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Kultur

Existenzielle Fragen der Kunst

Heftige Debatten über die Flick-Dynastie und die Zwangsarbeiter begleiteten die Ausstellungseröffnung. Nun präsentiert die Friedrich Christian Flick-Collection moderne Kunst des 20. Jahrhunderts in Berlin.

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Fragen nach der Moral - Friedrich Christian Flick und seine Sammlung

Plakate gegen Flick Ausstellung

Plakte gegen die Flick-Ausstellung, Berlin Invalidenstraße

"Freien Eintritt für ehemalige Zwangsarbeiter" verlangt der Künstler Klaus Staeck auf Postkarten, die neuerdings in Berlin kursieren. Und wer offenen Auges in der Stadt unterwegs ist, der wird diese Forderung auch auf manchem Auto transportiert sehen sowie auf großformatigen Plakatwänden lesen können. Zwei stehen gleich gegenüber vom Haupteingang des Hamburger Bahnhofs. Denn in einer umgebauten ehemaligen Zweckhalle neben diesem Berliner Museum für Gegenwartskunst, in der so genannten Rieck-Halle, präsentiert sich nun die Sammlung von Friedrich Christian Flick.

Der ist der Enkel des Großindustriellen Friedrich Flick, der im Dritten Reich Hitlers größter Rüstungslieferant war, als einer der ersten KZ-Häftlinge als Arbeiter einsetzte und bis zu 60.000 Zwangsarbeiter beschäftigt hat.

Friedrich Flick vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg

Friedrich Flick vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg

"Ich habe nie gesagt, dass ich der dunklen Seite der Familiengeschichte, und damit meine ich die Verbrechen meines Großvaters während des Dritten Reiches, dass ich dieses beschönigen möchte. Dieses kann man gar nicht beschönigen, schon gar nicht durch die Kunst.", sagte Friedrich Christian Flick. Der dunklen Seite der Familiengeschichte könnten spätere Generationen jedoch eine hellere Seite hinzufügen.

Frage nach historischer Rechenschaft

Der Sammler hat eine heftige Kontroverse ausgelöst, seit bekannt wurde, dass seine hochwertige Sammlung moderner Kunst für zunächst sieben Jahre unter dem Dach der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gezeigt werden soll. Um eine Art "moralische Weißwäsche von Blutgeld in eine gesellschaftlich akzeptable Form des Kunstbesitzes" handele es sich hier, kritisierte etwa Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden.

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis äußerte den Verdacht, das sich "ausgerechnet ein deutscher Steuerflüchtling" - Flick lebt in der Schweiz - mit der Ausstellung ein Denkmal setzen wolle.

Flick Ausstellung in Berlin Christina Weiss und Friedrich Christian Flick

Kulturstaatsministerin Christina Weiss bei der Eröffnung

"Ist es denn an uns, darüber zu richten, wie Flick mit seinem Erbe umgeht?", fragt indes Kulturstaatsministerin Christina Weiss, und verweist auf den zentralen moralischen Kern der Debatte: "Kann man ihm, dem Enkel, den Ballast dieser Jahre voll auf die Schultern laden? Gibt es überhaupt eine Kontinuität von Schuld?" Ob es nicht eher um eine Stellvertreterdiskussion gehe, fragte Christina Weiss weiter: Wer die Debatte führt, solle auch danach fragen, auf welchem Fundament große Teile der deutschen Wirtschaft ruhen und ob denn so etwas, was man mal "Entnazifizierung" nannte, umfänglich genug gewesen sei.

Hallen voll moderner Kunst

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat sich nach sorgfältiger Überlegung und gegen viele Widerstände entschlossen, die Sammlung unter ihrer Regie zu zeigen. Friedrich Christian Flick hat den rund acht Millionen Euro teuren Um- und Ausbau der dem Hamburger Bahnhof benachbarten Speditionshalle übernommen. Die Stiftung hat eine Verbindungsbrücke finanziert, übernimmt die betrieblichen Kosten und führt Ausstellungen aus dem Bestand der Sammlung Flick selbstständig durch.

Und dieser Bestand ist eindrucksvoll. Mit über 2000 Werken zählt die so geannte Friedrich Christian Flick Collection zu einer der weltweit bedeutendsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst. Die Eröffnungsausstellung präsentiert nun auf der Fläche des gesamten Hamburger Bahnhofs und in den Rieckhallen mit 400 Werken einen
Querschnitt aus dem Besitz des Sammlers.

Chefkurator Eugen Blume erklärt den chronologischen Aufbau der Ausstellung: "Wir beginnen nicht bei dem ältesten Werk der Sammlung und hören bei dem jüngsten auf, wir beginnen bei der Schöpfungsgeschichte."

Am Anfang war das Chaos

BdT: Flickausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin eröffnet

Installation von Bruce Naumann in der Sammlung Flick

Was Jason Rhoades in der großen Halle ausstellt, sei das, was der Mensch nach der Vertreibung aus dem Paradies bis heute tue: Nämlich die Welt zuzustellen mit seinen Erfindungen, mit seinen materiellen Dingen, mit seinen Ideen. Er baue sich die Schöpfung nach.

Die Sammlung von Friedrich Christian Flick hat, verglichen mit anderen internationalen Sammlungen, einen eigenwilligen Charakter. Denn viele Künstler der Collection sind komplizierte Künstler, die sich existentiellen Fragen stellen wie dieser: Was ist der Mensch in unserer Zeit?

Die Berliner Präsentation versucht eine Annäherung an dieses Denken von so bedeutenden Künstlern wie Alberto Giacometti, Bruce Nauman, Martin Kippenberger, Cindy Sherman und Pipilotti Rist. In 17 Kapiteln, die Titel tragen wie "Raum und Architektur", "Körper und Sexualität" oder "Heimat". Malerei und Skulptur sind ebenso vertreten wie Fotografie und Videokunst bis hin zu raumgreifenden Installationen. Insbesondere in den flachen, tageslichtlosen Räumen im Untergeschoss der Rieckhalle ist die Wirkung dieser Arbeiten geradezu beklemmend.

Ob es wohl Zufall ist, dass Friedrich Christian Flick, der familiär derart vorbelastet ist, so gezielt Kunst sammelt, die die feste Orientierung und Verwurzelung des Menschen in unserer Gegenwart in Frage stellt? Vielleicht gibt das geplante umfangreiche Rahmenprogramm mit Forschungsprojekten zum Unternehmen und zur Familie Flick irgendwann auch darauf eine Antwort.

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