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Amerika

Das ungleiche Duell bei der Wahl in Chile

Zum ersten Mal in der Geschichte Chiles kandidieren zwei Frauen um das höchste Amt im Staat. Dabei entscheiden die Wähler über viel mehr als die Frage, ob eine Sozialistin oder eine Konservative das Land führen wird.

Es ist ein ungleiches Duell zwischen Michelle Bachelet und Evelyn Matthei: Bachelet kennt das Amt, weil sie schon mal Präsidentin war. Matthei ist eine Art Notlösung, nachdem zwei Kandidaten einer rechtskonservativen Allianz kurzfristig einen Rückzieher gemacht hatten. Die eine ist selbst bei Menschen, die ihr politisch fern stehen, beliebt. Die andere kommt aus dem Umfeld des aktuell höchst unpopulären Präsidenten. Die 62-jährige Bachelet kann laut Umfragen mit einem lockeren Sieg rechnen, die 60-jährige Matthei muss froh sein, wenn sie auf 20 Prozent der Stimmen kommt.

Michelle Bachelet bei einer Wahlkampfveranstaltung(Foto:Getty Images)

Michelle Bachelet: Beim Volk beliebt

Wohlhabend, stabil, modern

Alles spricht bei diesen Wahlen für Michelle Bachelet, Medizinerin, Ex-Präsidentin und Kandidatin einer Mitte-Links-Allianz. Kaum jemand bezweifelt, dass sie zum zweiten Mal in den Palacio de la Moneda, den Amtssitz des chilenischen Staatsoberhauptes, einziehen wird. Zwei Amtszeiten hintereinander verbietet die Verfassung, weswegen Michelle Bachelet den Palast 2009 für einen Nachfolger räumen musste. Evelyn Matthei von der rechten Unabhängigen Demokratischen Union (UDI) gilt als "eiserne Lady" Chiles. Im Kabinett des scheidenden Präsidenten Sebastián Piñera war sie Arbeitsministerin.

Der konservative und milliardenschwere Unternehmer Sebastián Piñera hinterläßt als Präsident eine beachtliche Bilanz: Chiles Wirtschaft wächst mit einer Rate von sechs Prozent im Jahr, Inflation gibt es kaum, die Arbeitslosenquote liegt offiziell bei sechs Prozent. Das Land ist grundsätzlich wohlhabend, politisch stabil und das momentan modernste in Lateinamerika. Der internationale Geschäftsklima-Index "Doing Business", den eine Unterorganisation der Weltbank jährlich erstellt, listet Chile auf Platz 34 - so hoch wie keinen anderen Staat auf dem Kontinent. Zum Vergleich: Brasilien liegt auf Platz 116, Argentinien nur auf Platz 126.

Dauerkonflikt Bildungssystem

Das klingt nach komfortablen Eckdaten. Doch so einfach liegen die Dinge auch im vermeintlichen Musterland Chile nicht, denn das Wachstum erreicht längst nicht alle 17 Millionen Einwohner: Die 20 Prozent der Chilenen, die als reich gelten, haben Monat für Monat höhere Einkommen als der Rest der Bevölkerung zusammen. Und im Konflikt um die Bildung hat sich unter Piñera nichts bewegt: Seit 2011 Studenten und Schüler auf die Straße gegangen sind und sich mit der Polizei blutige Schlachten geliefert haben, sind sich beide Seite keinen Schritt näher gekommen. Bildung, unter dem Diktator Augusto Pinochet (1970-1990) fast komplett privatisiert, ist in Chile noch immer ein Luxusartikel: Die Belastung der Familien durch hohe Studiengebühren ist eher gestiegen. Ein kostenloses, qualitativ hochwertiges Erziehungssystem gibt es nicht. Und Lehrer müssen oft monatelang auf ihr Gehalt warten.

Schatten der Vergangenheit

Und das Bildungssystem ist nicht das einzige Relikt aus der Diktatur: Auch die Verfassung und das Wirtschaftsystem stammen aus dieser Zeit. Einer Zeit, die Chile immer noch sehr zögerlich aufarbeitet: Wie gespalten die Gesellschaft ist, zeigten vor wenigen Wochen die Gedenkfeiern zum 40. Jahrestag des Militärputsches: Die rechte Regierung hatte in den Moneda-Palast geladen – inklusive der konservativen Kandidatin Evelyn Matthei. Die linke Opposition empfing unter Michelle Bachelet im Menschenrechtsmuseum in Santiago. Die beiden Kandidatinnen und ihre Familien waren früher gut befreundet. Bis die Diktatur sie auseinander riss: Während Mattheis Vater Luftwaffenchef wurde, starb der von Bachelet in einem Militärgefängnis.

Evelyn Matthei stellt ihr Wahlprogramm vor (Foto: HECTOR RETAMAL/AFP/Getty Images)

Evelyn Matthei: Gilt als "eiserne Lady"

Maulender Mittelstand Chiles

Jetzt bewerben sich zum ersten Mal in der Geschichte Chiles zwei Frauen um das höchste Amt im Staat. Der Wahlkampf war intensiv und laut. Trotzdem sagen nur gut 43 Prozent der Wähler, dass sie die Bewerbungen mit großem Interesse verfolgt hätten.

Viele Menschen glauben den Politikern ihr Engagement einfach nicht mehr: Der im Ausland lebende Schriftsteller Roberto Brodsky nennt seine Landsleute apolitisch und konsumorientiert. Politikwissenschaftler konstatieren ein Phänomen, das auch in Brasilien zu beobachten ist: Die in den letzten Jahren des Wirtschaftsbooms gewachsene Mittelklasse ist mit ihrer neuen Lebenswirklichkeit unzufrieden und findet keinen Ansprechpartner für ihre Forderungen.

Den Sieg Michelle Bachelets in diesem ungleichen Duell wird das kaum verhindern können. Im schlimmsten Fall muss sie ein Ehrenrunde drehen und in die Stichwahl gehen.

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