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Welt

Der Kreuzverleiher von Jerusalem

Ostern ist Hochsaison in Jerusalem: Pilger aus aller Welt sind auf den Spuren Jesu unterwegs, Kreuzweg inklusive. Und mit Kreuz fühlen sich einige seinem Leid noch näher. Für Mazen Kanaan heißt das: Tage schwerer Arbeit.

Wenn die Kunden es so wollen, schleppt Mazan Kanaan ein 45-Kilo-Holzkreuz auch mehrmals am Tag die Straße entlang. Gerade jetzt ist er auf dem Weg zu den nächsten Kunden. Auf der Schulter trägt der 41-Jährige scheinbar mühelos zwei mannsgroße Holzkreuze durch die kleinen Gassen der Jerusalemer Altstadt. Nur am langsamen Schritt kann man das Gewicht erahnen.

Jetzt, in der

Osterzeit

hat Kanaan besonders viel zu tun: Es sind zahlreiche christliche Pilger in der heiligen Stadt, um den Kreuzweg Jesu nachzugehen. Einige nehmen dabei nur ein kleines Kreuz in der Hand mit, andere wollen das Leid Jesu auf seinem Weg nach Golgotha, dem Kreuzigungsort, auch körperlich nachempfinden. Dann ist Mazen Kanaan gefragt, der Muslim. Denn seine Familie verleiht die Kreuze an die christlichen Pilger.

Pilger hält mehrere kleine Holzkreuze fest in der Hand (Foto: REUTERS/Baz Ratner )

Masse mal anders: Manche Pilger bevorzugen kleine Holzkreuze auf ihrem Weg - dann aber gerne mehrere

Es ist eine alte Familientradition, die seit rund hundert Jahren besteht. "Damals wurde unsere Familie benannt, damit es keine Probleme zwischen den christlichen Gemeinden über das Kreuz gibt - also wer das Recht hat, es zu tragen und auszugeben. Deshalb macht das eine muslimische Familie, und das sind wir", erzählt Mazen Kanaan nicht ganz ohne Stolz. Ganz ähnlich wurde das Problem auch bei der Grabeskirche, einer der heiligsten Stätten des Christentums, gelöst: Auch dort verwahren zwei muslimische Familien seit Jahrhunderten den Schlüssel, um möglichen Besitzansprüchen der verschiedenen christlichen Konfessionsgruppen vorzubeugen.

Ein Gebet, ein Foto, ein bisschen warten

An der zweiten Station des Kreuzweges wartet bereits eine Pilgergruppe aus Uganda auf Kanaan und das Kreuz. Gleich nebenan, an der ersten Station, soll Jesus vom römischen Statthalter Pontius Pilatus zum Tode durch Kreuzigung verurteilt worden sein. Diese Station ist heute auf dem Gelände einer Schule, die nur an bestimmten Tagen für Pilger geöffnet ist. Deshalb geht der Weg an der zweiten Station los.

Vier Männer schultern das große Kreuz. Die Pilger wechseln sich ab, so kommt jeder an die Reihe - und es ist natürlich auch weniger anstrengend. Singend geht es von einer Kreuzwegstation zur nächsten. An jeder Station wird innegehalten und gebetet. Mazen Kanaan begleitet die Gruppe und macht Fotos. So verdient er sein Geld: Denn die Kreuze verleiht Familie Kanaan kostenlos, allenfalls eine Spende ist erwünscht. "Es ist zum einen eine Familientradition, die uns sehr wichtig ist", sagt Kanaan. "Zum anderen ist es natürlich auch ein kleines Geschäft. Aber wenn einer kein Foto kaufen will, dann ist das auch ok."

Pilger warten vor der nächsten Kreuzwegstation in Jerusalem (Foto: DW/Tania Krämer)

Österlicher Andrang: An manchen Stationen müssen die Pilger warten bis es weitergeht

Insgesamt 14 Stationen umfasst der Kreuzweg, der zum Teil mitten durch den Markt der Jerusalemer Altstadt führt. Bis zu eine Stunde lang sind die Pilger meist unterwegs - singend, schwitzend, betend - je nachdem, wie schnell die Gruppe vorwärts kommt. Jetzt in der Osterzeit muss man sogar mit "Wartezeiten" vor den einzelnen Kreuzwegstationen rechnen.

Heute sei es dennoch ungewöhnlich ruhig - vielleicht habe das mit den

Unruhen auf dem Tempelberg

, dem Haram Al Sharif, zu tun, mutmaßt Kanaan. Seit Tagen gibt es Tumulte zwischen jungen Palästinensern und der israelischen Polizei. Das schrecke schnell Touristen und Pilger ab, erzählt der Kreuzverleiher und zieht gelassen an seiner Zigarette. "Aber das ist eben Jerusalem, hier ist immer irgendwas los."

Sich einmal wie Jesus fühlen

Die ugandische Pilgergruppe ist mittlerweile an der neunten Station angelangt. Hier soll Jesus zum dritten Mal mit dem Kreuz gefallen sein. Nach dem Fußmarsch mit Kreuz auf dem Rücken sind die Träger leicht erschöpft, aber auch zufrieden. "Nein, es war nicht schwer", sagt einer von ihnen, Jerome, mit einem breiten Lächeln. "Für mich ist das gleichbedeutend mit dem, was unser Herr durchgemacht hat. Deshalb wollte ich das tun. Es war für mich sehr symbolisch, für mein Leben und für meinen Aufenthalt in der Heiligen Stadt."

Vier Christinnen tragen ein großes Holzkreuz die Via Dolorosa entlang (Foto: DW/Tania Krämer)

Vier Frauen für ein Halleluja: Gut eine Stunde lang sind die Pilgerinnen auf der Via Dolorosa unterwegs

In der Zwischenzeit ist auch eine Gruppe von arabischen Christinnen aus Nazareth an der Station angekommen. Auch sie haben ein Kreuz getragen. Und auch für sie sei es eine spezielle Erfahrung, sagt eine der jungen Pilgerinnen. "Wir tragen das Kreuz, um selbst zu erleben, wie es Ihm ergangen ist. Und das ist ja genau das, was diese Osterwoche ausmacht." Dann noch schnell ein Erinnerungsfoto -

und weiter geht es

in die Grabeskirche.

Auch Kreuzdiebe unter den Pilgern

Mazen Kanaan kommt dahin nicht mit. Er sammelt hier an der neunten Station die Kreuze wieder ein, denn zu den letzten fünf Stationen auf dem Gelände der Grabeskirche können sie nicht mitgenommen werden. An Tagen wie heute hilft oft auch die ganze Familie Kanaan mit: Viele Male am Tag müssen die Kreuzträger in der Hochsaison hin und herlaufen, Straße rauf, Straße runter, um die Kreuze zurück zur Ausgangsstation zu bringen oder ins kleine Lager nahe der fünften Station.

Mazan Kanaan lehnt telefonierend auf einem mannshohen Holzkreuz (Foto: DW/Tania Krämer)

Muslim mit Kreuz: Mazan Kanaans Familie ist zuständig für den Kreuzverleih - damit die Christen nicht streiten

In dem kleinen, dunklen Raum stapeln sich Kreuze in verschiedenen Größen. Je nach Holzart ist das leichteste 15 Kilo, das schwerste wiegt rund 45 Kilo. "Manche wollen es leicht, manche aber auch richtig schwer", sagt Mazen Kanaan mit einem Lächeln. "Diese Kreuze aus Orangenbaumholz sind mittelgroß und einfach zu tragen. Wenn es jemand aber wirklich schwer mag, dann geben wir ihm dieses hier." Dabei zeigt er auf ein massives Holzkreuz aus Olivenholz.

Eines der ältesten Kreuze sei vor einigen Jahren verschwunden, erzählt Kanaan. Wie die Pilger es aus der Stadt gebracht haben, sei nicht bekannt. Dann muss der Kreuzverleiher von Jerusalem auch schon wieder los, mit großem Kreuz auf dem Rücken die Straße entlang. Die nächsten Kunden warten bereits.

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