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Musik

Der einflussreichste Klassikstar: Daniel Barenboim wird 75

Wenn über ihn gesprochen oder geschrieben wird, dann fast immer in Superlativen. Der Dirigent, Pianist und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim weiß die Musik und auch sich selbst wirksam in Szene zu setzen.

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Daniel Barenboim wird 75

2015: Eröffnung des Beethovenfests in Bonn. Die Staatskapelle Berlin spielt die Variationen für Orchester von Arnold Schönberg. Daniel Barenboim dirigiert – auswendig.

Das sind 21 Minuten abstrakter, mehrstimmiger, sperriger und überaus komplexer Musik, mit für den Hörer kaum greifbaren Themen und Verläufen. Die mentale Leistung, sie ohne Partitur zu dirigieren, ist kaum zu ermessen. Er muss sie auswendig gelernt haben.

1991: Bei den Bayreuther Festspielen dirigiert Barenboim den "Ring des Nibelungen". In einem Interview mit dem Autor dieser Zeilen gibt er nachher in einfachen Worten und mit großer Leichtigkeit die ganze Handlung des 16-stündingen Vieropernzyklus wieder - in nur wenigen Minuten. Er ist auch ein Meister präziser, klarer Kommunikation.

"Musikalisch ist Daniel Barenboim in seiner Universalität schlichtweg ein Genie", sagte Michael Dreyer, Leiter des Morgenlandfestivals in Osnabrück, im DW-Interview. "Ich weiß nicht, ob es heute einen zweiten Musiker gibt, der wie er in der Lage wäre, an einem Abend das Wohltemperierte Klavier im Konzert zu spielen, am Tag drauf eine Wagner-Oper zu dirigieren und vielleicht zwei Tage später ein Konzert mit Beethoven-Sonaten zu geben."

Matthias Schulz, gewählter Intendant der Staatsoper Berlin, sagt über Barenboim: "Er ist nicht erklärbar. Er lebt in verschiedenen Welten. Er ist Pianist, Dirigent, Generalmusikdirektor, Weltpersönlichkeit. Er will, dass die Institution weiter geht, denkt das mit. Auch das ist nicht normal."

Glücksfall für Berlin

Eröffnung des Pierre Boulez Saal in Berlin (picture-alliance/dpa/S. Stache)

Mit Frank Gehry bei der Eröffnung des Pier Boulez Saals

Es sind gleich mehrere Institutionen, bei denen Daniel Barenboim mitdenkt. Einmal sind es die Staatsoper und die damit verbundene Staatskapelle Berlin, die ihn zum Dirigenten auf Lebenszeit berufen hat. Vor allem aber ist es die Barenboim-Said-Akademie in Berlin. Diese beschreibt er als eine "Erweiterung der Idee" des West-Eastern Divan Orchestra, das er 1999 zusammen mit dem palästinensischen Literaturkritiker Edward Said gründete. Darin spielen Musiker aus Israel und arabischen Ländern zusammen.

Am 15. November, seinem  75. Geburtstag, spielt Daniel Barenboim in der Berliner Philharmonie als Pianist mit der Staatskapelle Berlin. Es dirigiert sein Freund Zubin Mehta, der ihn als den "wahrscheinlich größten Musiker unserer Zeit" beschreibt. Die Zeitschrift "Fortune Magazine" nennt ihn einen der "50 größten Führungspersönlichkeiten der Welt". Der Name Barenboim zieht; kaum einem klassischen Musiker schenkt man so viel Beachtung - auch seitens der Politik.

April 2017: Bei der Eröffnung des neugebauten Pierre Boulez-Saals in Berlin spricht der damalige Bundespräsident Joachim Gauck davon, "was es eigentlich für ein Glück ist, dass es diese intensive Beziehung zwischen Berlin und Daniel Barenboim gibt. Die Barenboim-Said-Akademie und dieser wunderbare Saal sind eigentlich ein Geschenk für Berlin und für Deutschland."

Der Maestro hat es also geschafft, auch die Politik von seiner Vision zu überzeugen: Die Akademie mit dem Boulez-Saal ist nicht nur mit kräftiger Unterstützung aus Bundesmitteln entstanden, sondern wird durch diese jährlich mit Millionenbeiträgen subventioniert. Dass junge Menschen aus verfeindeten Ländern gemeinsam lernen sollen, entsteht aus der Überzeugung, dass klassische Musik zu einem friedlichen Zusammenleben der Menschen beitragen kann und muss.

Auch seinem Freund Frank Gehry konnte er an Bord holen. Der amerikanische Stararchitekt entwarf die kühne, ovale Spielstätte - ohne dafür ein Honorar zu verlangen.

Vom Schmerz der israelischen Politik

Bei der Akademie ist Daniel Barenboim unentbehrlich. Anderswo geht es auch ohne ihn. 2015, als die Berliner Philharmoniker ihren zukünftigen Musikdirektor und Chefdirigenten in Personalunion zu wählen haben, erklärte Ulrich Eckhardt, langjähriger Intendant des Orchesters, dass es angesichts dieser Fülle an Verantwortung nur einen qualifizierten Kandidaten gebe: Daniel Barenboim. Er, der in seiner langen Laufbahn bereits zweimal bei der Besetzung des Postens übergangen wurde, erklärt jedoch, er stünde nicht zur Verfügung. Der Russe Kirill Petrenko bekommt daraufhin bei den Berlinern den Zuschlag.

Daniel Barenboim, pianist, Odeon Cinema, Temple Fortune, London, 1971. Artist: Unknown (picture-alliance/HIP/Jewish Chronicle)

Der Jungstar im Jahr 1971

2001: Barenboim dirigiert den "Liebestod" aus Richard Wagners Oper "Tristan und Isolde" in Tel Aviv. Er hat zwar zuvor das Publikum um Zustimmung gebeten, dennoch verlassen einige Zuhörer wutentbrannt den Saal. Nachher gibt es Proteste in der israelischen Knesset: Wagner sei doch der Lieblingskomponist der Nazis gewesen.

2005: Bei einem Konzert in Ramallah im von Israel besetzten Westjordanland dirigiert Barenboim junge Israelis, Palästinenser und Musiker aus verschiedenen arabischen Ländern, die unter schwierigsten Bedingungen angereist waren. "Das Unmögliche ist viel einfacher als das Schwierige", sagt er damals. Heute weiß er: 2017 wäre ein solches Konzert nicht mehr denkbar, so sehr hat sich die politische Lage zugespitzt.

Barenboim, der neben einem spanischen und israelischen auch einen palästinensischen Pass hat, ist ausgesprochener Kritiker der israelischen Politik. "Das schmerzt ihn richtig, dass Israel in diese Richtung gegangen ist", sagt seine Frau Elena Bashkirova. "Er ist auch auf der Straße angespuckt, gemobbt worden. Manchmal braucht er in Israel sogar einen Bodyguard."

Dennoch arbeitet der Maestro nach einem Grundsatz weiter, den er 2005 so in Worte fasste: "Dieses Konzert wird den Frieden nicht bringen. Aber was es bringen wird, ist Verständnis, Geduld und die Neugier auf die Geschichte des Anderen." 

Der nimmermüde Musiker

Wie voll Barenboims Programm ist, verdeutlicht schon der Blick auf das Jahr 2017. Der am 15. November 1942 im argentinischen Buenos Aires Geborene spielte dort kürzlich mit der Starpianistin Martha Argerich, mit der er seit Kindertagen befreundet ist, ein Klavierduo. Am 3. Oktober dirigierte er bei der Wiedereröffnung der Staatsoper Berlin. Im Boulez-Saal spielte er in diesem Jahr sämtliche Klaviersonaten von Franz Schubert und dirigierte alle Schubert-Sinfonien mit der Staatskapelle Berlin. Die Sonaten soll er größtenteils erst ab dem 70. Lebensjahr gelernt haben.

Orchester de Paris, Chicago Symphony Orchester, La Scala Milan, Staatskapelle: Das sind die Stationen der musikalischen Laufbahn Barenboims. Kein großes Weltorchester, bei dem er nicht gastiert hätte.

2016 ruft Barenboim einen eigenen YouTube-Kanal ins Leben, um kurze Erklärstücke zu diversen musikalischen Werken zu bringen. Auch das spiegelt sein Talent für klare und verständliche Kommunikation - und seinen Wunsch, das Wissen des Publikums zu erweitern. 

"Mein Vater kann nicht nur eine Sache machen", weiß sein Sohn David Barenboim. "Er muss immer vier, fünf Baustellen haben". Dieser Mensch, dem alles nur so zufliegt, "ist ein sehr wichtiges und rares Beispiel dafür, dass die Musik nur ein Mittel für ein größeres Ziel sein soll ", zeigt sich der libanesischer Cellist Nassib Ahmadieh überzeugt.

Berlin Waldbühne, Barenboim & Argerich & West-Eastern Divan Orchestra (DAVIDS/Sven Darmer)

Bei einer Auftritt mit seiner Jugendfreundin Marta Argerich 2017

Stehen aber diese übergeordneten Ziele und die Leichtigkeit, mit der Barenboim jede Partitur erobert, einem überzeugenden Kunstausdruck im Wege? Zwischendurch ist leise Kritik zu hören. Die eine oder andere Aufführung, in der er dirigiert oder am Klavier sitzt, wirke lieblos absolviert. Und der hochbetagte Pianist Menahem Pressler sagte einmal: "Barenboim wäre ein besserer Pianist, wenn er üben würde."

Der volle Kalender, die vielen Auftritte, die Orchester- und Organisationsarbeit, das Leben in der Öffentlichkeit: Sind die für Barenboim eine Sucht? Der in die Jahre gekommene Klassikstar scheint sich dieses Risikos bewusst zu sein und sagte neulich dem Bayerischen Rundfunk: "Ich werde nicht einen Tag länger bleiben, wenn ich das Gefühl habe, dass das Orchester das nicht mehr will. Auch mit dem Klavierspiel: Ich hoffe, ich habe die Objektivität zu wissen, wann ich aufhören soll."

Doch noch ist es nicht soweit - vermutlich noch lange nicht.

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