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Religion und Politik

Debatte um liberale Moschee wird Politikum

Seit dem ersten Gottesdienst der neuen liberalen Moschee in Berlin hält Kritik aus Teilen der islamischen Welt an. Die Initiatorin der Moschee erhält Morddrohungen. Jetzt verteidigt die Bundesregierung das Projekt.

Ibn Rushd-Goethe-Moschee Berlin (DW/S.Kinkartz)

Nur noch unter Polizeischutz? Eingang zur Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in der St. Johannis-Kirche in Berlin-Moabit

Beistand von höchster politischer Stelle: Mit ungewöhnlich deutlichen Worten hat die Bundesregierung die neue liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee gegen Kritik aus der islamischen Welt verteidigt. Sowohl das Auswärtige Amt als auch das Bundesinnenministerium wiesen in Berlin Äußerungen der türkischen Religionsbehörde Diyanet zurück und pochten auf die Religionsfreiheit. Diyanet untersteht als Amt für religiöse Angelegenheiten dem türkischen Ministerpräsidenten. Der Sprecher des Innenministeriums Tobias Plate kündigte an, sein Haus werde die Kritik bei den nächsten bilateralen Gesprächen mit Ankara zur Sprache bringen.

Damit kommt die Debatte um die neue Moschee auf die höchste politische Ebene. Vor einer Woche hatte die Berliner Juristin und Frauenrechtsaktivistin Seyran Ates die liberale Moschee in den Räumen einer evangelischen Kirchengemeinde in Berlin-Moabit eröffnet, die Männern wie Frauen und Menschen aller sexuellen Orientierungen offensteht. Ates fungiert selbst als Imamin und trägt in dieser Funktion keine Kopfbedeckung. Das hatte für Ärger in der islamischen Welt gesorgt. Es hagelte Hassmails und sogar Morddrohungen gegen die couragierte Initiatorin. Abzuwarten bleibt, ob die Gemeinde bald immer unter Polizeischutz beten muss.

Deutschland Eröffnung liberale Moschee in Berlin (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Legt Gebetsteppiche bereit: Moschee-Gründerin Seyran Ates in Berlin

Die türkische Religionsbehörde Diyanet brachte die Moschee mit der Bewegung des Predigers Fethullah Gülen in Verbindung. "Es ist offensichtlich, dass das ein Projekt des Religionsumbaus ist, das seit Jahren unter der Federführung von Fetö (der Gülen-Bewegung, Anm. d. Red.) und ähnlichen unheilvollen Organisationen durchgeführt wird", zitieren Medien die Behörde.

"Bedrohung des gesellschaftlichen Friedens"

Innenministeriumssprecher Plate nannte die Kritik befremdlich und "nicht hinnehmbar". Es sei "nicht auszuschließen, dass die Äußerungen auch dazu geeignet sind, den gesellschaftlichen Frieden innerhalb Deutschlands zu gefährden". Seit dem Putsch in der Türkei im Juli vorigen Jahres geht Ankara massiv gegen die Gülen-Bewegung und deren Einrichtungen wie etwa Schulen vor und bedroht mutmaßliche oder tatsächliche Mitglieder - Berichten zufolge auch in Deutschland.

Beide Ministerien betonten, ihre Kritik richtete sich nicht allein gegen die türkische Religionsbehörde, sondern auch gegen die oberste Fatwa-Behörde in Ägypten. Sie hatte in scharfer Form bemängelt, die Moschee verstieße gegen islamische Glaubenspflichten. 

Deutschland Eröffnung liberale Moschee in Berlin (picture-alliance/dpa/M. Gambarini)

Seyran Ates, deutsche Muslima und Frauenrechtsaktivistin, will Reformen im Islam

"Staat muss Religionsfreiheit schützen“

Der Sprecher des Außenministeriums Martin Schäfer sagte, die diversen Äußerungen zielten "ganz offensichtlich" darauf ab, "Menschen in Deutschland das Recht zur freien Ausübung ihrer Religion abzusprechen und das Recht auf freie Meinungsäußerung einzuschränken". Das weise die Bundesregierung in aller Klarheit zurück. "Wie, wo, wann und in welcher Weise Menschen ihre Religion pflegen und ausüben, ist keine Angelegenheit des Staates. Im Gegenteil: Der Staat hat nach unserem Verständnis sicher keine Zuständigkeit zur Beurteilung theologischer Fragen, sondern die Pflicht, die Religionsfreiheit genauso zu schützen wie die Meinungs- und Pressefreiheit." Und er erinnerte daran, dass auch die Türkei die Europäische Menschenrechtskonvention anerkannt habe, die die Religionsfreiheit festschreibe.

Die Eröffnung der liberalen Moschee hatte in Deutschland Aufsehen erregt und war auch international beachtet worden. Sie ist benannt nach einem der wichtigsten Vertreter der Aufklärung im Islam, dem arabischen Gelehrten, Arzt und Philosoph Ibn Ruschd, jenseits der arabischen Welt bekannt als Averroes (1126-1198), sowie nach dem großen deutschen Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), dessen Werk "West-östlicher Divan" einer der großen Texte deutscher Sprache zum Gespräch mit dem Islam ist.

In der Moschee sollen Frauen und Männer gemeinsam beten und auch Frauen predigen. Der Koran wird "historisch-kritisch" ausgelegt. Vollverschleierte Frauen sind in der Moschee nicht erwünscht. Seyran Ates begründete die Initiative zur Moschee damit, den Konservativen dürfe nicht die Deutungshoheit über den Islam überlassen werden.

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