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Afrika

Das tunesische Virus

Tunesiens Revolution löst Schockwellen aus – nicht nur in Ägypten: Frust und Verzweiflung sind auch bei den Menschen in Tunesiens Maghreb-Nachbarn an der Tagesordnung. Blüht der Jasmin überall im Maghreb?

Demonstration in Tunesien (Bild: AP)

Auswirkungen auf die gesamte Region: Demonstrationen in Tunesien

Es klingt wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Der böse Kalif und seine Prinzessin haben ihr Geschmeide zusammengerafft und sind auf fliegenden Teppichen geflohen. Das Volk atmet auf, der Duft von Jasmin erfüllt das ganze Land. In Tunesien macht sich die Übergangsregierung an die Arbeit - und bereitet Neuwahlen vor. Der Druck ist raus aus dem tunesischen Dampfkochtopf. In den Nachbarländern sieht das anders aus, sagt Francis Ghiles vom Zentrum für Internationale Dokumentation in Barcelona (CIDOB). Die Ursachen für eine solche Revolte gebe es überall im Maghreb. "In Marokko leben die Eliten wie die Maden im Speck; damit sichert man natürlich keine soziale Stabilität", sagt Ghiles. "Der Kuchen darf nicht nur den Reichen gehören. Wenn es keine Umverteilung von Reichtum gibt, wenn die oberen Zehntausend sich weiter so arrogant aufführen, dann wird es eines Tages eine Revolte geben."

Jung, gebildet und arbeitslos

Über die Hälfte der Marokkaner sind unter 25 Jahre alt, 40 Prozent von ihnen sollen ohne festen Job sein, junge Akademiker sind besonders betroffen. Zwar gibt es Rechte und Freiheiten, aber keine echte Demokratie. Militär und Geheimdienst sind in Marokko überall präsent. Ähnlich wie im erdöl- und erdgasreichen Nachbarland Algerien, wo eine korrupte Machtclique das Regime von Dauerpräsident Bouteflika stützt. Die Regierung sitzt auf einem sozialen Pulverfass. Wie in Marokko ist auch in Algerien die Bevölkerung sehr jung und für die meisten gibt es keine Jobs. Auch hier haben sich Menschen schon aus lauter Verzweiflung selbst angezündet. So hatte in Tunesien alles angefangen. "Dieses Land hat 150 Milliarden Euro Devisen angehäuft, am Geldmangel liegt es also nicht, vielmehr an einer Klientel-Wirtschaft", sagt Ghiles. Es gebe keine Ordnung, keinen Plan und keine Perspektive. "Dazu kommt noch eine autistische Regierung. Die Mächtigen hören einfach nicht zu, sie sehen die Probleme der Leute nicht, oder wollen sie nicht sehen."

Regierungstreues Militär

Bouteflika (links) und König Mohammed VI.

Fest im Sattel: Bouteflika (links) und König Mohammed VI.

Daran dürfte sich so bald nichts ändern. Soziale Unruhen haben Algeriens Regime nie ernsthaft gefährdet; bislang steht das Militär auf der Seite der Macht. In Marokko richtet sich der Protest gegen die Regierung, nicht aber gegen König Mohammed VI. Der Monarch bleibt unantastbar: als Oberhaupt der Muslime, als Erster Staatsmann, als Oberster Befehlshaber der Armee und als enger Freund der USA. Nein, sagt Francis Ghiles, er halte nichts von der Theorie, dass Tunesiens Maghreb-Nachbarn nun wie Domino-Steine kippen könnten. Das sei Augenwischerei und verstelle den Blick aufs Wesentliche. Tunesien sei ein Fanal für Reformen und eine große Chance. Genau deswegen sei es höchste Zeit für den Westen, den Maghreb zu unterstützen. Erstens dürfe man mit autoritären Regimen nicht länger einen Schmusekurs fahren und zweitens müsse der Westen endlich seine zynische Haltung gegenüber der Arabischen Welt aufgeben, sagt Ghiles. "Über 40 Jahre lang hat man gesagt 'Das sind Araber, das sind Berber, das sind Muslime - die haben mit Demokratie doch nichts am Hut'. Tunesien beweist, dass der Westen sich gewaltig geirrt hat. Die Menschen wollen Transparenz, Freiheit, Gerechtigkeit und deswegen ist Tunesien ein Beispiel für die gesamte Region!"

Die demokratische Energie, die von Tunesien ausgehe, sei vielleicht das größte Geschenk, das die Menschen dem Westen machen könnten, meint Francis Ghiles. Radikale Islamisten hätten dann nämlich keine Chance mehr. Der Maghreb wolle nicht länger das Problem sein, sondern Teil der Lösung. "Tunesien kann einen therapeutischen Effekt auf das Verhältnis zwischen Europa und Nordafrika haben. Tunesien zeigt, dass die Arabische Welt sich aufmacht in die Moderne, dass sie nicht länger der Geschichte hinterherlaufen muss. Das ist wirklich ein historischer Moment."

Autor: Alexander Göbel, Rabat

Redaktion: Christine Harjes

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