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Filme

Der deutsche Film und die Vielfalt

Die Oscar-Nominierungen haben in den USA eine Debatte über Vielfalt in der Filmindustrie entfacht. Auch deutsche Schauspieler mit Migrationshintergrund kritisieren, dass sie oft auf gerade diesen reduziert werden.

Schauspielerin Sibel Kekilli

Will nicht auf die türkischstämmige Migrantin festgelegt werden: Sibel Kekilli

"Die Rollen, die ich angeboten bekomme, kann ich in einem Wort zusammenfassen: Kanaken", sagt Tayfun Bademsoy mit sarkastischem Unterton. Er arbeitet seit 36 Jahren als Schauspieler in Deutschland. Bademsoy hat in Filmen des Ausnahme-Regisseurs Dominik Graf und in mehreren Folgen der Krimi-Serie "Tatort" gespielt. Er ist in der Türkei geboren und zog im Alter von zehn Jahren mit seinen Eltern nach Berlin - er spricht akzentfrei Deutsch. Dauernd bekomme er Anfragen, wahlweise einen Gemüsehändler, einen Islamisten oder einen Terroristen zu spielen. Warum kann es nicht auch mal ein Anwalt oder ein Ingenieur sein? An dieser klischeehaften Besetzung habe sich in den letzten Jahrzehnten – bis auf wenige Ausnahmen – auch nicht viel geändert, sagt er im DW-Interview.

Dem Klischee entkommen nur Wenige

Zu den Ausnahmen zählt zum Beispiel die türkischstämmige Sibel Kekilli. Die Schauspielerin wurde durch den Überraschungserfolg "Gegen die Wand" (2004) von Regisseur Fatih Akin schlagartig bekannt. Seitdem hat sie in mehreren internationalen Spielfilmproduktionen mitgewirkt, zuletzt in der Rolle der "Shae" in der US-Kult-Serie "Game of Thrones". Mehrfach konnte sie für ihre Darstellungen Preise entgegennehmen, unter anderem auch den Deutschen Fernsehpreis. Die Dankesrede 2010 nutzte Kekilli für einen Aufruf nach Rollenangeboten. Es mangele ihr an guten Stoffen, obwohl sie bereit sei, alles zu spielen. In Interviews betont sie oft, dass sie nicht auf die Rolle der türkischstämmigen Frau festgelegt werden wolle. Diese "Schubladisierung" hat die gleichermaßen in der Türkei erfolgreiche Schauspielerin mittlerweile hinter sich gelassen. Im "Tatort" spielt Kekilli seit 2010 die "deutsche" Kommissarin Sarah Brandt.

Schauspieler Tayfun Bademsoy (Foto: picture-alliance/dpa/Eventpress Mueller-Stauffenberg)

Schauspieler Tayfun Bademsoy

Auch Elyas M'Barek entkommt den Klischees. Der Sohn einer Österreicherin und eines Tunesiers spielt in den "Fack ju Göhte"-Filmen einen Bankräuber namens Zecki Müller oder den Typen zum Verlieben in Komödien wie "Traumfrauen" (2015), ohne, dass eine Migrationsgeschichte daraus gemacht würde. "Fack ju Göhte 2" war der erfolgreichste deutsche Film des vergangenen Jahres, gemacht vom deutsch-türkischen Regisseur Bora Dağtekin.

Zwölfte Rolle als polnischer Autodieb

Für Bademsoy repräsentieren Kekilli und M'Barek aber nicht den Alltag im deutschen Film und Fernsehen. "Wenn man den Fernseher einschaltet, spiegelt das nicht die Realität auf deutschen Straßen wider". Einige wenige Schauspieler mit Migrationshintergrund hätten interessante Rollen, der Rest sei arbeitslos. Es gäbe eine "starke Diskriminierung" in der Branche, die schon beim Drehbuch anfinge. Wenn dort nicht explizit stehe, dass die Rolle mit einem Türken oder mit einem Russen besetzt werden solle, dann hätten Schauspieler mit Migrationshintergrund kaum eine Chance.

Ein Problem, das Rudolf Oshege gut kennt. Er ist Schauspielagent und vertritt seit mehr als 15 Jahren zahlreiche Schauspieler mit Migrationshintergrund. Auch Oshege sagt, dass viele seiner Klienten nur stereotype Rollenangebote bekämen. Im Gespräch mit der DW berichtet er, dass er einen polnischen Schauspieler vertreten habe, der nach seiner zwölften Rolle als Autodieb aufgab und zurück in seine Heimat ging. "Diese Schauspieler tauchen nicht in 'ganz normalen' Rollen auf. Es gibt so viele polnische Menschen im Baugewerbe. Warum wird eine Sekretärin im Bauunternehmen nie mit einer polnischen Schauspielerin mit Akzent besetzt?"

"Das schleicht sich so ein"

Gut jeder fünfte Deutsche hat einen Migrationshintergrund. Belastbare Zahlen über den Anteil von Migranten in deutschen Kinofilmen oder im TV gibt es kaum. Doch schaut man sich die Besetzungslisten großer Vorabendserien oder Prime-Time-Fernsehfilme an, liegt der Anteil von Schauspielern mit einem Migrationshintergrund in tragenden Rollen weit unter 20 Prozent.

"Das ist nicht gewollt oder gesteuert", sagt Oshege. "Aber es schleicht sich so ein. Viele der Verantwortlichen stimmen mir in Gesprächen zu, dass wir Veränderung brauchen aber letztendlich tut sich nichts." Er kenne viele Regisseure und Caster, die sich privat und ehrenamtlich für Zuwanderung und Flüchtlinge stark machten, doch höre dieses Bewusstsein für Vielfalt im Job auf.

Schauspielerin Mo Asumang (Foto: Getty Images/A. Rentz)

Schauspielerin Mo Asumang durfte bisher nur Richterinnen sprechen, nicht spielen

Auch die deutsche Moderatorin und Schauspielerin Mo Asumang bemängelt gegenüber der DW den fehlenden Willen der Filmbranche zur Vorbildfunktion in Sachen Integration. Asumangs Karriere begann 1997 mit der Moderation eines Erotik-Magazins im deutschen Privatfernsehen. "In dieser Nische hat man mich als Afro-Deutsche wohl als passend angesehen. Die Nachrichten habe ich aber nicht moderiert." Asumang arbeitete auch immer wieder als Schauspielerin, ihre größte Rolle war die der US-amerikanischen Außenministerin Condoleeza Rice in Roman Polańskis "Der Ghostwriter" (2010). Doch auch das habe sie nicht vor klischeehaften Rollenangeboten bewahrt.

Schwarze Synchronstimme darf Richterin sein

"Beim Synchronsprechen habe ich wegen meiner tiefen Stimme oft Richterinnen oder Rechtsanwältinnen gesprochen", sagt Asumang. "Ich hätte auf so eine Rolle auch als Schauspielerin unheimlich Lust, aber ich kann mir gar nicht vorstellen, dass mich im deutschen Fernsehen jemand als Richterin casten würde." Etlichen ihrer Schauspielkollegen würde es genauso gehen. Mit Blick auf die Kontroverse um die diesjährigen Oscar-Nominierungen sagt Asumang, es brauche keinen Boykott deutscher Filmpreise. Eine Diskussion um das Selbstverständnis Deutschlands und seiner Medienlandschaft sei aber sehr wohl nötig, gerade jetzt im Kontext der Flüchtlingsdebatte.

Auch Rudolf Oshege befürwortet eine solche Debatte, was die Zukunft angeht, ist der erfahrene Agent aber wenig optimistisch. Nach seiner Einschätzung wird es in Deutschland noch 30 Jahre dauern, bis der smarte Arzt der Krankenhausserie "ohne Grund" Iraner und der Feuerwehrmann, der mit seiner Mannschaft ausrückt, auch einfach so Vietnamese sein darf.

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