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Wirtschaft

Davos – die globale Psycho-Couch

Nach fünf Tagen ging das Weltwirtschaftsforum ohne einen einvernehmlichen Vorschlag zur Lösung der Wirtschaftskrise zu Ende. Dennoch war das Treffen ein Erfolg, meint Michael Knigge in seinem Kommentar.

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Wer vom Weltwirtschaftsforum konkrete Maßnahmen zur Lösung der globalen Wirtschaftskrise und einen Zeitplan zu ihrer Umsetzung erwartet hatte, der wird das Megatreffen in Davos als Misserfolg einschätzen. Denn auch nach dem Gipfel ist der Weg, wie die Welt eigentlich aus der Wirtschaftskrise kommen soll, nicht klarer als vor dem Treffen in der Schweiz.

Sicher, an Vorschlägen war kein Mangel: Angela Merkel warb für einen internationalen Wirtschaftsrat als neues Kontrollgremium, das wie der Weltsicherheitsrat bei der UN angesiedelt werden sollte. Die durch ihre pessimistischen, aber zutreffenden Prognosen berühmt gewordenen Ökonomen Nouriel Roubini und Nassim Taleb forderten die Totalverstaatlichung der Banken. Und der britische Premierminister Gordon Brown sprach sich wie manch anderer Teilnehmer für eine Stärkung der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds aus.

Konsens fehlt

Michael Knigge (Quelle: DW)

Michael Knigge

Aber wie diese Ideen in die Praxis umgesetzt werden sollen und wie lange dies dauern würde, blieben alle Ideengeber schuldig. Aus gutem Grund: Viele der Vorschläge widersprechen sich schlicht in Teilen oder komplett. Und damit ist bereits das wichtigste Element jeder Lösung der Wirtschaftskrise hinfällig: ein globaler Konsens über die Methode.

Man kann und sollte das Weltwirtschaftsforum dennoch als Erfolg verbuchen. Wer die Manager und Politiker hier miteinander diskutieren und streiten sah, wer erlebte, wie Wirtschaftsbosse und Minister versuchen, sich die Entwicklung und den Verlauf der Krise verständlich zu machen, wer die Unsicherheit der versammelten Elite darüber, wie es weitergeht, gespürt hat, der merkt: Die Zeit war für Lösungen noch nicht reif.

Kollektives Wundenlecken

Statt der Verabschiedung eines Masterplans mit konkreten Schritten für die Zukunft war in Davos systematische Analyse, kollektives Wundenlecken und gegenseitige Seelenmassage angesagt. Erstmals seit dem Beginn der Krise konnten sich Manager und Politiker hier inmitten der Schweizer Berge einmal gründlich austauschen. Das Weltwirtschaftsforum fungierte so in gewisser Weise als globale Psycho-Couch.

Das ist aus Sicht der unter der Wirtschaftskrise leidenden Menschen in aller Welt nicht befriedigend. Doch ohne Aufarbeitung und Akzeptanz von Krisen, das weiß jeder Küchenpsychologe, ist ein Aufbruch schlicht nicht möglich. Wenn in Davos ein wichtiger Teil der Bewertung und des Verstehens der Krise erledigt wurde, dann war das Weltwirtschaftsforum ein Erfolg. Der Aufbruch aus der Krise muss dann spätestens auf dem G-20-Gipfel im April in London erfolgen.

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