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Asien

Der Kampf der "Tiananmen-Mütter"

Vor 25 Jahren haben die Tiananmen-Mütter das Wertvollste verloren, was sie besaßen: ihre Kinder. Seitdem kämpfen sie um Gerechtigkeit - und wagen es, das Blutbad öffentlich zu thematisieren.

Fast jeden Tag schläft Xu Jue mit Schmerzen ein. Mit den gleichen Schmerzen wacht sie anderntags wieder auf. Dieser Schmerz hat nicht allein seine Ursache in dem Leber- und Darmkrebs, an dem sie im Endstadium leidet. Tiefer noch sitzt der seelische Schmerz wegen dem Verlust ihres Sohnes am 4. Juni 1989.

Nach dem Tod des früheren Reformparteichefs Hu Yaobang am 15. April 1989 waren tausende chinesischer Studenten in Peking auf die Straßen gegangen. Sie demonstrierten gegen Korruption und Privilegien der Kader. Sie wollten den festgefahrenen Prozess politischer Reformen wieder in Gang bringen. Mit dabei der Sohn von Xu Jue, Wu Xiangdong. Über 50 Tage dauerten die

friedlichen Proteste

. Doch die Hardliner in der kommunistischen Führung setzten sich durch und begannen in der Nacht vom 3. Auf den 4. Juni mit der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung. Xu Jue fand später die Leiche ihres Sohnes in einem Pekinger Krankenhaus. Wie durch einen Blitz getroffen, fiel sie in Ohnmacht.

Ähnlich hat das Schicksal auch bei Zhang Xianling zugeschlagen. Ihr 19-jähriger Sohn Wang Nan wollte vor 25 Jahren mit seiner Kamera "Geschichte dokumentieren". Er wurde von Soldaten der Volksbefreiungsarme als "Randalier" auf seinem Fahrrad erschossen, erzählt Mutter Zhang in einem Zeugenschreiben. Die Armee habe ihr nicht einmal erlaubt, ihren Sohn medizinisch behandeln zu lassen. Deshalb stirbt der Oberschüler noch in derselben Nacht, an dem Ort, wo eine Kugel ihn in den Kopf traf.

"Das Schweigen brechen"

Demonstranten rund um ein Feuer auf dem Tiananmen Platz in der Nacht zum 4. Juni 1989 (Foto: Jeff Widener(AP)

Der Sohn von Zhang Xianling stirbt am 4. Juni 1989 an dem Ort, wo ihn eine Kugel in den Kopf traf

Ihr Leid gibt den Angehörigen der Opfer des Tiananmen-Massakers die Kraft, weiter zu machen, nicht aufzugeben. Seit einem Vierteljahrhundert kämpfen sie nun für Gerechtigkeit, fordern eine Aufarbeitung des Blutbades. In einem locker organisierten Netzwerk richten sich die "Tiananmen-Mütter" immer wieder über offene Briefe, Petitionen und Essays an die kommunistische Partei und verschiedene Organe des chinesischen Staates. Jedes Jahr aufs Neue fordern sie vor dem Nationalen Volkskongress im März die Delegierten auf, "das Schweigen zu brechen". Die Wahrheit müsse aufgedeckt, die Opfer entschädigt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, heißt es in jedem dieser Appelle. Eine Antwort haben sie noch nie bekommen.

Was vor 25 Jahren China und die Welt bewegte, wird heute in China totgeschwiegen. Die Parteiführung stufte 1989 die Studentenbewegung offiziell als "konterrevolutionär und gewalttätig" ein. Diese Einschätzung wurde bislang nicht zurück genommen - auch wenn in den letzten Jahren die Regierung, wenn überhaupt, nur abstrakt von dem "Tiananmen-Zwischenfall" spricht. Bis heute leugnet die chinesische Regierung, den Befehl zum Schießen auf Studenten und Zivilisten gegeben zu haben.

Niemand weiß genau, wie viele Menschen in der Nacht auf den 4. Juni starben. Unabhängige Quellen schwanken zwischen mehreren hundert bis tausenden von Menschen. Die chinesische Regierung spricht von lediglich 36 Todesopfern. Allein die "Tiananmen-Mütter" berichten, mindestens 203 Tote identifiziert zu haben. Die Frauen waren damals überwiegend zwischen 50 und 60 Jahren alt. Mittlerweile ist ein Großteil von ihnen weit über 70. Für viele wird die Zeit in ihrem Kampf um Gerechtigkeit knapp.

Gleichgültigkeit und Desinteresse

Im Lauf der Jahre wuchsen Gleichgültigkeit und Desinteresse der Bevölkerung. Auf verschiedenen Diskussionsplattformen im Internet kann man feststellen, dass die Propaganda der Regierung Früchte trägt: Ein beachtlicher Teil der User vertritt dort die Meinung, das Blutvergießen vor 25 Jahren sei notwendig gewesen, "um die Stabilität und die Grundlage für die spätere, rasante wirtschaftliche Entwicklung zu sichern", so etliche Kommentare. Auch Xu Jue, die Mutter eines Opfers, muss mit dieser Gleichgültigkeit fertig werden: "Die junge Generation um mich herum, aber auch die mittlere und ältere Generation interessiert sich nicht für das Leid der Anderen. Solange nur das Portemonnaie immer voller wird, ist alles andere egal", fasst Xu Jue ihre Erfahrungen zusammen.

"Jeder hat Angst um sein Leben."

Wachen und ein Panzer vor dem Eingang zur Verbotenen Stadt im Zentrum von Peking, einige Tage nach dem 4.6.1989 (Foto: Jeff Widener/AP)

Kurz nach der Niederschlagung der Demokratie-Bewegung stehen Soldaten Wache

Für Mutter Zhang Xianling gibt es noch einen weiteren, gewichtigen Grund, warum die

junge Generation

nicht mehr für Demokratie und Gerechtigkeit auf die Straßen gehen wird: "Jeder hat Angst um sein Leben. Als damals die Menschen die Kugeln fliegen sahen, haben sie Angst bekommen. Niemand hat damit gerechnet, dass die Kommunisten wirklich mit scharfer Munition schießen würden." Zhang vermutet, niemand würde es mehr wagen, sich gegen das Regime zu stellen - es sei denn, die eigenen Interessen würden massiv bedroht. " Aber dann", so Zhang, "sind sie nicht mehr das brave Volk, sondern ein gewaltbereiter Mob."

Die chinesischen Behörden beobachten die "Tiananmen-Mütter" seit Jahren genau. In diesem Jahr aber sei die Kontrolle besonders streng, berichten Zhang und Xu übereinstimmend der Deutsche Welle. Die neue Führung unter Xi Jinping zeige keinerlei Anzeichen von Entgegenkommen, sagt Xu - in vollem Bewusstsein, dass ihr Telefonat mit der Deutschen Welle von den Sicherheitsbehörden abgehört wird. Dabei ist von der neuen Führung niemand in die Vorgänge von vor 25 Jahren verwickelt. Theroretisch wäre der Weg für eine Neubewertung also frei. Dennoch berichtet Xu, tagtäglich hielten sich dutzende Polizisten vor ihrer Haustür auf. Bei jedem Einkauf und Sparziergang würde sie eng von Polizisten begleitet. Zhang Xianlin erlebt momentan das Gleiche. Dennoch findet sie, trotz ihrer täglichen Schmerzen, ein bisschen Trost und Hoffnung: Noch vor 15 Jahren wurde Zhang von ihren Bewachern als Verbrecherin bezeichnet. Heute passiert es ihr manchmal, dass einer von ihnen ihr heimlich gesteht, dass er sie auf der Seite der Gerechtigkeit sieht.

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