Der Kampf gegen den IS in Tikrit | Nahost | DW | 04.03.2015
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Nahost

Der Kampf gegen den IS in Tikrit

Die Regierung des Iraks will die IS-Terrormiliz aus Tikrit im Norden des Landes vertreiben. Die Offensive brachte zunächst wenig. Doch nun soll der entscheidende Schlag erfolgen. Von Birgit Svensson, Bagdad.

Seit fast neun Monaten ist Tikrit unter der Kontrolle des "Islamischen Staates" (IS). Die nordirakische Stadt - einst Heimat von Diktator Saddam Hussein - gilt als strategisch wichtig. Schon seit Tagen greift die irakische Armee in der Umgebung IS-Stellungen an - allerdings ohne die Terrormiliz bislang entscheidend zu schwächen. Man habe sich langsam auf die Stadt vorgekämpft, heißt es. Jetzt soll ein Großangriff den Durchbruch bringen, ist aus dem Einsatzkommando in Bagdad zu hören.

Angeblich sollen im Vorfeld bereits kleinere Orte unweit der Stadt eingenommen worden sein. Und auch um Saddam Husseins Geburtsort Audscha, mittlerweile ein Vorort von Tikrit, gäbe es heftige Kämpfe. Das Mausoleum, wo die Überreste des ehemaligen Diktators begraben sind, soll zerstört sein. Sein Leichnam sei allerdings rechtzeitig an einen geheimen Ort gebracht worden. Bestätigt ist dies alles nicht.

Haider al-Abadi (M) mit Militärs in Tikrit - Foto: EPA

Premierminister al-Abadi (M): "30.000 Soldaten im Einsatz"

Eine gewisse Skepsis gegenüber Erfolgsmeldungen ist angebracht. Schon mehrere Male in den vergangenen Monaten wurden Offensiven gegen die Präsenz des "Islamischen Staates" in Tikrit gestartet, die alle wieder zurückgeschlagen wurden. Jetzt hat Iraks Premierminister Haider al-Abadi im Staatsfernsehen angekündigt, es seien 30.000 Soldaten an der Operation beteiligt. Schiiten und Sunniten kämpften gemeinsam gegen die Terroristen. "Dieses Mal wird es klappen", so Abadi.

Tikrit liegt gut 140 Kilometer nördlich von Bagdad und ist die Hauptstadt der Provinz Salahaddin. Nur wenige Stunden, nachdem am 10. Juni 2014 die Stadt Mossul von IS-Kämpfern überrannt und eingenommen wurde, fiel auch Tikrit in die Hände der Terroristen. Auch dort waren zuvor viele Soldaten der irakischen Armee desertiert, hatten Waffen und Gerätschaften zurückgelassen, die dann den Angreifern in die Hände fielen - militärische Ausrüstung, die den Terroristen half, über die ehemals 100.000-Einwohner-Stadt zu herrschen.

Schlacht um Tikrit - Foto: Ahmad al-Rubaye (AFP)

Anti-IS-Kampf bei Tikrit: Strategisch wichtige Stadt

Allerdings, so berichten zuverlässige Quellen aus der Stadt, waren die Eroberer zunächst nicht Mitglieder des IS, sondern Anhänger Saddam Husseins, ehemalige Mitglieder von dessen Baath-Partei und Offiziere der alten irakischen Armee. Die hatten sich die Rückkehr an die Macht in Saddams Heimatstadt erhofft. So ist zu erklären, dass es anfangs in Tikrit keinen Widerstand gegen die neuen Herrscher gab. Man kannte sich. Doch der Plan der ehemaligen irakischen Herrschaftsclique ging nicht auf. Sie wurde im Laufe der Zeit in Tikrit vom IS verdrängt.

Tikrit ist fast leer

Inzwischen ist mehr als die Hälfte der Einwohner geflohen. Tikrit sei fast leer, berichten die Flüchtlinge. Sie haben großteils im nahen Kirkuk Unterschlupf gefunden - darunter auch Professoren, Dozenten und Studenten der Universität von Tikrit. Teilweise habe es auf dem Campus absurde Situationen gegeben, berichten die Wissenschaftler. Über Wochen hätten sich IS-Kämpfer in einem Teil der Uni verschanzt, im anderen lagerten Regierungstruppen. Manchmal habe man gegeneinander gekämpft, manchmal aber auch Tee zusammen getrunken. Jedenfalls sei die Uni inzwischen total zerstört, sagt ein Professor, der erst kürzlich für einen Tag wieder in Tikrit war, um Dokumente zu holen. Selbst wenn Tikrit zurückerobert werden könne, würde es noch Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis dort der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden kann.

IS-Fahne an der Straße nach Tikrit - Foto: Xinhua

IS-Fahne an der Straße nach Tikrit: Seit fast neun Monaten unter Kontrolle der Terrormiliz

Mit der Schlacht um Tikrit verfolgt das Einsatzkommando in Bagdad jetzt folgende Strategie: Geplant ist, zunächst die Städte entlang des Tigris - neben Tikrit auch Samarra und Baiji - vollständig wieder unter die Kontrolle der Regierung zu bekommen. Von dort will man weiter nach Westen vorrücken, nach Haditha in der Provinz Anbar, wo der strategisch wichtige Euphrat-Damm heiß umkämpft ist. Gelingt dies, dann wären wichtige Versorgungswege und Verbindungsstraßen wieder in der Hand Bagdads.

Doch es gibt nach wie vor Zweifel an der Einsatzfähigkeit der irakischen Armee. Obwohl die Soldaten in den vergangenen Monaten von diversen ausländischen Experten geschult wurden, allen voran von den Amerikanern, wird jetzt zwar nicht mehr ihre Kampffähigkeit infrage gestellt. Aber es gibt weiter Mängel bei deren Ausrüstung. Es gäbe zu wenig Munition, Raketen und Panzerhaubitzen, so ein Mitglied des Sicherheitsausschusses im irakischen Parlament, das nicht genannt werden will.

Nachdem die USA während ihrer Besatzungszeit 25 Milliarden Dollar in Ausrüstung, Training und Bewaffnung der neuen irakischen Armee gesteckt hatten und dies nichts gebracht hätte, seien sie jetzt zurückhaltender. Die Kosten für den jetzigen Einsatz würden dreigeteilt zwischen Irak, den Vereinigten Staaten und Saudi-Arabien.

Iran spielt eine wichtige Rolle

Freiwillige Kämpfer in der Offensive gegen IS - Foto: EPA

Freiwillige Kämpfer in der Offensive gegen IS: Ohne Schiiten-Milizen nicht zu gewinnen

Allerdings bleibt ein wichtiger Partner im Kampf gegen den IS zumeist unerwähnt: Der Iran. Schon seit längerem arbeiten die Regierungen in Washington und Teheran im Irak zusammen. So auch auf der Militärbasis al-Assad. Der Standort liegt in Iraks flächenmäßig größter Provinz Anbar, die zu großen Teilen von IS kontrolliert wird. In al-Assad sind seit Wochen Soldaten aus den USA und dem Iran gemeinsam dabei, sich mit Irakern auf den Großeinsatz gegen den "Islamischen Staat" vorzubereiten.

Freiwillige Kämpfer diverser Schiitenmilizen werden dort ebenfalls ausgebildet. Ohne die Milizen sei der Krieg gegen den IS nicht zu gewinnen, heißt es in Militärkreisen. Dabei sei die Badr-Brigade die schlagkräftigste, eine von Exil-Irakern im Iran noch zu Zeiten Saddam Husseins gegründete militärische Einsatztruppe. Nach dem Training im Iran trainiert sind deren Kämpfer sowohl für den Guerilla- als auch für einen herkömmlichen Krieg ausgebildet. Generalmajor Qassem Suleimani, ein Iraner, soll jetzt das Kommando über die Brigade für ihren Einsatz in Tikrit übernommen haben.

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