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Kultur

Das letzte Papst-Buch

Kurz vor seinem Tod kam das letzte Buch von Papst Johannes Paul II. in die Buchläden - und sorgte prompt für Furore. Empörung über das Werk ist dennoch übertrieben.

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Hilflose Klage gegen Abtreibung und Homosexuelle

Das letzte Buch des Papstes "Erinnerung und Identität - Gespräche zwischen zwei Jahrtausenden" ist ein privates Buch. Es enthält überarbeitete Tonbandaufzeichnungen einer Runde von "polnischen Denkern" aus dem Jahr 1993. Drei ältere Herren philosophierten damals über Europa, über Gott und seine Abwesenheit in der Moderne. Alle drei waren Polen: der eine Theologe, der andere Philosoph und der dritte der Papst.

Sie debattierten über die Grenzen des Bösen in der Geschichte Europas, über das Wechselspiel von Freiheit und Verantwortung, über den Begriff "Vaterland", über das Wesen von Demokratie. Ziel des Gesprächs war eine Analyse der Gegenwart vor dem Hintergrund der Vergangenheit - nämlich der beiden Diktaturen im Europa des 20. Jahrhunderts, des Nationalsozialismus und des Kommunismus - in päpstlichem Duktus zwei "Ideologien des Bösen".

Päpstliches Weltbild

Es ist ein frommes Buch und besteht großteils aus philosophischen und moraltheologischen Reflexionen. Man erfährt einiges über den Vorläuferdenker der Aufklärung, über den Philosophen Rene Descartes, mehr noch über den mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin und viel über den deutschen Aufklärungsphilosophen Imanuel Kant. Natürlich aus der Weltsicht des Papstes. Deren Grundzüge sind hinlänglich bekannt.

Für Johannes Paul II. stehen viele Kurzformeln. Ihm ging es immer um die Verbindung von Freiheit und Wahrheit. Dabei kann Freiheit ohne Rückbindung an Gott als den Schöpfer allen Seins ethisch nicht verantwortbar gelebt werden. Alles Leben kommt von Gott und ist nicht verfügbar. Daher klagt der Papst das Recht auf Leben ein - von seinem Beginn bis zum Ende, gegen Verhütung und Abtreibung ebenso wie gegen Euthanasie. Und das in bestechender, geradezu sturer moralischen Konsequenz.

Sie passt allerdings nicht zum Zeitgeist. Die Beliebigkeitsgesellschaft, die auf Unverbindlichkeiten und Individualismus setzt, registriert die rigide Morallehre des Papstes als restriktiv und überholt.

Recht auf Abtreibung - Frauen gehen auf die Strasse

Recht auf Abtreibung - Frauen gehen auf die Straße

Wenn der Mensch, so die Argumentation im neuen Papst-Buch, ohne Rückbezug auf Gott entscheiden kann, was gut und böse, richtig oder falsch ist, dann kann er auch über den Menschen verfügen. Die Assoziation zur Abtreibung zwängt sich dem konsequenten Lebensschützer Karol Wojtyla in diesem Kontext geradezu auf: als eine fortdauernde "legale Vernichtung gezeugter, aber noch ungeborener menschlicher Wesen".

Abtreibung kein Vergleich mit Holocaust

Aus dem Wortlaut lässt sich weder eine Gleichsetzung von Abtreibung und dem von den Nationalsozialisten industriell durchgeführten Völkermord an den Juden ableiten noch eine Relativierung des Holocaust, wie Kritiker wittern. Johannes Paul II., 1920 in Wadowice unweit von Auschwitz - der größten Vernichtungsmaschinerie der Nazis - geboren, hat sowohl unter dem Kommunismus als auch unter dem Nationalsozialismus gelitten. Die Dimension des Holocaust musste ihm 60 Jahre nach Kriegsende nicht buchstabiert werden. Die Aussöhnung mit dem Judentum war ihm in seiner Amtszeit immer ein großes Anliegen, davon zeugen viele historische Versöhnungsgesten.

Gemischte Gefühle

Dennoch: die päpstliche Assoziation hinterlässt beim Leser gemischte Gefühle. Dass Abtreibung eigentlich nichts Gutes sei, davon sind in Westeuropa heute mehr Menschen überzeugt als noch vor 20 Jahren. Aber ein Unrechtsbewusstsein für generell jedwede Abtreibung ist nicht vorhanden. Immerhin gibt es auch existenzielle Notlagen, aus denen heraus Frauen abtreiben. Ein Entschluss, der manch eine Frau nachträglich über Jahre belastet. Doch der rigorose Moralist auf dem Stuhl Petri ließ keine Ausnahmen gelten.

Zwei küssende Engel auf dem CSD in Hamburg

Zwei küssende Engel auf dem CSD in Hamburg

Das Herz des Papstes aus Polen schlug für Europa, vor allem das zusammenwachsende Europa. Doch die pluralistischen Strömungen in den westlichen Demokratien fügten sich nicht in sein Weltbild. Das gerät aus den Fugen, wenn homosexuelle Verbindungen, wie es im Buch heißt, anerkannt werden "als eine alternative Form der Familie". Da stellt sich ihm die Frage, ob hier nicht "vielleicht heimtückischer und verhohlener wieder eine neue Ideologie des Bösen am Werk ist".

Diese urteilende Anklage wirkt hilflos. Sie kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass Johannes Paul II. mit dem Liberalismus der westlichen Moderne nicht zurechtkommt. Einen Dialog kann er mit ihr nicht führen. Demokratische Politiker lassen sich längst nicht mehr vom Vatikan die Politik diktieren. Und Menschen richten ihre Lebensentwürfe nicht an römischen Maximen aus. Weder Schwangere in sozialer Notlage noch gleichgeschlechtlich lebende Männer und Frauen.

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