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Deutschland

Der BND stellt sich seiner Nazi-Vergangenheit

Der Bundesnachrichtendienst will seine Gründungsgeschichte aufarbeiten lassen. Schwerpunkt soll die NS-Vergangenheit von BND-Mitgliedern sein. Eine unabhängige Historikerkommission soll alle Akten zu sehen bekommen.

Logo vor der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes BND (Foto: AP)

BND-Zentrale in Pullach bei München

Reinhard Gehlen (Foto: AP)

Reinhard Gehlen

Reinhard Gehlen war ein anpassungsfähiger Mann: Eben hatte der Generalmajor und Chef der "Abteilung Fremde Heere Ost" der Wehrmacht noch für Hitler spioniert, wenig später stand er im Dienst der USA. Für die amerikanischen Besatzer baute Gehlen nach 1945 in Deutschland einen neuen Geheimdienst auf: den späteren Bundesnachrichtendienst. Angesichts des aufkommenden Kalten Krieges gegen die Sowjetunion scheute Gehlen auch nicht davor zurück, Täter des Holocaust zu rekrutieren. SS- und Gestapo-Leute bekamen eine neue Identität und machten nahtlos Karriere im BND.

Abenteuer Forschung

Eine interne Untersuchung des BND hatte 1965 etwa 200 NS-Leute aufgespürt, rund 70 von ihnen galten als untragbar und wurden entlassen. Viel mehr ist bislang nicht bekannt. Das soll sich jetzt ändern. In den kommenden vier Jahren sollen vier Historiker die Gründungsgeschichte des BND von 1945 bis 1968 erforschen, also die Ära Gehlen. Derzeit laufen die Vertragsverhandlungen mit den Professoren Wolfgang Krieger (Universität Marburg), Jost Dülffer (Köln), Rolf-Dieter Müller (Humboldt Universität Berlin) und Klaus-Dietmar Henke (TU Dresden).

Henke war Anfang der neunziger Jahre Leiter der Forschungs-Abteilung beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. "Das war auch aufregend", sagt er. "Aber dieses Abenteuer ist noch viel größer." Denn niemand außer den BND-Mitarbeitern hat die Akten je gesehen. Die Historiker wissen also nicht, was auf sie zu kommt, welche Überraschungen im BND-Archiv schlummern. "Die Tatsache, dass eine solche Behörde diesen Schritt wagt, ist eine bedeutende Leistung", findet Henke. "Und es ist vielleicht auch ein Anzeichen für eine Art Kulturwandel."

Generationswechsel im BND

BND-Präsident Ernst Uhrlau (Foto: dpa)

BND-Präsident Ernst Uhrlau

BND-Präsident Uhrlau hat sich seit Jahren für mehr Transparenz eingesetzt. Der Moment für eine historische Aufarbeitung sei gekommen, glaubt der 64–Jährige, der vor dem Ende seiner Amtszeit steht. Es gebe ein im BND neues Verständnis davon, was ein Nachrichtendienst in einer demokratischen Gesellschaft aushalten müsse - etwa dass über ihn berichtet werde. "Und ich glaube, da ist die Elle der Toleranz und auch der Bereitschaft, sich mit Kritik auseinander zu setzen und mit Fehlern, völlig anders als das eine Generation früher der Fall gewesen ist", sagt Uhrlau.

Nun soll eine interne Arbeitsgruppe ans Werk gehen, um die Akten für die Wissenschaftler aufzubereiten. Ein Versuch Uhrlaus, der seit 2005 an der Spitze des BND steht, den renommierten Erlanger Historiker Gregor Schöllgen mit der Aufarbeitung zu beauftragen, scheiterte an Unstimmigkeiten vor allem zwischen dem Bundeskanzleramt und dem Historiker über uneingeschränkten Zugang zu Geheimakten, Publikationsmöglichkeiten und nicht zuletzt die finanzielle Ausstattung.

Nun ein zweiter Anlauf. Doch wird das Bundeskanzleramt als Dienstherr des BND sich diesmal in die Karten, respektive die geheimen Dossiers schauen lassen? Der Zugang zu diesen Akten sei eine Voraussetzung für die Forschungsarbeit, betont der Historiker Henke. Er ist optimistisch.

"Historisches Projekt"

Doch anders als die Staatsicherheit der DDR ist der BND nicht Geschichte, sondern beschafft nach wie vor mit mehreren tausend Mitarbeitern sicherheits- und außenpolitisch relevante Erkenntnisse aus dem Ausland. Konfliktpotenzial birgt daher neben dem freien Zugang zu den Akten vor allem die Frage, was veröffentlicht werden darf – und was nicht. Zwar betont Uhrlau, dass die Kommission völlig unabhängig sein und ausnahmslos alles ohne Einschränkung zu sehen bekommen werde. Doch eine allgemeine Freigabe der Akten ist nicht geplant. Der BND will von Fall zu Fall entscheiden, mit Blick auf das Archivgesetz, auf Persönlichkeitsrechte und auf den Quellenschutz. Ein jahrelanges Tauziehen steht also bevor.

Einen zweiten Fehlschlag kann sich unter dem aktuellen Aufarbeitungsdruck allerdings weder der Bundesnachrichtendienst noch das Kanzleramt leisten. BND-Präsident Ernst Uhrlau ist zuversichtlich: "Das ist ein historisches Projekt. Es ist für die nächsten mehr als zehn Jahre sehr viel Interessantes zu erwarten."

Autorin: Vanja Budde
Redaktion: Dеnnis Stutе

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