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Deutschland

Der deutsche Patient

Die Deutschen gehen überdurchschnittlich oft zum Arzt und sind immer häufiger im Krankenhaus. Über die Hälfte braucht täglich mindestens zwei Medikamente. Ist die Bevölkerung zu krank für das Gesundheitssystem?

Arzt untersucht einen älteren Patienten (Quelle: dw/Monika Dittrich)

"Insgesamt gesehen sind die Deutschen heute nicht häufiger krank als früher", sagt der Epidemiologe Thomas Ziese vom Robert-Koch-Institut. Vielmehr sei der Einzelne sogar gesünder als noch vor einigen Jahren. Nach einer Studie des Instituts gehen Herz-Kreislauf-Krankheiten und einige Krebserkrankungen zurück. Der medizinische Fortschritt lässt zudem die Lebenserwartung deutlich ansteigen, weil Patienten immer besser behandelt werden können.

Zugleich entsteht für das Gesundheitssystem aber das Problem, dass die Deutschen immer älter werden. Der demografische Wandel relativiert die positiven Gesundheitstrends. "Diese Entwicklung führt vor allem dazu, dass die Krankheiten zunehmen, die im hohen Alter auftreten", erklärt Professor Fritz Beske vom Institut für Gesundheitssystemforschung in Kiel. In den nächsten Jahren werde es mit der weiter wachsenden Zahl der Alten wieder häufiger zu Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes, Osteoporose und Demenz kommen.

Länger gesund oder länger krank?

Welche Veränderungen aber in den nächsten zehn Jahren tatsächlich eintreten, ist unklar. Der Gesundheitsökonom Frank Verheyen von der Techniker-Krankenkasse sieht zwei mögliche Entwicklungen: "Zum einen kann es sein, dass die Bevölkerung länger lebt, aber dadurch auch mehr Jahre in Krankheit verbringt." Zum anderen könnten die Deutschen jedoch durch ein gesundheitsbewusstes Leben auch im hohen Alter noch gesund sein. Auch der Kieler Professor Beske sieht den einzelnen Patienten in der Verantwortung. "Die Menschen müssen die Prävention selbst übernehmen, indem sie bewusster leben."

Leben die Deutschen gesund?

Eine Studie der Deutschen Krankenversicherung (DKV) und der Sporthochschule Köln bescheinigt einer Mehrheit der deutschen Bevölkerung derzeit eine eher ungesunde Lebensführung.

Ein dicker Mann isst ein Brötchen (Quelle: PDM484-270302)

Immer mehr Übergewichtige

Nur 14 Prozent der Deutschen leben gesund. Zwei Drittel der Bevölkerung bewegen sich zu wenig, jeder Vierte isst täglich Süßigkeiten und 20 Prozent der Befragten trinken im Durchschnitt zu viel Alkohol. Gesundheitsökonom Verheyen: "Dadurch sind viele Menschen übergewichtig und haben Bluthochdruck". Ein weiteres Problem ist immer noch das Rauchen. Zwar greifen Jugendliche und Männer heute weniger zur Zigarette. Bei den Frauen steigt der Konsum in den letzten Jahren aber an. "Deshalb erkranken sie auch immer häufiger an Lungenkrebs“, sagt Thomas Ziese vom Robert-Koch-Institut.

Psychische Erkrankungen nehmen zu

Auch wenn sich Wissenschaftler über die Veränderungen im Krankheitsbild der Deutschen nicht immer einig sind, auf einen deutlichen Anstieg psychischer Erkrankungen verweisen die meisten. Von 2000 bis 2008 haben Gesundheitsforscher eine Zunahme von 20 Prozent gemessen. Die Gründe sind vielfältig: Zum einen gehen Betroffene mit der Krankheit offener um, da sie von der Gesellschaft nicht mehr stigmatisiert wird. "Es gibt heute nicht unbedingt mehr psychisch Erkrankte als früher, aber Ärzte und Patienten sind dafür sensibler geworden", konstatiert Frank Verheyen. Hinzu komme, dass die Belastungen im Beruf und im Alltag, die eine Ursache der psychischen Erkrankungen sind, tatsächlich zunehmen. Die Angst vor Arbeitslosigkeit spiele dabei eine große Rolle.

Ein volles Wartezimmer beim Hausarzt (Quelle: dpa/Patrick Pleul)

Volle Wartezimmer

Ob altersbedingt oder psychisch krank - der deutsche Patient kann sicher sein, gut versorgt zu werden. Im europäischen Vergleich rangiert das deutsche Gesundheitssystem in der Spitzengruppe. Frank Verheyen spricht von einem "überdurchschnittlich hohen" Versorgungsniveau bei Arzneimitteln und Therapien. Außerdem gebe es den Trend, mit zunehmendem Alter immer mehr Medikamente zu verschreiben: Patienten zwischen 85 und 89 Jahren nehmen täglich zwischen vier und fünf Arzneien ein. Mit drastischen Folgen, denn die Kosten für die Versorgung steigen enorm.

Das Gesundheitssystem wird krank

"Es gibt erhebliche Lücken bei der Finanzierung, daran krankt das System“, erklärt Frank Verheyen. Und Fritz Beske sieht zwei Stellschrauben, an denen gedreht werden müsse – der umfangreiche Leistungskatalog sollte gekürzt und die Zuzahlungen der Krankenkassen müssten verringert werden. "Die Kassen sollten nur noch für eine Behandlung im Krankheitsfall einstehen“, so Beske. Andere Maßnahmen müssten durch den Staat finanziert oder von den Patienten selbst getragen werden. Gesundheitsökonom Verheyen fordert vor allem einen Vergleich von Kosten und Nutzen einer Therapie: "Es kann nicht sein, dass immer teurere und neuere Therapien angeordnet werden, aber deren Nutzen überhaupt nicht überprüft wird." Beide Experten verweisen dazu auf entsprechende Bemühungen auf dem Arzneimittelmarkt.

Autorin: Anja Schaub
Redaktion: Hartmut Lüning

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