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Nahost

Kommentar: Das Ungeheuer von Tikrit

Die irakische Armee steht vor den Toren Tikrits, um dort den Kampf gegen den "Islamischen Staat" aufzunehmen. Doch militärisch allein ist der Kampf nicht zu gewinnen. Es braucht auch die Politik, meint Kersten Knipp.

Der Krieg gegen den "Islamischen Staat" (IS) wird in Tikrit geführt. Aber gewonnen oder verloren wird er in Bagdad. Denn nirgends sonst als in der irakischen Hauptstadt entscheidet sich die politische Zukunft des Landes, findet sich eine Antwort auf die Frage, was der Irak in Zukunft sein will: ein Territorium, auf dem drei Gruppen leben, deren einzig verbindendes Element eine gemeinsame Außengrenze ist, innerhalb derer sie es eher schlecht als recht nebeneinander aushalten. Oder ein Staat, in dem diese drei Gruppen - Sunniten, Schiiten und Kurden - sich entschieden haben, miteinander zu leben und sich zu dessen Institutionen zu bekennen. Im Parlament von Bagdad wird sich entscheiden, ob sich die Iraker endlich wieder einen überkonfessionellen Gesellschaftsvertrag geben. Oder ob sie weiterhin entlang konfessioneller und ethnischer Linien einer ungewissen, im Zweifel düsteren Zukunft entgegen tappen wollen.

Die Zeit danach

Die Signale, die aus Bagdad Richtung Tikrit wehen, werden die Kampfmoral der Truppe ganz erheblich beeinflussen. Vor den Toren der Stadt steht ein buntes Bündnis aus Armee, schiitischen Bürgermilizen und sunnitischen Freiwilligen. Sie alle eint derzeit nicht viel mehr als der Wille, den gemeinsamen Feind zu vernichten, die Terrororganisation "Islamischer Staat". Das wird Wochen oder Monate dauern, aber schon jetzt stellt sich die Frage nach dem danach. Was, wenn die Terroristen - hoffentlich - irgendwann geschlagen sind? Wie geht es dann weiter zwischen Sunniten, Schiiten und oben im Norden den Kurden?

Kersten Knipp (Foto: DW)

Kersten Knipp

Der IS hat es in kürzester Zeit fertig gebracht, weite Teile der Sunniten, die dem Einzug der Gotteskämpfer vor ein paar Monaten noch zugejubelt hatten, wieder gegen sich aufzubringen. Man sieht es eben nicht gerne, wenn Nachbarn wegen Nichtigkeiten ans Kreuz genagelt, aus Hochhäusern in die Tiefe gestürzt oder ausgepeitscht werden.

Früchte des Krieges

Sich gegen Terroristen und Schlächter aus Leidenschaft zu stellen, ist das eine. Sich mit dem Feind des Feindes darum gleich auch zu verbrüdern, etwas anderes. Sunniten und Schiiten bilden derzeit nicht viel mehr als eine Zweckgemeinschaft. Und beide Gruppen engagieren sich nicht ohne Hintergedanken: die Schiiten, zumindest eine ganze Reihe unter ihnen, träumen davon, die ihnen nach dem Sturz Saddam Husseins zugefallene Macht weiter auszubauen und zu konsolidieren. Die Sunniten dagegen hoffen, die vom IS zurückeroberten Gebiete wieder vollständig unter ihre Kontrolle zu bekommen und als zusätzliches Pfund in die Verhandlungen über das künftige Machtarrangement einbringen zu können.

Wie wichtig es ist, geschlossen aufzutreten, haben die Sunniten in den letzten Monaten erfahren, als die Schiiten ihren Kampf gegen den IS auch dazu nutzten, Sunniten aus ihren angestammten Gebieten zu vertreiben und deren Häuser zu besetzen. "Wir holen uns nur zurück, was die Sunniten uns vor Jahrhunderten genommen haben", lautet die Floskel, mit der die Schiiten ihre Raubzüge begründen. Ihren Zorn befeuert freilich auch die Erinnerung an die letzten Jahrzehnte unter der Schreckensherrschaft Saddam Husseins. Der hatte sich die - zu Beginn seiner Herrschaft noch durchaus überschaubaren - religiösen Spannungen des Landes zunutze gemacht und die beiden Gruppen systematisch gegeneinander ausgespielt. Im Laufe seiner Herrschaft fand er nichts dabei, zahllose Schiiten zu töten. Die Opferzahlen lassen sich nur schätzen, gehen vermutlich aber in die Millionen. So etwas vergisst man nicht leicht.

Die Sunniten dagegen haben die Jahre unter dem schiitischen Premierminister Nuri al-Maliki in frischer Erinnerung. Anstatt nach dem Sturz des Diktators die nationale Versöhung einzuleiten, setzte er das Werk der nationalen Spaltung fort, nur eben unter umgekehrten Vorzeichen. Jetzt waren es die Schiiten, die in den Genuss kamen, ihre Gegner zu drangsalieren. Und noch etwas macht die Sunniten nervös: Die hegemonialen Aspirationen des Iran, der seine Militärfachleute nicht nur aus humanitären Gründen Richtung Tikrit schickt.

Ein Diktator und ein Revanchist

Der Irak hatte das Pech, von einem Diktator und nach ihm von einem Revanchisten regiert zu werden. Gelingt es den Kämpfern vor den Toren Tikrits, die IS- Terroristen irgendwann zu schlagen, steht ihnen die nächste Aufgabe bevor: das Erbe zweier Staatsmänner über Bord zu werfen, die das Land in Grund und Boden regiert haben. Gelingt das nicht, mag der IS zwar niedergerungen sein. Doch schon dürfte die nächste Generation tödlich gesonnener Terroristen bereitstehen. Der IS ist ein Ungeheuer, das letztlich nur im Parlament in Bagdad besiegt werden kann.