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Nahost

Der Film, die Wut und die Dogmen

Die Demonstranten, die gegen den Mohammed-Film protestieren, sind geprägt von konservativen Strömungen, die in der islamischen Welt weit verbreitet sind Sie reichen zurück bis ins 19. Jahrhundert.

Wut und Zorn können spontan sein. Sie können aber auch zurückreichen in die Geschichte, sich aus Empfindungstraditionen nähren, die weit in die Vergangenheit weisen. Was als unmittelbarer Affekt erscheint, kann auch auf Gefühle zurückgehen, die eng mit bestimmten weltanschaulichen oder religiösen Ideologien verbunden sind. Solche Muster spielen nach Auffassung von Islamwissenschaftlern auch bei den jüngsten Demonstrationen gegen das anti-islamische Schmähvideo eine Rolle.

Religiöse Verhärtung

Ein aufgeschlagener Koran.

Ein Buch, viele Deutungen: Der Koran

Bewusst oder unbewusst identifizieren sich die Demonstranten mit einem Islamverständnis, das zu großen Teilen auf das 19. Jahrhundert zurückgeht. Der in Münster lehrende Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat in seinem Buch "Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams“ die religiöse Verhärtung als Folge des westlichen Imperialismus beschrieben. Als die Franzosen Anfang des 19. Jahrhunderts Algerien, den Libanon und Syrien und die Briten Ägypten und Palästina unter ihre Herrschaft brachten, unterwarfen sie die eroberten Regionen nicht nur politisch, sondern auch kulturell. Sie ließen sich von einer moralisch rigorosen Weltsicht leiten, derzufolge die Bewohner der eroberten Gebiete als Menschen zweiter Klasse galten. Unter dem Druck der neuen Verhältnisse, schreibt Bauer, verwandelten die islamischen Religionsgelehrten ihre bis dahin locker strukturierte Religion ebenfalls in ein festes dogmatisches Gebilde. Die bis dahin übliche Vieldeutigkeit ersetzten sie durch strenge ideologische Vorgaben. Darüber sei das religiöse Weltbild erstarrt, und zwar bis heute. "Während die Gelehrten des traditionellen Islams die Vielfalt der Auslegungsmöglichkeiten des Korans zelebrierten, glauben heutige Koraninterpreten, ob in West oder Ost, ob fundamentalistisch oder reformorientiert, ganz genau zu wissen, welches die einzig wahre Bedeutung einer Koranstelle ist."

Göttlicher Offenbarungsanspruch

Diese Verhärtung hat auch Auswirkungen über die Religion hinaus – so etwa in der Rechtsprechung, der so genannten Scharia. Diese verknüpfe religiöse mit rechtlichen Dimensionen, erklärt der Bonner Soziologe und Jurist Werner Gephart, Direktor des Käte-Hamburger-Kollegs "Recht als Kultur". Das werfe Probleme eigener Art auf: "Für das okzidentale Recht ist die Differenzierung von Recht und Religion typisch. In der islamischen Tradition hingegen werden unter dem vagen Begriff ´Scharia´ nicht nur religiöse und rechtliche Normen, sondern auch solche des Alltagslebens zusammengefasst." Dadurch wird die Scharia wird zu einem ideologischen System, das sämtliche Aspekte des Lebens zu reglementieren beansprucht.

Ihre Macht, erklärt Gephart, gründe die Scharia auf den Umstand, dass sie sich auf eine Quelle beziehe, die sich nicht widerlegen lasse: die göttliche Offenbarung. Es handele sich um ein umfassendes Regelwerk, dessen Gültigkeit mit seiner göttlichen Herkunft begründet werde. "Das heißt, es gibt immer wieder auch einen spirituellen Bezug. Wenn man es juristisch lesen will, ist es ein unterstellter Wille, nach dem sich eine gesamte Gesellschaftsordnung totalitär zu richten hätte."

Machtanspruch konservativer Theologen

Ein Portrait des Theologen Nasr Hamid Abu Zaid, aufgenommen 1999. Der Wissenschaftler zählt zu den bedeutensten islamischen Denkern der Gegenwart. Seine Thesen zum Koran, zur islamischen Theologiegeschichte und zum modernen Islamismus haben ihm den Vorwurf der Ketzerei und zahlreiche Morddrohungen eingebracht. (Foto: dpa)

Als Abtrünniger verurteilt: Der ägyptische Theologe Nasr Hamid Abu Zaid

Die Konkurrenz unterschiedlicher Islam-Deutungen beruht zunächst auf dem Umstand, dass die Interpretation religiöser ebenso wie weltlicher Texte niemals eindeutig sein kann, sondern sich einer unaufhebbaren Mehrdeutigkeit gegenüber sieht. Hinzu kommt aber auch ein in weiten Teilen der arabischen Welt verbreiteter religionspolitischer Umstand – nämlich die Weigerung der tonangebenden konservativen Theologen, moderne, historisch argumentierende Lesarten des Korans zuzulassen. Niemand hat das so deutlich erfahren wie der ägyptische, im Juli 2010 verstorbene Reformtheologe Nasr Hamid Abu Zaid. Der Ketzerei angeklagt, musste er Ägypten vor mehreren Jahren verlassen. Im Gespräch mit der DW erklärte der Gelehrte kurz vor seinem Tod, warum es die historisch-kritische Lesart des Islam so schwer hat: "Diese Methode bedroht die Macht der religiösen Autoritäten, und zwar auf dramatische Art. Denn sie gibt dem Einzelnen größere Möglichkeiten, die Schriften zu deuten, und zwar auch auf weniger dogmatische Art. Seitdem diese Art der nicht-dogmatischen Koranauslegung entstand, wurde sie von den religiösen Machthabern bekämpft. Denn es bedeutet für die Dogmatik natürlich eine Herausforderung, ja sogar Bedrohung."

Herrschaft der Militärs und Herrschaft der Theologen

Bild der Azhar-Universität in Kairo, Aufnahme vomn August 2006.

Zentrum konservativer Koran-Auslegung: die Al-Azhar-Universität in Kairo.

So hat die dogmatische Koranauslegung, wie sie etwa an der berühmten Kairoer Azhar-Universität gelehrt wird, weiterhin Einfluss auf viele Muslime. Immer noch sind es vergleichsweise wenige, die sich gegen die religiöse Dogmen des Islams stellen. Zu ihnen gehört der syrische Philosoph Zadik Al-Azm. Im Nahen Osten müsse man sich bisweilen entscheiden, ob man unter der Herrschaft der Militärs oder der der Islamisten leben wolle, erklärt er im Gespräch mit der DW. "Für mich ist die Sache klar: Ich will unter dem Gesetz der Militärs leben. Dort kann ich wenigstens Petitionen unterzeichnen, dass dieses Gesetz aufgehoben wird. Aber wer würde es unter den Islamisten wagen, eine Petition zu unterzeichnen, die die Aufhebung des göttlichen Gesetzes forderte?"

In einigen führenden arabischen Zeitungen ist der Zusammenhang zwischen theologischen, politischen und psychologischen Problemen in den letzten Tagen klar benannt worden. Angesichts einer mäßig entwickelten Lesekultur werden die dort gestellten Diagnosen aber noch eine Weile brauchen, um ihren Weg in die Öffentlichkeit zu finden.