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Politik & Gesellschaft

Der Kampf um den Kita-Platz

Bewerbungsgespräche, Wartelisten, Absagen - oft ist es schwerer, in Deutschland einen Kita-Platz zu finden als einen Job. Diese Erfahrung machte auch Familie Gaul auf der Suche nach einem Kita-Platz für ihren Sohn Veit.

Kinder in einer Neusser Kindertagesstätte (Foto: dpa)

Sie haben Glück, denn sie haben einen Kita-Platz

Elf Monate ist Veit alt und er fremdelt kein bisschen. Neugierig blickt er von Papas Arm herunter auf das Mikrofon mit dem blauen Windschutz. Seine Eltern Mario und Irina Gaul suchen einen Kindergartenplatz für Veit. Die 37-jährige Irina Gaul arbeitet als Soziologin beim Caritas-Verband. Sie erinnert sich an den Beginn der Suche nach dem Betreuungsplatz: Fünf Wochen war der Kleine alt, als sie ihn in die Kita schleppte.

Bei insgesamt acht regulären Kindergärten haben sie sich beworben, erzählt Irina Gaul. Eigentlich wollte sie ihn in eine katholische Kindertagesstätte geben. Schließlich arbeitet sie für einen katholischen Arbeitgeber, das sei ihr wichtig. Wichtig sei auch, welche Betreuungseinrichtung ihr von anderen Familien aus eigener Erfahrung empfohlen wurde. Doch gegen Ende der Suche hatte sie keine besonderen Wünsche mehr.

Knappe Kinderbetreuungsplätze

Irina Gaul hat ihren Sohn in den ersten sieben Monaten betreut. Papa Mario, Software-Entwickler, passt derzeit auf Veit auf und nimmt dafür die zweite Hälfte der vierzehnmonatigen, vom Staat geförderten Elternzeit. Doch wenn im Oktober die vierzehn Monate finanzieller Unterstützung durch das Elterngeld auslaufen, müssen beide Eltern wieder arbeiten.

Irina Gaul und ihr Sohn Veit (Foto: DW)

Irina Gaul wird ihren Sohn Veit zum Tagesvater statt in die Kita bringen

Knapp eine halbe Million Kinder unter drei Jahren wurden in Deutschland im März 2010 in einer Kindertageseinrichtung betreut. Nach einer Hochrechnung des Statistischen Bundesamtes werden in den nächsten zehn Jahren für die Kleinsten doppelt so viele Plätze erforderlich sein. In Ostdeutschland werden zurzeit knapp die Hälfte aller Kinder dieser Altersgruppe betreut. Das liegt vor allem daran, dass es die Infrastruktur nach der Wende schon gab, weil es in der DDR für junge Mütter üblich war, berufstätig zu sein und ihre Kinder entsprechend betreuen zu lassen. In den alten Bundesländern dagegen liegt die entsprechende Quote bei durchschnittlich nur 17 Prozent. Es gibt einfach zu wenige Plätze.

Marlies Mertens leitet die katholische Kindertagesstätte St. Rochus in Bonn. Mehrfach im Jahr muss sie Eltern, die ihr Kind hier anmelden wollen, absagen. Auch Irina Gaul erhielt von ihr eine Absage. Dabei gibt es so viele, die eine gute Kinderbetreuung und Förderung brauchen: Marlies Mertens denkt nicht so sehr an die Doppelverdiener-Familien, sondern an kinderreiche, ärmere Familien, Familien, in denen wenig deutsch gesprochen wird, Familien aus bildungsferneren Schichten. Wenn ihr solche Familien begegnen, kämpft Marlies Mertens um die Aufnahme dieser Kinder.

Sie will die Kinder aufnehmen, deren Mutter bei der Geburt noch minderjährig war und eine Ausbildung machen will. Oder die, deren Mutter psychisch erkrankt ist. Mütter mit Depressionen erlebe sie immer häufiger. Es gebe aber auch Fälle, in denen der Ehepartner erkrankt ist und man die Familie stützen müsse, beschreibt Marlies Mertens die Lage. Eigentlich würde sie viel mehr von diesen Kindern aufnehmen wollen, aber es fehlen die Plätze.

Tagesvater statt Kindergarten

Irina Gaul erfuhr Anfang Februar, dass es in einer regulären Kita keinen Platz für Veit gibt. Nahezu alle frei gewordenen Plätze waren an Geschwister von bereits an den Kindertagesstätten betreuten Kindern gegangen. Neue Plätze waren nicht entstanden. Im Herbst kommt Veit deshalb zu einem Tagesvater. Immer mehr Menschen nutzen die Lücke im Betreuungssystem und lassen sich zu Tagesvätern und Tagesmüttern ausbilden. Letzte Zahlen aus dem Jahr 2007 sprechen von gut 35.000 solchen Tagespflegern, die meisten sind in den westlichen Bundesländern tätig. Auch Veits Tagesvater ist speziell ausgebildet und betreut fünf Kinder zuhause. Gar nicht schlecht, findet Irina Gaul. Doch die Betreuungszeiten sind kürzer. Und es kostet doppelt so viel wie ein Kita-Platz.

Mario Gaul, der Vater von Veit Gaul (Foto: DW)

Papa Mario betreut Veit in der Elternzeit - ein Fulltime-Job

Bundesweit haben alle Kinder ab drei Jahren einen Rechtsanspruch auf Kindertagesbetreuung. Mit Beginn des Kindergartenjahres 2013/2014 wird dieser Rechtsanspruch ab Vollendung des ersten Lebensjahres gelten. Bund, Länder und Gemeinden wollen bis 2013 für jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Krippenplatz bereitstellen - 750.000 Plätze insgesamt.

Die Kindertagesstättenleiterin Marlies Mertens glaubt nicht, dass dieses Ziel erreicht wird. Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts und der Technischen Universität Dortmund müssten zudem allein für die Betreuung der unter Dreijährigen 140.000 neue Stellen geschaffen werden. Die Basis eines guten Kindergartens ist gut ausgebildetes Personal in ausreichender Zahl, sagt Marlies Mertens. Nur dann könnten alle, die mit der Betreuung der Kinder zu tun haben, gute Beziehungen zu den Kindern, aber auch zu den Eltern aufbauen. Und darauf komme es an. Wenn die Beziehung zwischen Erzieher und Kind gut ist, dann wird ein Kind auch immer viel lernen, ganz gleich, ob es zusätzliche Fördermöglichkeiten - wie zum Beispiel musikalische Früherziehung - gibt oder nicht, glaubt Mertens.

Fehlende Kinderbetreuungsplätze haben fatale Folgen für die Gesellschaft, findet Irina Gaul, nämlich dass viele kompetente Frauen in Deutschland ihre Qualitäten im Beruf nicht einbringen können, weil sie für die Kinder zuhause bleiben, dass viele Frauen keine Kinder kriegen und dass viele Frauen in Armut leben müssen, weil sie mangels Kinderbetreuung nicht arbeiten gehen können.

Während seine Mutter mit blitzenden Augen für bessere Kinderbetreuung plädiert, ist Veit am Ziel: Das Mikrofon mit dem blauen Windschutz hält er stolz in der Hand. Endlich kann er es vollsabbern.

Autorin: Daphne Grathwohl
Redaktion: Pia Gram

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