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Global Media Forum

Der digitale Dschihad

Islamische Extremisten nutzen verstärkt die sozialen Medien, um ihre Ziele zu verbreiten. Regierungen und NGOs fühlen sich oft machtlos. Welche Möglichkeiten sie haben, verrieten Experten auf dem Global Media Forum.

Bewaffneter Islamist reicht Kind eine Blume Foto: picture-alliance/AP

Auch der IS nutzt Twitter für Propaganda-Zwecke

Im Dezember vergangenen Jahres hat die indische Polizei einen 24-jährigen Mann festgenommen. Ihm wird vorgeworfen, von Bangalore aus einen Twitter-Account des "Islamischen Staates" betrieben zu haben. Der Beschuldigte, Mehdi Masroor Biswas, war ein vielversprechender Software-Ingenieur, eine erfolgreiche Karriere schien ihm sicher. Er nutzte seine technischen Kenntnisse, um auf seinem Account mehr als 20.000 Follower zu sammeln.

Die Aktivitäten von Biswas und seinen Rekrutierern zeigen, wie Terroristen die sozialen Medien sehr effektiv für ihre militanten Ziele nutzen.

Terrortaktik

Bewaffneter Mann mit Kind und verschleierter Frau Foto: Propagandavideo Islamic State via Al Hayat/YouTube

IS-Propagandavideo, das sich an Muslime auf dem Balkan wendet.

Die sozialen Medien sind ein äußerst wirkungsvolles und emotionales Mittel, um eine Botschaft zu verbreiten. Im Jahr 2009 überholten die sozialen Medien die Pornographie als Netzaktivität Nummer eins, so Maria Ressa, Geschäftsführerin des social news network "Rappler". Sie zitiert aus einer Untersuchung der amerikanischen Stanford-Universität: "Wenn man die sozialen Medien nutzt, hat man erhöhte Dopamin- und Oxitozinwerte", die als Glücks- und Liebeshormone gelten.

Tweets und Facebook-Posts übermitteln dem Leser Emotionen, und Tweets von Terrorgruppen werden oft als "Spaß" empfunden, so Gulmina Bilal, Leiterin der pakistanischen Hilfsorganisation "Individualland". Dschihadistische Gruppen legen sich maßgeschneiderte Werbestrategien zu. Sie setzen Facebook zum Beispiel gezielt für Jugendliche oder für Hausfrauen ein. Schon Kinder unter acht Jahren bekommen ihre eigenen Dschihad-Karikaturen, um sie mit der Ideologie vertraut zu machen.

Das typische Opfer

Armut, Einsamkeit oder Liebeskummer können dazu beitragen, dass normale Menschen Terrorgruppen zum Opfer fallen und sich deren Ideologie aneignen, erklärt Bilal. Die einen suchen bei Freunden Hilfe, andere gehen Terrorgruppen und ihren Werbern auf den Leim.

Die Al-Shabaab-Miliz in Somalia zum Beispiel verspricht oft mehr Geld und eine bessere Zukunft, um in Kenia und Tansania Kämpfer zu rekrutieren, sagt Bakari S. Machumu, Leiter des tansanischen Medienunternehmens Mwananchi Communications, vor dem Global Media Forum. Junge Leute gingen oft in ein Terror-Ausbildungslager, weil sie glaubten, sie könnten dort arbeiten und dann Geld nach Hause schicken.

Terroranwerber in Afghanistan etwa kritisieren oft die Regierung oder ausländische Truppen wie die NATO oder die USA, die im Land waren, ohne die Lage dort wirklich verbessert zu haben. "Sie werben mit Geld. Es gibt viele Arbeitslose, die sich ihnen anschließen", sagt Lotfullah Najafizadah, Leiter des afghanischen Fernsehsenders Tolo News, im Gespräch mit der DW.

Der Kampf gegen den Terror im Netz

Weinende verschleierte Frauen Foto: Reuters/Z. Bensemra

Der islamistische Angriff auf eine Schule in Pakistan hatte einen Sturm der Entrüstung ausgelöst.

"Früher konnten wir nicht wissen, was die Terroristen dachten. Als es die sozialen Medien noch nicht gab, waren Botschaften linear. Das ist heute anders", sagt Fathy Mohammed Abou Hatab vom ägyptischen Medienunternehmen Al-Masry. Sind also die Medien, die Regierungen und die Zivilgesellschaft dabei, den Kampf gegen die Extremisten zu verlieren, jedenfalls den in den sozialen Medien?

"Es ist ein täglicher, eine stündlicher Kampf", sagt die Pakistanerin Gulmina Bilal. Was Pakistan betrifft, so hat allerdings der Anschlag im Dezember auf eine Schule in Peschawar das Land erschüttert. Dabei kamen rund 160 Menschen ums Leben, die meisten von ihnen Kinder. Der Regierung ist es ernst mit ihrem Kampf gegen den Extremismus, und sie ist bereit, bei der Aufdeckung von Terroraktivitäten mit Organisationen der Zivilgesellschaft zusammenzuarbeiten. Entsprechende Twitter-Accounts und Facebook-Seiten werden gesperrt, obwohl sie bald danach wieder auftauchen.

Die Freiheit leidet

Doch der Kampf gegen den Terrorismus geht fast immer zulasten bürgerlicher Freiheiten. In Tansania, so der Journalist Machumu, ist das Misstrauen zwischen Regierung und Zivilgesellschaft gewachsen, nachdem Gesetze gegen Cyberkriminalität verabschiedet wurden. Die neuen Gesetze erlauben der Polizei beispielsweise, die Computer von Journalisten zu beschlagnahmen.

Doch es gibt Hoffnung. Selbst in Ländern wie Afghanistan, wo die Angst vor den Taliban groß ist, fangen die Menschen inzwischen an, öffentlich das Wort gegen Terroristen zu erheben und in den sozialen Medien gegen deren Ideologie anzuschreiben, sagt Lotfullah Najafizada von Tolo News.

Unterdessen nahm die Debatte über Cyberterrorismus auf dem World Media Forum eine gespenstische Wendung, als ein Spam-Tweet unter dem DW-Twitter-Hashtag auftauchte.

Wie der Tweet nahelegt, könnten IS-Terroristen in die DW-Seite eingedrungen sein - eine unheimliche Mahnung, wie Cyberterrorismus funktioniert, noch während man darüber spricht.

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