1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Der Durchbruch von Seoul

Die Umgestaltung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und strengere Regeln für Banken - diese Reformen haben die G20 in Seoul auf den Weg gebracht. Der Gipfel war ein Erfolg, meint Henrik Böhme in seinem Kommentar.

default

Das Weltfinanzsystem lag am Boden vor zwei Jahren. Die Lehman-Bank, einer der ganz großen Player, war pleite, andere Institute kurz davor - es brannte lichterloh im Herbst des Jahres 2008. Dann kam der 15. November, es war die Geburtsstunde der G20, einer Gruppe von 19 führenden Industrie- und Schwellenländern plus Vertretern der Europäischen Union. Diese Gruppe gab es zwar vorher schon, aber eben nicht auf der Ebene der Staats- und Regierungschefs. In Washington rückte man zusammen, blickte in den Abgrund, spielte Krisenfeuerwehr und versprach sich in die Hand, die Finanzmärkte zu zügeln und die Weltwirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen.

Erstaunliches Tempo

Jetzt, zwei Jahre und drei weitere Gipfel später, wollte man Bilanz ziehen, auf dem ersten großen Treffen der G20 in einem asiatischen Land. Und siehe da: In dieser historisch kurzen Zeit haben die Mächtigen tatsächlich die Kraft aufgebracht, die so dringend notwendige Reform der Finanzmärkte auf den Weg zu bringen. Das allein verdient Anerkennung. Zwei Entscheidungen von Seoul sind besonders wichtig: Die G20 beschlossen die schon vorbereitete Reform des Internationalen Währungsfonds (IWF) und strengere Eigenkapitalregeln für Banken (Basel III). Nur zum Vergleich: Über eine Veränderung der Aufgaben und Kräfteverhältnisse im IWF war seit Ewigkeiten gestritten worden, ohne, dass etwas passiert wäre. Und für die Vorgänger-Reform der Bankenregeln, das sogenannte Basel II, benötigte man fast ein Jahrzehnt. Jetzt, für die neuen, verschärften Regeln, brauchte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel keine zwei Jahre. Und das trotz einer massiv agierenden Armee von Banken-Lobbyisten.

Zügel für die Banken

Henrik Böhme, Leiter der Wirtschaftsredaktion

Henrik Böhme, Leiter der Wirtschaftsredaktion

Überhaupt wird die Luft für Finanzjongleure dünner. Für die Wall Street gelten künftig strengere Gesetze, ebenso in Europa. Sicher sind nicht alle Wünsche in Erfüllung gegangen, und sicher sind die Banken clever genug, sich das ein oder andere Schlupfloch zu erhalten. Und natürlich ist ein funktionierendes Bankensystem unabdingbare Voraussetzung, wenn die Konjunktur gut laufen soll. Auch wenn man Gier nicht gesetzlich verbieten kann - insgesamt betrachtet wird die Finanzbranche zu einem Teil wieder auf ihre ursprüngliche Rolle als Dienstleister der Wirtschaft zurechtgestutzt.

Neue Weltordnung

Zurechtgestutzt wurde in Seoul auch US-Präsident Barack Obama. Wer genau hinschaute und –hörte, der konnte Erstaunliches erleben auf diesem Gipfel: Hier wurde das Ende der Wirtschafts-Supermacht USA eingeläutet. Obamas harte Kritik an den Exportnationen China und Deutschland prallte an einer breiten Front des Widerstandes ab. Bundeskanzlerin Merkel konnte mit Wachstumsraten glänzen, von denen Obama im Moment nur träumen kann. Das war ein Trumpf, der stach.

Neue Rolle für G20

Natürlich ist nach dem Gipfel vor dem Gipfel. Für die G20 bleibt noch einiges zu tun: Die vor Seoul sehr heftig geführte Debatte über wirtschaftliche Ungleichgewichte muss zu Ende geführt werden. Das ist wichtig, denn die große Krise hat die Probleme der Weltwirtschaft sichtbar werden lassen. Ansätze für eine weltweit koordinierte Wirtschaftspolitik zu finden – das wäre eine gute Aufgabe für die G20, die sich zwar in der Krise zusammen gefunden haben, aber sich nunmehr als Forum für genau diese Fragen empfehlen. Gelöst werden muss darüber hinaus dringend die Frage, was man mit großen Geldinstituten macht, die ein Risiko für das gesamte System darstellen. Ab welcher Größe ist man "too big to fail"? Wieviel mehr Vorsorge muss eine solche Bank treffen für den Fall der Fälle? Das alles wird mühsamer als in der Vergangenheit. "Die Zeit der Heldentaten ist vorbei", resümierte Großbritanniens Premier David Cameron hier in Seoul. Für die Mühen der Ebene allerdings sollten sich die G20 nicht zu schade sein.

Autor: Henrik Böhme, z.Zt. Seoul

Redaktion: Andreas Becker

Die Redaktion empfiehlt