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Wirtschaft

Das langsame Sterben des Bergbaus

Der Abbau von Steinkohle in Deutschland ist hoch subventioniert. Dennoch fällt der Abschied schwer. Dabei ist der Bergbau nicht nur teuer, sondern schädigt auch die Umwelt. Eine Reportage von Jutta Wasserrab.

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Glück auf oder ein Abgesang auf die Steinkohle

"Ich hatte meine erste Grubenfahrt in der Lehre. Der erste Tag war für mich sehr beklemmend. Diese Geschwindigkeit, mit der ich nach unter Tage gebracht worden bin, der Ohrendruck, das Sausen in den Ohren! Das war erst einmal unangenehm. Man gewöhnt sich dran." Das war vor 24 Jahren. Familiär vorbelastet ist Ramiz Music nicht. Sein Vater ist Eisenflechter, kein Bergmann. Aber die Väter seiner Jugend-Freunde sind Bergmänner - und ihre Großväter und Urgroßväter. Ihnen eifert der junge Ramiz nach. Er möchte in den Steinkohlebergbau und Schlosser werden. Das war 1981 und Ramiz glaubte damals, das sei etwas mit Zukunft: "Die Energiefrage wird nie aussterben."

Essen: Zeche Zollverein

Die monumentale Zeche Zollverein Schacht XII, 1928-32 gebaut, stellte 1986 ihren Betrieb ein.

Damals allerdings war die Krise schon zu spüren. Das Zechensterben in Deutschland beginnt zu einer Zeit, in der Ramiz noch nicht einmal geboren ist. Von 1960 bis 1970 schließen mehr als die Hälfte der 125 Bergwerke. Als Ramiz mit seiner Ausbildung anfängt, sind nur noch 28 Zechen übrig. Trotzdem geht für ihn auf der Zeche Ewald zunächst alles gut. Neunzehn Jahre lang. Dann - im April 2000 - wird auch sein Bergwerk still gelegt.

Buddeln im Naturschutzgebiet

Seit fünf Jahren arbeitet Ramiz Music nun hier, im Bergwerk Walsum. 40 Kilometer von seiner alten Zeche entfernt. Der Förderkorb gleitet gerade wieder in die Tiefe. Fast lautlos schnurrt er bis auf 760 Meter unter die Grasnarbe. "Als ich hier angekommen bin, hatte ich mir im Vorfeld schon Informationen geholt und wusste, das ist ein schönes Bergwerk, ein gutes Bergwerk, das hat auch seine Förderung, das ist okay. Also da kann man längerfristig bleiben. Als dann die Information kam, dass wir hier geschlossen werden, hat es mich wie ein Blitz getroffen."

Bergwerk Walsum wird 2009 geschlossen

Noch arbeiten hier 3000 Kumpel

Im Sommer 2008 wird die Deutsche Steinkohle AG auch in Walsum dicht machen. Ein halbes Jahr früher als ohnehin geplant war. Darauf hat sich die Deutsche Steinkohle AG mit der Regierung Nordrhein-Westfalens geeinigt. Die Bergleute dürfen keine neuen Flöze unter dem Rhein abbauen, dafür können sie bis 2008 ungestört unter einem Naturschutzgebiet graben, der so genannten Momm-Niederung.

Erst buddeln sie die Steinkohle heraus, dann sackt oben nach, was unten ausgehöhlt wird, und zum Schluss drückt das Grundwasser an die Oberfläche. Klaus Friedrichs, den Vorsitzenden der Bürgerinitiative Bergbaubetroffener, ärgert das. "Entscheidend ist, dass ein Naturschutzgebiet an einen künstlichen Tropf des ewigen Abpumpens gehängt wird. Es müssen zum Erhalt dieses ganzen Gebietes 20 Millionen Kubikmeter Wasser jedes Jahr bis in alle Ewigkeit weggepumpt werden. Für drei Jahre Bergbau! Da habe ich überhaupt kein Verständnis, dass diese Ewigkeitsschäden hier verursacht werden."

Humanpharmaka im Grundwasser

Bauarbeiter Dieter Bäumer bohrt in der Momm-Niederung gerade eine meterlange Stahlstange durch den Boden. "Mit diesem Gestänge machen wir die Pilotbohrung - bis dahin, wo wir hin müssen. Und wenn wir die Größe haben, dann wird hinten das Rohr daran gebunden und zurückgezogen." Durch die Rohre wird später das Wasser aus dem Naturschutzgebiet in den nahe gelegenen Rhein gepumpt, damit die geschützten Kopfweiden nicht abfaulen.

Seit sechs Jahren streitet Klaus Friedrichs für die Bürgerinitiative Bergbaubetroffener. Wenn es nach ihm ginge, müsste die Zeche Walsum sofort schließen. Denn nicht nur das Naturschutzgebiet säuft ab, sondern Wohngebiete sinken so tief, dass sie bei Rheinhochwasser überschwemmt werden. Und 73.000 Bürger bangen um ihr sauberes Trinkwasser.

Lesen Sie in zweiten Teil von ausgelaufenen Fischteichen, Ansprüchen an den Staat und gutem väterlichen Rat.

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