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Musik

Der ESC und seine Skandale

Die Auseinandersetzung zwischen der Ukraine und Russland ist nur einer von vielen Skandalen in der mehr als 60-jährigen Geschichte des Eurovision Song Contest. Große Aufreger gehören von Beginn an zum ESC dazu.

2017: Der russischen ESC-Kandidatin Julia Samoylowa wird die Teilnahme am Wettbewerb verweigert. Der Grund: Sie war 2015 auf der russisch besetzten Krim aufgetreten und über russisches Gebiet eingereist und nicht durch die Ukraine – worauf grundsätzlich ein Reiseverbot erfolgt. Die beiden Länder sind sich bekanntlich nicht grün, wobei sich der Ton im Frühjahr 2017 nochmal verschärft. Am 23. März schickt die Generaldirektorin der Europäischen Rundfunkunion EBU eine Protestnote an die Ukraine, in der sie das Einreiseverbot und die damit einhergehende Politisierung der Großveranstaltung scharf kritisiert. Am 4. April gibt der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bekannt, dass es bei der Entscheidung bleibt. Die EBU droht Sanktionen gegen die Ukraine und Russland für zukünftige Jahrgänge an.

Russland Yulia Samoilova (picture alliance/dpa/M. Antipina)

Die russische Sängerin Julia Samoylowa darf 2017 nicht am ESC in Kiew teilnehmen

2016 – zum Dritten: Politisch motiviert oder nicht? Russland findet ja, die EBU sagt Nein. Jamala singt "1944" für die Ukraine - und Russland protestiert, da es in dem Lied um die Tartaren-Großeltern der Sängerin geht, die im besagtem Jahr aus der Krim deportiert wurden. Die EBU aber argumentiert, dass es einfach um einen historischen Song geht. Unabhängige Beobachter innerhalb und außerhalb Russlands finden jedoch, dass die Regeln für unpolitische Inhalte in diesem Fall weit gedehnt wurden. Und was passiert? Der Song – und die Ukraine – gewinnt den Wettbewerb.

2016 - zum Zweiten: Während des Halbfinales kommt es beinahe zur Disqualifikation der armenischen Sängerin Iveta Mukuchyan, da sie mit der Flagge der Region Berg-Karabach in die Kamera wedelt. Die Region im Südkaukasus ist von Armenien und Aserbeidschan nach wie vor umstritten - und die Flagge damit eine klare Überschreitung der ESC-Regeln. In diesem Fall bleibt es aber bei einem Tadel.

Lena Meyer-Landrut (Getty Images/R. Klatt)

Sie war die letzte Gewinnerin für Deutschland und blieb skandalfrei: Lena Meyer-Landrut 2010 in Oslo

2016 - zum Ersten: Der deutsche Soul-Sänger Xavier Naidoo sollte 2016 für Deutschland ins Rennen gehen. So entschied der Fernsehsender NDR. Dann beginnt der Sturm im Netz: Naidoo soll einer rechten Gruppe von Verschwörungstheoretikern nahestehen. Außerdem habe der Sänger politisch fragwürdige Songtexte geschrieben. Der NDR rudert nach einem Protestbrief ihrer eigenen Angestellten - wiederum unter Protesten - zurück und implementiert die altbewährte Casting-Methode. Mit fragwürdigem Erfolg: Deutschland landet bei der Entscheidung in Stockholm erneut auf dem letzten Platz.

2015: Ein rein innerdeutscher Skandal, aber immerhin: Als der Sieger der nationalen Vorausscheidung, Andreas Kümmert, seinen Sieg und damit die Teilnahme am ESC in Wien ablehnt, verschlägt es sogar der wortgewaltigen Moderatorin Barbara Schöneberger einen Moment lang die Sprache. Kaum hat sie sich gefangen, erklärt sie die zweitplatzierte Anne-Sophie zur Gewinnerin. Ob sie ihr damit einen Gefallen getan hat? In Wien heißt es dann: "Zero points for Germany" - das erste Mal seit fünfzig Jahren.

Eurovision Song Context 2014 Conchita Wurst (picture-alliance/dpa)

Ein Überraschungserfolg: Drag-Queen Conchita Wurst siegt 2014 in Kopenhagen

2014: Sekundenlang buht das Publikum bei der Bekanntgabe des Finaleinzugs der russischen Teilnehmer, den Tolmachevy Sisters. Dabei geht es deutlich nicht um deren Performance. Es ist das Jahr der russischen Annektion der Krim. Aufsehen erregt außerdem der Sieg der bärtigen Drag-Queen Conchita Wurst aus Österreich. Aber im Jahr 2014 ist das freilich kein Skandal mehr.

2013: Der Song von Deutschlands Beitrag Cascada steht unter Plagiatsverdacht, der sich aber nicht erhärtet. Vielleicht liegt es auch nur daran, dass die ESC-Popsongs allgemein immer ähnlicher klingen…

2010: Um das Stadtbild für die Eurovision-Touristen aufzuhübschen, lässt Moskau in großen Zahlen Straßenhunde und Katzen verschwinden, sehr zum Entsetzen des WWF Russlands. Übrigens wird dasselbe auch der ukrainischen Hauptstadt Kiew in diesem Jahr nachgesagt.

2009 - zum Zweiten: Die britische BBC berichtet, dass Aserbaidschaner, die für Armenier gestimmt haben, nach dem ESC von staatlichen Behörden verhört wurden. Offenbar haben Mobilfunkanbieter die Anrufe zurückverfolgt und die Daten weitergegeben. Nachdem die EBU den Fall untersucht hat, wird eine neue Regel aufgestellt, die Mobilfunkanbietern die Weitergabe von Anruferdaten verbietet.

Großbritannien Sängerin Dana International beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in Birmingham (picture-alliance/dpa)

Die transsexuelle Sängerin Dana International aus Israel siegt 1998 in Birmingham

2009: Der Beitrag Georgiens wird disqualifiziert: Der Song "We Don't Wanna Put In" hört sich dann doch zu sehr nach einer Nachricht an Präsident "Put-in" an - dies alles vor dem Hintergrund eines aktuellen militärischen Konfliktes zwischen Georgien und Russland.

1998: Alle Augen sind auf "Dana International" aus Israel gerichtet: Aber die Dana sei eigentlich der Dana. So zumindest wird die komplexe geschlechtliche Identitätsfrage zu der Zeit abgehandelt. Ultra-orthodoxe Juden protestieren lautstark. Und Dana gewinnt den Wettbewerb.

1986: Die belgische Sängerin Sandra Kim wird die jüngste Gewinnerin in der Geschichte des ESC. Und das wird sie wohl auch bleiben, denn sie ist bei ihrem Sieg tatsächlich erst 13 Jahre alt. Ihr Management hatte sie für 15 ausgegeben, mittlerweile ist das Mindestalter bei der Teilnahme 16 Jahre.

Norwegen Sandra Kim siegt beim Grand Prix d' Eurovision in Bergen (picture-alliance/dpa/Lehtikuva Ari Ojala)

Sandra Kim war die jüngste ESC-Gewinnerin seiner Geschichte

1982: Was kann denn bitteschön an "Ein bißchen Frieden" skandalös sein? Einigen Pazifisten geht der Text von Nicoles Beitrag – der gewinnt – nicht weit genug. Sie hätte statt "ein bisschen" den "totalen Frieden" fordern müssen.

1979: Für Deutschland geht "Dschinghis Khan" ins Rennen. Was sich für die einen harmlos anhört, ist für andere skandalös: Wie kann Deutschland in Israel unter dem Namen eines brutalen Eroberers auftreten?

1978: Arabische Sender boykottieren die Teilnahme von Israel, indem sie bei jedem von Israels Auftritten Werbung einblenden. Das jedoch wird im weiteren Verlauf zunehmend schwierig und absurd: Israel schafft es nämlich nicht nur ins Finale, es entscheidet den Wettbewerb am Ende für sich. Jordanien hält trotzdem an der eingeschlagenen Linie fest und erklärt kurzerhand Belgien zum Gewinner.

Nicole (picture-alliance/dpa/L. Oy)

Nicole: "Ein bißchen Frieden" war manchen nicht genug

1974: Auch wenn der ESC noch nie eine Revolution ausgelöst hat, so hat er doch immerhin schon ihren Fahrplan bestimmt: In Portugal, bis dahin eine Diktatur unter Marcelo Caetano, planen 1974 die Revolutionäre den Staatsstreich. Das Geheimsignal zum Aufbruch ist das im Rundfunk übertragenen ESC-Lied "E Depois do Adeus" ("Und nach dem Abschied") von Paulo Carvalho. Die so genannte "Nelken-Revolution" gelingt ohne viel Blutvergießen, der Song aber schafft es beim Wettbewerb nur auf Platz 14.

Dschingis Khan (picture-alliance/dpa/I. Bajzat)

Die deutsche Band Dschinghis Khan 1979

1969: Vier Länder - Spanien, Großbritannien, Holland und Frankreich - gewinnen zusammen den Preis. Sofort reagiert der ESC mit einer Änderung bei den Regeln der Punktevergabe. Nicht die erste Regeländerung in der ESC-Geschichte, und auch nicht die letzte ...

1968: Jugoslawien gibt all seine Stimmen an Spanien und macht so die damalige Diktatur unter Franco zum überraschenden Sieger des Wettbewerbs. Eigentlich war Cliff Richard – zumindest von den englischen Gastgebern – schon als Sieger ausgemacht. Jahre später wurde gemunkelt, dass Franco Jurys in ganz Europa bestochen haben soll, um das Image Spaniens aufzupolieren. Die Gerüchte konnten aber nie mit handfesten Beweisen untermauert werden.

ESC Lys Assia (Getty Images/Keystone/Hulton Archive)

Sie war die erste: Die Schweizer ESC-Gewinnerin Lys Assia

1957: Das dänische Sängerduo Birthe Wilke und Gustav Winckler küssen sich während der Fernsehübertragung ganze 11 Sekunden lang. Vor sechzig Jahre reichte das noch für einen Skandal.

1956: Der allererste Eurovision Song Contest, damals noch "Grand Prix Eurovision de la Chanson" genannt, findet im schweizerischen Lugano statt. Und ausgerechnet das Gastgeberland gewinnt mit dem Beitrag der Sängerin Lys Assia. "Unfair!" rufen einige und zeigen mit dem Finger auf Luxemburg: Da das Land, das damals knapp bei Kasse war, keine eigene Delegation zum Grand Prix schicken konnte, überließ es den Schweizern seine Stimmen. Ob das das Resultat entscheidend beeinflusst hat? Die Sängerin wurde in einer geheimen Jurywahl zur Gewinnerin bestimmt. Die Platzierungen der anderen Teilnehmer sind nicht bekannt.