1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Delhi erstickt am eigenen Dreck

Theoretisch ist Indien beim Umweltschutz vorbildlich: Schon 1985 richtete die Regierung ein Umweltministerium ein. Genutzt hat es wenig - Neu Delhi etwa gehört zu den Städten mit der weltweit stärksten Luftverschmutzung.

Ein Junge auf einer Müllkippe in Neu-Delhi (2003, Quelle: AP)

Müll, Dreck, Smog - Neu Delhi bekommt seine Umweltprobleme nicht in den Griff

Der Wartesaal des Vallahbhai Patel Lungen Instituts von Neu Dehli ist voll. Mujiffar Ali ist gleich dran. Wenn der 56-jährige Stoffhändler Luft holt, ist jedes Mal ein leises Rasseln zu hören. "Am Anfang dachte ich, dass ich nur eine Erkältung habe. Aber dann haben sie mich wegen Tuberkulose behandelt. Die schlechte Luft macht es schlimmer. Ich muss mich vor den Abgasen schützen."

Verkehrsreiche Straße in Bombay (2005, Quelle: AP)

Indiens Metropolen kämpfen mit Staus und schlechter Luft

Sein behandelnder Arzt, der Lungenspezialist Professor Sunil Kunar Chabra, rät ihm, so wenig wie möglich nach draußen zu gehen. "Es gibt zur Zeit eine dicke Smogschicht nur wenige Meter über dem Boden. Und es ist ja schon seit langem bewiesen, dass die Luftverschmutzung durch Feinstaub, durch Abgase und Ozon die Gesundheit gefährdet." Patienten, die schon vorher Lungenprobleme wie Asthma oder Bronchitis hatten, zeigen jetzt stärkere Symptome, sagt der Arzt. Sie brauchen mehr Medizin und schneiden bei Lungentests besonders schlecht ab.

Smog verdunkelt die Stadt

Staus und Hupkonzerte sind Alltag in der 15-Millionen-Metropole Neu Delhi. Abgaswolken verdunkeln an den großen Kreuzungen das Tageslicht. Besonders jetzt im Winter, wenn sich kalte und warme Luftschichten übereinander schieben und der Smog nicht abziehen kann.

"Auf Delhi’s Straßen fahren schon jetzt vier Millionen Autos. Und jeden Tag kommen 1000 neue dazu", sagt Anumita Roychowdhury vom Zentrum für Wissenschaft und Umwelt. Der Verkehr habe sich extrem verlangsamt. "Wir reden hier von fünf bis sieben Kilometern pro Stunde in den Stoßzeiten.” Roychowdhury hat eine neue Studie vorgelegt, in der die Kurven aller Abgaswerte steil nach oben zeigen. "Die Luftverschmutzung ist wieder genauso schlimm wie vor der Einführung von Erdgasfahrzeugen im öffentlichen Verkehr. Wir werden mit dem Wachstum der Stadt nicht fertig, schon gar nicht mit dem Wunsch nach Mobilität."

Sonnenaufgang in Neu Delhi (Archiv, Quelle: AP)

Kein Morgennebel, sondern Smog: Sonnenaufgang in Neu Delhi

Erdgas. Das Zauberwort ist gefallen. Ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 1998 hat Regierung und Behörden dazu verdonnert, für bessere Luft im Smogloch Neu Delhi zu sorgen. Seitdem gehören Erdgasautos und Erdgastankstellen zum Stadtbild. Alle öffentlichen Verkehrsmittel sind umgerüstet, sogar die Motor-Rikschas knattern mit Erdgas durch die Straßen. Außerdem hat Delhi seit September 2002 eine U-Bahn mit wachsendem Netz. Das alles hatte messbaren Erfolg, die Kohlenmonoxid- und Schwefeldioxid-Werte sanken um mehr als 30 Prozent, die Luftqualität verbesserte sich deutlich.

Ist der Diesel-Konsum schuld?

Aber jetzt machen Wirtschaftswachstum und Mobilitätsboom den Erfolg wieder kaputt - auch wenn Santosh Makhijani, der Direktor der staatlichen Behörde zur Überwachung der Luftverschmutzung abwiegelt. "Vielleicht hat die Luftverschmutzung leicht zugenommen, weil es so einen großen Preisunterschied zwischen Diesel und Benzin gibt. Die Leute fahren lieber Dieselautos, weil es billiger ist." Wolle man den Trend der Luftqualität wirklich überwachen, dürfe man dies jedoch nicht auf Tagesbasis tun. "Wir sollten über einen längern Zeitraum messen, um einen Trend zu ermitteln. Wir ermitteln immer einen Jahresdurchschnitt, um festzustellen, wie erfolgreich unsere Maßnahmen sind."

Roychowdhury vom Zentrum für Wissenschaft und Umwelt will nicht auf die nächste Jahreserhebung warten. Sie fordert drastische Maßnahmen: Weg mit dem billigen Diesel, weg mit allen steuerlichen Vorteilen, rauf mit allen Zulassungs- und Parkgebühren, Autofahren soll teuer werden und dem Geldbeutel weh tun. Gleichzeitig soll so viel Geld wie möglich in den öffentlichen Verkehr fließen. Ihr Motto: Menschen bewegen, nicht Autos. Indien darf auf keinen Fall die Mobilitätsfehler des Westens wiederholen, sagt die Umweltaktivistin.

Denn es geht nicht nur um die Smog-Glocke über Delhi. "In Indien haben die Diskussionen über den Klimawandel gerade erst begonnen. Aber hier haben wir es mit lokaler Luftverschmutzung zu tun, mit giftigen Abgasen und Gesundheitsschäden." Doch alles was lokal hilft, dass hilft auch dem Weltklima, sagt sie. "Wenn wir den richtigen Weg einschlagen, dann kann ein Land wie Indien einen verringerten Schadstoffausstoß anbieten. Und das wäre ein Gewinn für die ganze Welt."

Die Redaktion empfiehlt