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Nahost

Auf Christi Spuren - Touristen in Jerusalem

Rund 75.000 Pilger aus aller Welt erwartet Jerusalem zur Weihnachtszeit. Sie wollen den Heiligen Abend einmal dort verbringen, wo Jesus gelebt hat. Die Stadt und Kirchengemeinden rüsten sich für den Ansturm.

Husman hat alles, was das Herz begehrt: Eisbären, Rentiere mit und ohne Schal, Kristalle, Schneebälle aus weichem, weißen Plüsch. Auf einem Tisch steht eine ganze Garnison von Schokoladen-Nikoläusen, daneben Körbe mit Christbaumkugeln und schillernden Girlanden. "Die Touristen lieben das", sagt der Ladenbesitzer und zupft einen aufblasbaren Nikolaus zurecht.

Husman ist nicht der Einzige, der die Öllampen und Rosenkränze vorübergehend in die hinteren Ecken des Ladens geräumt hat - zugunsten von amerikanisch angehauchter Weihnachtsdekoration. In der Via Dolorosa in der Jerusalemer Altstadt, dem Leidensweg Jesu Christi, finden Passanten in der Vorweihnachtszeit zahlreiche solcher Angebote. Die Händler wissen, dass wenige Tage vor dem 24. Dezember die erste Welle der christlichen Pilger anreisen wird - und bereiten sich entsprechend vor.

Stadt verschenkt Christbäume

Nicht nur Geschäftsleute erwarten die Touristen aus der ganzen Welt. Auch die Stadtverwaltung bemüht sich um weihnachtliche Stimmung. Lichterketten werden in den Straßen aufgehängt, und jedes Jahr am 23. Dezember verteilen Stadtangestellte vor dem Jaffa-Tor kostenlos kleine Arizona-Zypressen, die als Weihnachtsbäume dienen. Inzwischen sind sie auch unter jüdisch Gläubigen begehrt, weiß ein Mitarbeiter der Verwaltung: "Vor allem junge Leute stehen auf diesen kitschigen Schmuck", sagt er.

Noch ist es in der Via Dolorosa in der Jerusalemer Altstadt leer (Foto: DW/Ulrike Schleicher)

Noch ist es in der Via Dolorosa in der Jerusalemer Altstadt leer

Israel bemüht sich um Besucher. Deshalb macht sich auch Tourismusminister Stas Misezhnikov Gedanken um ihr Wohlbefinden. "Wir erwarten rund 75.000 Touristen in dieser Zeit, gut 25 Prozent davon sind Christen", erklärt er bei einem Empfang für die Repräsentanten der christlichen Kirchengemeinden. Um den Erwartungen der Gläubigen gerecht zu werden, werde das Ministerium für die Weihnachtszeit kostenlose Shuttlebusse nach Bethlehem bereitstellen. Dort befindet sich die Geburtskirche Jesu mit der Geburtsgrotte, die zu Weihnachten besonders viel Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Auf dem Mangerplatz vor der Kirche steht ein ein 15 Meter hoher Weihnachtsbaum, der festlich geschmückt ist. Direkt darunter wurde eine Krippe aufgebaut - zurzeit noch ohne Jesuskind. Das kommt erst Heiligabend dazu. Alle 20 Minuten sollen Busse vom Mar-Elias-Kloster, südlich von Jerusalem, zum Checkpoint nach Bethlehem fahren. "Nonstop am 24. und 25. Dezember", sagt der Minister. Außerdem sollen die Pilger Süßigkeiten und Weihnachtskarten geschenkt bekommen.

Zu Fuß nach Bethlehem

Rosemarie Bräckle interessiert das alles nicht besonders. Die 71-Jährige möchte Heiligabend in aller Ruhe verbringen und Orte vermeiden, die überlaufen sind. "Am liebsten wäre es mir, ich könnte allein hier in der Kirche sitzen", sagt sie. Die gebürtige Ravensburgerin leistet seit Herbst dieses Jahres freiwillige Arbeit in der Dormitio-Abtei der Benediktiner auf dem Zions-Berg. Sie ist unter anderem zuständig für das Café und die Bewirtung der Gäste. Aber auch in der Abtei wird ihr das Alleinsein nicht vergönnt sein: "Zur Christmette um Mitternacht wird die Kirche aus allen Nähten platzen." Die Menschen, darunter auch jüdisch Gläubige, würden sogar auf dem Boden sitzen.

Straßenverkäufer in Jerusalem (Foto: DW/Ulrike Schleicher)

Frisch gepresste Säfte - mit Musik vom Nikolaus

Danach gehen viele zu Fuß nach Bethlehem - auch Rosemarie Bräckle. "Es sind neun Kilometer, das geht schon," sagt sie. Neben den Feierlichkeiten in der Kirche finden auf dem Feld der Hirten Andachten statt. Noch genießt sie die vorweihnachtliche Stille: "Die Mönche backen Plätzchen, und weil wenig Touristen da sind, haben wir Zeit zur Vorbereitung des Festes."

Auch die Mitglieder der arabisch-christlichen Gemeinde in Jerusalem bereiten sich emsig auf Weihnachten vor. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten haben sie die Erlaubnis erhalten, während der Festtage eine eigene Veranstaltung zu organisieren. Sie bauen auf dem Platz vor dem Jaffa-Tor Zelte auf. Das größte ist innen mit bunten Tüchern und christlichen Bildern geschmückt. Drei Tage lang würden sie sich mit Musik und Licht auf Weihnachten einstimmen, freut sich einer der Männer, die den Aufbau bewerkstelligen.

Ruhe vor dem Sturm

Im christlichen Informationscenter erkundigt sich ein schwedisches Ehepaar nach Orten und Zeiten der Messen am 24. Dezember. Sonst ist niemand zu sehen. "Das ist die Ruhe vor dem Sturm", sagt eine Mitarbeiterin. In der Weihnachtswoche würden sich hier Menschen drängen, um Ausflüge und geführte Besichtigungen zu buchen. Hier wie in den Hotels, kirchlichen Unterkünften, Restaurants und Geschäften holen alle noch einmal tief Luft, bevor es an den Festtagen mit der Besinnlichkeit in der Heiligen Stadt vorbei ist.