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Nahost

Der "Islamische Staat" und die Türkei

Wieder hat ein Terrorist des "Islamischen Staats" in Istanbul ein Attentat verübt. Es fand in ideologisch aufgeladener Atmosphäre statt. Die Tat beleuchtet auch das Verhältnis der Regierung zu den Dschihadisten.

Fünf Menschen hatte der Attentäter nahe der Haupteinkaufsstraße Istiklal in Istanbul am Samstag mit in den Tod gerissen. Einen Tag später erklärte die Regierung in Ankara, der Mann sei identifiziert: Es handele sich um einen 1992 geborenen türkischstämmigen Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). "Der derzeitige Ermittlungsstand zeigt, dass der Terrorist in Verbindung mit der Terrororganisation Daech (identisch mit dem IS, d. Red.) stand", sagte Innenminister Efkan Ala vor Journalisten in Ankara.

Das Attentat wie auch jenes von Anfang Januar, bei dem acht deutsche Touristen nahe der Blauen Moschee getötet worden waren, ist ein weiteres Anzeichen dafür, dass der IS nun auch die Türkei zu seinen Feinden zählt. Seit gut anderthalb Jahren engagiert sich das Land in der Anti-IS-Allianz. Spätestens seitdem gilt es den Dschihadisten als Teil des westlichen Bündnisses, mit dem es sich im Krieg befindet.

Der IS greift die Türkei seit dem Sommer vergangenen Jahres an. Im Juli 2015 sprengte sich in der osttürkischen Stadt Suruc, zehn Kilometer von der syrischen Grenze, ein Selbstmordattentäter in die Luft. Er riss 34 überwiegend junge Menschen mit in den Tod. Auch dieses Attentat legt die türkische Regierung dem IS zur Last.

Von der Terrororganisation Islamischer Staat kontrolliertes Gebiet nahe Bagdad, 29.09.2014 (AP Photo/Hadi Mizban)

Herausforderung für die Türkei: die Terrororganisation "Islamischer Staat"

Ambivalentes Verhältnis zum IS

Lange Zeit war das Verhältnis der Türkei zum IS ambivalent. Die türkische Regierung sah in den Dschihadisten ein Instrument, um in den syrischen Bürgerkrieg einzugreifen. "Ziel war es, jene Kräfte in Syrien zu stärken, die gegen den dortigen Präsidenten Baschar al-Assad sind", erklärte der Islamwissenschaftler Wilfried Buchta Mitte Januar dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". "In diesem Zusammenhang hat die Türkei den IS möglicherweise heimlich unterstützt, zumindest logistisch."

Wie weit diese Unterstützung ging, ist nicht eindeutig belegt. Im Januar 2014 hatte die türkische Polizei nahe der syrischen Grenzen einen LKW aufgebracht, der schweres militärisches Gerät enthielt. Vorwürfe, dieser sei für den IS bestimmt gewesen, hatte die türkische Regierung immer wieder bestritten. Die Lieferung sei für mit der Türkei verbündete turkmenische Kämpfer bestimmt gewesen, hieß es aus Ankara.

Schmuggelgeschäfte mit dem IS

Immer wieder musste sich die Türkei auch den Vorwurf anhören, sie sei mit dem IS in den Erdölschmuggel verstrickt. Den Vorwurf hatte Russland noch im vergangenen Herbst erhoben. "Hauptabnehmer des vom 'Islamischen Staat' in Syrien und im Irak gestohlenen Erdöls ist die Türkei", sagte Vizeverteidigungsminister Anatoli Antonow am Mittwoch in Moskau: "Nach vorliegenden Angaben sind die politische Führung des Landes, Präsident Erdogan und seine Familie, auch darin verwickelt." Details nannte er allerdings nicht.

Die USA nahmen die türkische Regierung gegen diese Vorwürfe in Schutz. Türkische Privatleute sind allerdings nachweislich in entsprechende Schmuggelgeschäfte mit dem IS verstrickt. Eine Studie der Universität Greenwich wies Anhaltspunkte für entsprechende Aktivitäten besonders im türkischen Tanker-Hafen Ceyhan im Süden des Landes nach.

Die deutsche Botschaft in Istanbul, bewacht von einem tükischen Polizisten, 17.03.2016 (Foto: REUTERS/Murad Sezer)

Unter türkischem Schutz: das deutsche Konsulat in Istanbul

Lange Zeit konnten sich zudem europäische IS-Sympathisanten über die Türkei nach Syrien absetzen. Der Weg über die Türkei gilt als günstigste Route, um in das Bürgerkriegsland zu gelangen. Der Grenzübergang wurde lange Zeit nur locker kontrolliert. Wer darum zu welchem Zweck nach Syrien reiste, lässt sich nicht eindeutig erhärten. EU-Bürger könnten über die Türkei recht unbehelligt nach Syrien einreisen und auch wieder in die EU zurückkehren, schreibt Behnam T. Said, Islamwissenschaftler am Landesamt für Verfassungsschutz in Hamburg, in seinem Buch "Islamischer Staat": "Nicht jede Dschihad-Reise kann daher als solche erkannt werden."

Ideologische Verwandtschaft

Es sei unangemessen, die Türkei der Unterstützung des IS zu bezichtigen, schreibt der Publizist Mustafa Akyol auf der Website des katarischen Fernsehsenders Al-Jazeera. Angemessen sei aber etwas anderes, dass die Türkei die vom IS ausgehende Gefahr lange Zeit unterschätzt habe. Dafür führt er mehrere Gründe an: Zunächst habe sich die Türkei auf das Assad-Regime als wesentlichen Gegner konzentriert. Auch habe es den IS als Gegengewicht zu den Kurden gesehen.

Zusätzlich führt Akyol einen weiteren Grund an: "Die islamo-nationalistische Ideologie der regierenden AKP." Diese gehe davon aus, dass alle Probleme des Nahen Ostens durch verschwörerische westliche Mächte geschaffen worden seien und es zugleich keine islamistische Kraft gebe, die die Türkei bedrohen könnte, ganz egal, wie extrem sie ist.

Sympathien für den IS

Zudem hegt ein Teil der türkischen Bevölkerung Sympathien für den IS. Eine im August 2014 veröffentlichte Umfrage des Meinungsforschungsinstituts MetroPOLL ergab, dass etwas über 11 Prozent der Türken den IS nicht als terroristische Organisation ansehen. Das war zu einer Zeit, als er bereits zahlreiche Menschen auf teils brutalste Weise und vor laufenden Kameras getötet hatte.

Türkei Präsident Recep Tayyip Erdogan Rede, 13.11.2013 (Foto: OZAN KOSE/AFP/Getty Images)

Vertreter eines konservativen Islam: Der türkische Präsident Tayyip Erdogan

"Die von den IS-Kämpfern abgeschlachteten Schiiten gelten zudem auch den sunnitischen Chauvinisten der Türkei als Häretiker", schreibt der türkische Publizist Burak Bekdil in einem Aufsatz für die Zeitschrift "Middle East Quarterly".

Vor diesem Hintergrund fand auch der jüngste Anschlag vom Samstag statt. Wie viele Türken sich dem IS angeschlossen haben, ist offen. Es dürfte aber eine hinreichend große Zahl sein, um auch künftig mit Anschlägen rechnen zu müssen.

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