Landarbeitern aus.

Autorin: Sandra Petersmann
Redaktion: Mathias Bölinger

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