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Kultur

Der fotografierende Schriftsteller: Arno Schmidt

Der Roman "Zettels Traum" ist eines seiner berühmtesten Werke. Neben dem Schreiben liebte Schmidt das Fotografieren; seine zahlreichen Fotos waren bisher jedoch unbekannt.

Der Schriftsteller Arno Schmidt 1964

Blick ins Objektiv: der Schriftsteller Arno Schmidt 1964

1949 trat Arno Schmidt mit seiner Erzählung "Leviathan" erstmals als Schriftsteller in der jungen Bundesrepublik hervor. Möglicherweise entdeckte er kurz darauf seine Leidenschaft für das Fotografieren; zumindest stammt das älteste Foto der Sammlung, die derzeit in der Ausstellung "Schmidts Fotoalbum" im Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg zu sehen ist, aus dem Jahr 1951: Ein Portrait seiner Frau Alice vor einer mit Weinreben umwucherten Haustür, an der Blecheimer und verstaubte Schuhe achtlos abgestellt sind.

Das verschneite Wohnhaus Arno Schmidt in Bargfeld

Winterliche Impression: Schmidts Wohnhaus in Bargfeld

Milchkannen und Moorlandschaften

Von seinen verschiedenen Wohnorten machte Arno Schmidt immer wieder Aufnahmen, die die Idyllen und die Lebenswelten der "Wirtschaftswunderjahre" einfingen: der mit Milchkannen, Denkmal und Kruzifix versehene Marktplatz des Kleinstädchens Gau-Bickelheim, spielende Kinder oder Darmstädter Szenerien. Doch die Fotos waren für Schmidt bald mehr als nur bloße Schnappschüsse; vielmehr stellten sie eine Art visuelles Tagebuch dar. Die abgelichteten Orte und Landschaften dienten ihm auch als Inspirationsquellen für seine Erzählungen und Romane.

Arno Schmidt, fotografiert von seiner Frau 1972

Landschaft mit Autor

Eine Pappelalle, die in die Unendlichkeit zu führen scheint, Moorlandschaften mit Kanälen und Flüssen, in denen sich Uferbäume, wild wuchernde Gräser und Büsche spiegeln, Heidekraut und sandige Pfade: Nach seinem Umzug nach Bargfeld, einem kleinen Ort in der Lüneburger Heide, entstanden nach 1958 zahllose stimmungsvolle Naturaufnahmen voller Poesie und Schönheit zunächst in Schwarzweiß und ab 1964 in Farbe. Dazu kamen auch vermehrt inszenierte Portraits des Schriftstellers, die von vornherein für Illustrierten gedacht waren. Um Geld zu sparen, ließ Schmidt von den Negativen im Fotogeschäft nur kleine Kontaktabzüge anfertigen; die wenigen Vergrößerungen wurden in Zigarrenkisten aufgehoben.

Eine Sackkarre am Gartenschuppen

Idylle am Gartenschuppen

Gegen die Vergänglichkeit des Seins

1964 schwenkte Schmidt nicht nur auf den Farbfilm um, sondern auch auf das Dia. Bis zu seinem Tod 1979 entstanden rund 2500 der transparenten Fotos, die mit Amateurhaftigkeit nichts mehr zu tun hatten. "Es ist ein Fotografieren, das mit einem größeren Bildbewusstsein passiert", schwärmt Janos Frecot, der Kurator der Regensburger Ausstellung, "so als ob er durch eine Schule gegangen ist, wie bringe ich die Langweiligkeit einer riesigen Wiesenfläche mit einem Himmel dahinter so ins Bild, dass es doch ein interessantes und spannungsreiches Bild wird." Dabei entpuppt Arno Schmidt sich in seinen Fotos nicht als Sonderling, für den man ihn oft hielt, sondern als verkappter Romantiker, der mit seiner Kamera auf die sanfte Weise protestiert: nämlich gegen die Vergänglichkeit des Seins.

Autor: Thomas Senne/kg

Redaktion: Conny Paul

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