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Amerika

"Demjanjuk soll die Wahrheit sagen!"

Der polnischstämmige Jude Thomas Blatt wurde 1943 nach Sobibor deportiert. Seine gesamte Familie wurde in den Gaskammern umgebracht, er selbst konnte fliehen. Im Prozess gegen Demjanjuk tritt Blatt als Nebenkläger auf.

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DW-world.de: Herr Blatt, nach langem Hin und Her soll Demjanjuk jetzt in München der Prozess gemacht werden. Was bedeutet es für Sie, dass er jetzt vor Gericht steht ?

Ich will keine Rache. Er ist alt. Am wichtigsten ist, dass er die Wahrheit sagt. Er sollte ein Stückchen von der Geschichte des Holocaust erzählen. Er war in der Hölle, Tausende Menschen sind ermordet worden. Viele Menschen, auch Historiker, kennen nicht das ganze Ausmaß. Es gibt immer noch Menschen, die sagen, den Holocaust habe es nie gegeben. Er sollte sagen, ja, es gab ihn. Die Zeit, in der ich in Sobibor gefangen war, ist nicht wichtig für mich.

Sie waren zur gleichen Zeit in Sobibor wie Demjanjuk. Können Sie sich vorstellen, ihm noch einmal persönlich gegenüber zu stehen?

Ja, ich fahre auch jedes Jahr nach Sobibor. Dem SS-Mann Frenzel aus Sobibor saß ich sogar schon gegenüber. Es ist meine Aufgabe, den Gerichten zu helfen.

Sie haben den Münchner Behörden einiges sagen können. Was können Sie über Demjanjuk berichten?

Über Demjanjuk persönlich kann ich gar nichts berichten. Ich kann nur sagen, was Leute wie Demjanjuk getan haben. Es waren Mörder der schlimmsten Sorte. Sobibor war kein Konzentrationslager, Sobibor war ein Vernichtungslager. Die Wachmänner in Sobibor waren Mörder.

Demjanjuk ist Ukrainer. Können Sie sich daran erinnern, ob es viele ausländische Gehilfen der Nationalsozialisten in Lager von Sobibor gab und was die getan haben?

Es gab Ukrainer und auch einige Volksdeutsche, die in der Ukraine gelebt haben. Ich erinnere mich an die Schläge und an die blutigen Schuhe dieser Wachmänner, wenn sie von den Gaskammern zurückgekommen sind. Sie haben die Menschen, die nicht in die Gaskammern gehen wollten, mit ihren spitzen Bajonetten hereingetrieben. Ich erinnere mich an Exekutionen, über die genau Buch geführt wurde. Wir haben mehr Angst vor den Leuten wie Demjanjuk gehabt als vor der SS.

Dass heißt, diese Hilfswilligen haben sich genauso brutal verhalten wie die Nazis selbst?

Ja, ja. Die waren schlimmer als die SS, zumindest in Sobibor.

Es gibt ein Entlastungsargument der Nazi-Unterstützer: wer seiner eigenen Ermordung entgehen wollte, der musste Mordgeselle der Nazis werden. Was halten Sie von diesem Argument?

Das ist kein Argument. Viele Wachmänner sind einfach geflohen. Nein, nein. Er hätte verschwinden können wie viele andere Ukrainer auch. Und nicht nur Ukrainer, auch Deutsche, die SS. Die sind auch geflohen, die wollten nicht töten. Das ist kein Argument.

Herr Blatt, was ist das wichtigste für Sie persönlich – die Nachwelt zu informieren ?

Ja, weil der Hass wieder überall ist – gegen Juden, Afrikaner, verschiedene Araber, gegen die unterschiedlichsten Menschen. Der Hass wird größer, jeden Tag. Wir müssen den Menschen zeigen, was das Ergebnis von diesem Hass ist. Ich persönlich kann nicht viel machen, ich bin kein Millionär. Aber das, was ich mache, reden, informieren, mache ich hoffentlich gut genug.

Das Gespräch führte Günter Birkenstock.

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