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Asien

Das vergessene Volk der Rohingya

Die neue Regierung in Myanmar ist gerade erst im Amt. Die ethnische Minderheit der Rohingyas hofft, dass sich durch sie ihre prekäre Lage verbessern wird, berichtet Lucy Kafanov aus Rahkaing.

Abdul Rashid ist 47 Jahre alt. Hilflos schaut er zu, wie der Körper seiner Frau unkontrolliert zittert. Ihr Gesichtsausdruck deutet auf starke Schmerzen hin. Seine älteste Tochter legt ein feuchtes Tuch auf die Stirn der Mutter und versucht, sie ruhig zu halten. Die anderen Kinder verstecken sich in der Ecke und beten. Minuten später ist der Anfall vorbei. Rukia liegt bewusstlos auf dem Boden. Der rasselnde Atem dominiert die Hütte aus Bambus und Stroh. "Ich fürchte, dass ich sie verlieren werde", sagt Abdul. Ihm steigen Tränen in die Augen. "Seit drei Monaten befindet sie sich in diesem Zustand. Aber uns Rohingyas hilft hier keiner außer Allah."

Die 43-jährige Rukia braucht dringend einen Arzt. Doch den gibt es nicht in dem überbevölkerten Vertriebenencamp Ohn Daw Kyi am Rande der mynamarischen Hafenstadt Sittwe. Seit 2012 wohnt die Familie Rashid hier. Ihr Haus war damals bei gewalttätigen Unruhen in Brand gesteckt worden. Die Familie teilt das Schicksal vieler Rohingyas. Hundertausende der ethnischen Minderheit verloren nach den Unruhen ihre Bleibe und leben seitdem unter schwierigsten Bedingungen in Flüchtlingslagern.

Vertriebenencamp Ohn Daw Kyi (Foto: DW)

Vertriebenencamp Ohn Daw Kyi

Zurückgelassen im Demokratisierungsprozess

Bis dato erkennt die Regierung in Myanmar die Rohingyas nicht als Staatsbürger an und verweigert ihnen Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. In einer Koranschule neben dem Dorf Thet Kay Pyin lernen Kinder die heilige Schrift auswendig. Schulleiter Kober Ahmed lehrt hier auch Birmanisch als Fremdsprache. Die Rohingyas selbt sprechen eine indogermanische Sprache als Muttersprache, die mit Bengali verwandt ist. Ahmed beschwert sich über mangelnde Aussicht für seine 500 Schüler, die höhere Schule zu besuchen.

Die Rohingyas sind nach Angaben der Vereinten Nationen die "am stärksten verfolgte Minderheit der Welt" und leben oft in Armut. Ihre Reisefreiheit ist in Myanmar eingeschränkt. Die Jugendlichen dürfen sich nicht mal an der benachbarten Universität Sittwe einschreiben.

Superministerin Aung San Suu Kyi (Foto: Reuters)

Superministerin Aung San Suu Kyi

Flucht als letzte Chance

Nach den Unruhen 2012 haben Zehntausende Rohingyas versucht, eigenmächtig mit Boot oder mit Hilfe der Schleuser ins Ausland zu flüchten. Viele kamen dabei ums Leben. Ahmed berichtet der Deutschen Welle, zwölf seiner Schüler seien 2012 beim Exodus gestorben, weitere 30 würden noch vermisst.

"Wir haben versucht, diese ungeduldigen jungen Menschen zu überzeugen, hier zu bleiben. Aber was kannst du ihnen sagen? Sie haben weder Reisefreiheit, noch die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Sie haben keine Menschenrechte", sagt Ahmed. "Wir hoffen, dass Aung San Suu Kyi das Richtige in unserem Interesse unternimmt. Aber es gibt keinen Grund für Optimismus. Bisher hat sie die Existenz der Rohingyas nicht anerkannt."

Im demokratischen Prozess des Vielvölkerstaats Myanmar mit 55 Millionen Einwohnern sind die Rohingya ein vergessenes Volk. Nachdem die von der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi geführte Nationale Liga für Demokratie (NLD) die Parlamentswahlen im letzten November gewonnen und Ende März 2016 die Regierungsgeschäfte übernommen hat, hoffen viele, dass sich der Status der Rohingyas verbessern wird. Viele Rohingyas machen sich die Hoffnung, dass die "Lady", wie Aung San Suu Kyi im Lande genannt wird, die Benachteiligung und Diskriminierung der Rohingyas beseitigt.

Koranschule neben dem Dorf Thet Kay Pyin (Foto: DW)

Koranschule neben dem Dorf Thet Kay Pyin

Starke Gegner

Sie haben die Hoffnung, obwohl die Rohingyas bei den Parlamentswahlen 2015 nicht wahlberechtigt waren. "Die NLD hat auch keinen einzigen muslimischen Kandidaten für das Parlament aufgestellt", sagt Bürgerrechtler Sayeed Krkani, der im Dorf Thet Kay Pyin wohnt. Nach bisheriger Regierungslinie sind die Rohingyas illegale Flüchtlinge aus dem muslimischen Nachbarnland Bangladesch. Das wird von den Rohingyas vehement zurückgewiesen. Viele von ihnen können belegen, dass ihre Vorfahren schon vor Generationen in Myanmar, früher Birma, lebten.

Die Rakhine Arakan National Party (ANP), die im letzten November die meisten Sitze im Parlament des Rakhaing-Staats für sich gewinnen konnte, besteht darauf, dass die Rohingyas weiterhin in dem Vertriebenencamp untergebracht werden. Zu derem eigenen Schutz, sagen die Mitglieder der ANP. "Diese Menschen sind illegale Einwanderer. Ihre Bevölkerung wächst zu schnell und wird die in Rahkaing überholen", sagt Tun Aung Kyaw, Generalsekratär der ANP. Die Angst für Überfremdung ist weit verbreitet unter den Buddhisten des Rakhaing-Staates, die allerdings die Mehrheit der Bevölkerung stellen. Aung Kyaw sagt: "Im Camp erhalten sie von internationalen Organisationen sehr gute Behandlungen. Zu gut, wenn Sie mich fragen. Es ist für alle sicherer, wenn sie dort bleiben."

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Myanmar: Hass zwischen den Religionen

Hilfe nur eingeschränkt möglich

Rahkaing ist der zweitärmste Bundesstaat in Myanmar. Die Region leidet seit Längerem unter Unterentwicklung und fühlt sich von der Zentralregierung vernachlässigt. Reisebeschränkung und Rassentrennung haben dazu geführt, dass die muslimischen Rohingyas fast ausschließlich von internationalen Spenden abhängig sind. Diese Tatsache wiederum hat unter den Einheimischen die Überzeugung entstehen lassen, dass die internationalen Organisationen die muslimische Bevölkerung bevorzugten.

Vor diesem Hintergrund wurden einige Organisationen wie beispielsweise Ärzte ohne Grenzen 2014 von der Lokalregierung aufgefordert, die Hilfsleistungen einzustellen. Inzwischen dürfen sie ihre Arbeit zwar wieder fortsetzen, aber nur eingeschränkt. Die Hilfe für die Rohingyasist deswegen immer weniger geworden. "Die einzigen Verbesserungen sind mehr Toiletten und Wasserpumpen", sagt ein langjähriger Hilfsmitarbeiter, der aufgrund der Sensibilität des Themas anonym bleiben möchte. "Aber wenn es um die Nahrung, medizinische Versorgung oder Bildungschance geht, geht es bergab."

Wasserpumpen für Rohingyas (Foto: DW)

Wasserpumpen für Rohingyas

"Wir haben nichts mehr"

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen liefert zwar noch Lebensmittel an die registrierten Flüchtlingscamps, aber es fehlt an einer Finanzierung für andere Hilfsleistungen. Einige verzweifelte Rohingyas wie die Familie Rashid mussten ihre Tagesrationen verkaufen, um Medizin für die Mutter bezahlen zu können. Die schwerkranke Rukia kann nicht gehen und muss jedes Mal ins Krankenhaus gefahren werden. Die Fahrt ins nächste Krankenhaus kostet umgerechnet sieben Euro. Dort sagten die Ärzte, Abduls Frau solle unbedingt ins größere Sittwe General Hospital überwiesen werden. Selbst wenn er hierfür die Reiseerlaubnis erhalte, so Abdul, könne er sich die Behandlung auch nicht leisten. "Wir haben alles verkauft, was wir verkaufen konnten", sagt Abdul, "wir haben nichts mehr."

Diese Reportage ist mit Unterstützung vom "International Reporting Project" entstanden.

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