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Wirtschaft

Das schwere Erbe der deutschen Wirtschaft

"Wir waren weniger als Sklaven", sagte einst ein ehemaliger Zwangsarbeiter. Trotzdem profitierten deutsche Unternehmen von den billigen Arbeitern - und weigerten sich noch lange nach dem Krieg, die Opfer zu entschädigen.

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Das Leben der Zwangsarbeiter war den Nazis nichts wert

"Die deutsche Großindustrie schuldet den Zwangsarbeitern etwas", sagt der US-amerikanische Chefankläger im Nürnberger Einsatzgruppenprozess Benjamin Ferencz. Der Anlass: Ende der neunziger Jahre hatten überlebende Zwangsarbeiter der NS-Zeit in den USA eine Sammelklage gegen mehrere deutsche Großkonzerne eingereicht - darunter BMW, Daimler-Benz, die Deutsche Bank, Siemens und Volkswagen. Diese hätten eine wichtige Rolle bei der Judenvernichtung gespielt, so der New Yorker Anwalt der Kläger Edward Fagan.

Für die deutschen Firmen standen Milliardensummen und ihr Image auf dem Spiel. Denn über Jahrzehnte hatten sich ihre Vorstände geweigert, Entschädigungen an die überlebenden Opfer zu zahlen. Angeblich sei man zur Beschäftigung von Zwangsarbeitern genötigt worden. Von daher hätte nur die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des NS-Staates finanzielle Wiedergutmachung leisten können, so Erbo Herrmanns, ehemals Pressesprecher bei den Bayerischen Motorenwerken in München.

Deutsche Unternehmer zahlungsunwillig

Entschädigung

Seit 2000 werden ehemalige Zwangsarbeiter entschädigt

Folgt man dem Wirtschaftshistoriker Dietrich Eichholz, dann haben noch viele andere deutsche Firmen von der Zwangsarbeit profitiert. Das Vermögen der deutschen Industrie sei nach Kriegsende siebzehn Mal höher gewesen als 1939. Das NS-Regime habe den Krieg verloren, die Industrie aber profitiert: KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene erhielten keine Löhne.

Vergessen, Verdrängen und Abwiegeln - so lautete nach Kriegsende die Devise deutscher Betriebe, wenn es um Ansprüche ehemaliger Zwangsarbeiter ging. Von mehreren hundert betroffenen Firmen waren wenige bereit, gesundheitliche Schäden der Überlebenden und nicht gezahlte Löhne zu kompensieren, unter ihnen die IG-Farben und Daimler-Benz. Doch es waren zumeist bescheidene Beträge, die zudem fast ausschließlich an jüdische Opfer flossen.

Zwölf Millionen Zwangsarbeiter verschleppt

Insgesamt wurden während des Zweiten Weltkriegs etwa zwölf Millionen Zwangsarbeiter aus den besetzten Gebieten nach Deutschland verschleppt. 1939 fehlten der deutschen Wirtschaft bereits 1,2 Millionen Arbeiter durch ihre Einberufung zum Militärdienst. Vor allem als sich Ende 1941 die militärische Lage verschlechterte, verlangte die Industrie nach neuen Arbeitskräften.

Dies sei nicht vom NS-Staat befohlen worden, so der Vorwurf von Ulrich Herbert, Professor für neuere Geschichte an der Universität Freiburg. Aus eigenem Antrieb hätten Firmen wie Blohm und Voss, Schering, die Deutsche Reichsbahn sowie Thyssen oder Mannesmann Zwangsarbeiter eingesetzt. Warum hat es fünf Jahrzehnte dauern müssen, bis das Schweigen darüber gebrochen wurde - obwohl bereits 1986 das europäische Parlament die deutsche Industrie aufgefordert hatte, ehemalige Zwangsarbeiter zu entschädigen?

IG Farben- Gebäude in Frankfurt

Die IG-Farben entschädigte Zwangsarbeiter als eines der ersten Unternehmen

"Der öffentliche Druck kommt daher, dass Archive geöffnet wurden. Da konnte man die Sache nicht mehr unter den Teppich wischen", erklärt Yehuda Bauer, Direktor des "Internationalen Zentrums für Holocaust-Studien" in Israel. Seit den Vereinbarungen zwischen Schweizer Banken und jüdischen Organisationen in den USA Mitte der neunziger Jahre begann auch die Reihe der deutschen Verweigerer zu kippen: Allianz, Degussa, Deutsche und Dresdner Bank begannen, den Forderungen überlebender Zwangsarbeiter für erbrachte Arbeitsleistungen nachzukommen. Der Volkswagen-Konzern und Siemens haben beschlossen, einen Fonds einzurichten, um den Überlebenden eine individuelle Unterstützung zu gewähren.

Rot-grün trieb Entschädigung voran

Es war vor allem die rot-grüne Bundesregierung, die die Entschädigung aller Zwangsarbeiter vorantrieb. Unter der Leitung des früheren Kanzleramtsministers Bodo Hombach wurde eine Arbeitsgruppe damit beauftragt, mit den Firmen Einzelheiten auszuarbeiten. 2000 wurde die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" gegründet und mit rund fünf Milliarden Euro ausgestattet - getragen zur Hälfte vom Bund und von der Wirtschaft. Das war und ist ein symbolischer Betrag, gemessen an den über 50 Milliarden Euro, die von der Bundesrepublik als staatliche Wiedergutmachung an überlebende Opfer seit 1945 gezahlt worden sind.

Bis heute haben sich über 6.500 Unternehmen der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft angeschlossen. Entschädigt wurden über 1,5 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter aus rund 80 Ländern. Ihr Alter liegt zwischen 60 und 100 Jahren, das heißt, auch diejenigen, die während der NS-Herrschaft Kinder waren, haben finanzielle Hilfen erhalten. Darunter die große Masse der osteuropäischen Zwangsarbeiter, vor allem aus Polen, der Ukraine und Russland. Gerade sie hatten der NS-Staat und die deutsche Industrie am stärksten ausgebeutet. Bis Mitte diesen Jahres, so ist es vorgesehen, soll die Verteilung der finanziellen Mittel an knapp zwei Millionen Personen abgeschlossen sein.

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