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Kultur

Demografischer Wandel: Unterwegs mit einer Zukunftsplanerin

Susanne Tatje ist die erste Demografiebeauftragte Deutschlands. Sie zeigt auf einem Rundgang durch Bielefeld, was heute schon vom demografischen Wandel zu spüren ist und wie sie sich die Zukunft vorstellt.

Menschenmenge (Quelle: DPA)

Deutschlands Bevölkerung wird bis 2050 weniger, älter und bunter

Demografiebeauftragte Susanne Tatje (Quelle: DW / Sax)

Demografiebeauftragte Susanne Tatje

Susanne Tatje ist die Frau für besondere Einsätze. Ihre Mission: Das abstrakte Unwort "demografischer Wandel" mit Leben zu füllen. Bezeichnenderweise hat ihre Stelle beim Oberbürgermeisteramt die Organisationsnummer 007. Damit sich demografischer Wandel auch erleben lässt, macht sie in unregelmäßigen Abständen "demografische Stadtrundgänge". Zum Beispiel durch das Bielefelder Ostmannturmviertel: Hier stehen Fachwerkhäuser, teilweise restauriert neben Bausünden der 60er-Jahre. Schmale Sträßchen sind gefüllt mit Internetcafes, Friseuren und türkischen Obstläden. "Als ich vor 36 Jahren nach Bielefeld kam, gab es hier noch Bäcker, Schlosser und Metzger. Alleine was die Ladenstruktur angeht, hat sich hier schon viel geändert."

Spannendes Miteinander

Nur etwa 100 Meter voneinander entfernt stehen das islamische Zentrum und die evangelische Kirche. Für Susanne Tatje ist es wichtig, dass sich die Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen treffen und austauschen. Denn "wir leben ja alle zusammen in Bielefeld". Bei ihren Stadtrundgängen besucht sie daher mit ihren Gruppen auch mal ganz unangekündigt eine Moschee. "Alleine würden sich die Menschen wahrscheinlich nicht trauen. Und so sind sie oft begeistert und sehr interessiert an der anderen Kultur."

Mammutaufgabe Demografie

Susanne Tatje mit einer Frau (Quelle: DW / Sax)

Susanne Tatje sucht das Gespräch mit den Menschen

Susanne Tatje bezeichnet sich selbst als Zukunftsplanerin. Und zur Zukunft gehört fast alles: Bildung, Integration oder Flächennutzungsplanung. Die Demografiebeauftragte versucht Antworten auf viele Fragen zu finden: Was passiert mit leerstehenden Flächen in der Stadt, wenn junge Familien nach draußen ziehen und wenige und immer ältere Menschen zurückbleiben? Braucht ein relativ reiches Stadtviertel noch einen dritten Fußballplatz oder sollten nicht lieber sozial benachteiligte Kinder Deutsch- und Nachhilfeunterricht bekommen?

Häufig sind die Fragen von Susanne Tatje kritisch, was ihr natürlich nicht nur Freunde schafft. "Manchmal reagieren die Beteiligten sauer und denken, ich will ihnen was. Möchte ich gar nicht, ich möchte nur das Thema Demografie sorgfältig und auch sachgerecht diskutieren." Aus politischen Querelen hält sie sich daher auch so gut es geht raus und ist stolz, dass die Stadt Bielefeld ihrem Demografiekonzept einstimmig zugestimmt hat.

Selbstbestimmt Leben

Haus des Bielefelder Modell (Quelle: DW / Sax)

Die Heinrichstrasse, Teil des Bielefelder Modells

Der Rundgang führt weiter zu einem modernen, zweistöckigigen Gebäude - gelb verputzt, ein Innenhof mit Bänken, ein Rosenstrauch und ältere Menschen, die Mensch-Ärger-Dich-nicht spielen. Das Haus gehört zu einem besonderen Wohnprojekt, dem Bielefelder Modell. Dieses wird bereits in verschiedenen anderen Städten nachgeahmt. Ältere und pflegebedürftige Menschen können hier selbstbestimmt leben. Ein Pflegedienst ist immer für die Bewohner da, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Dieser Standby-Service ist kostenlos. Bezahlt wird nur, was tatsächlich benötigt wird - zu den üblichen Preisen von Pflegediensten. Für den Pflegedienst ist diese Kooperation ebenfalls gewinnbringend. Die Grundversorgung leistet ein fester Stamm von Kunden im Wohngebäude, die auf jeden Fall Hilfe brauchen. Menschen, die nur ab und zu Hilfe benötigen, wenden sich in der Regel dann natürlich lieber an den Dienst, der gleich vor Ort und immer da ist.

Life im Schlachthof

Ihr Vorzeigeprojekt hat sich Susanne Tatje bis zum Schluss aufgehoben: Das Schlachthofviertel. Dort wurden alte Gebäude erhalten, neue hinzugebaut, barrierefreie Wohnungen eingerichtet. Büros für kleine Unternehmen und Dienstleister sind zu mieten, Einkaufsmöglichkeiten wurden geschaffen, eine Kita betreut Kinder aus 15 Ländern und in einem Restaurant mit schönem Biergarten können die Viertelbewohner den Abend ausklingen lassen. Alt und Jung leben hier nicht nebeneinander, sondern miteinander.

"Ich denke, so muss Stadtentwicklung aussehen. Ich komme immer gerne hierher und kann mir gut vorstellen, später auch selbst einmal hier zu wohnen."

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