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Das erste Euro-Land auf dem Balkan - Die Euro-Einführung im Kosovo

Jeff Bieley 30. November 2001

Im Kosovo ist die Deutsche Mark seit Ende des Krieges 1999 die Hauptwährung.

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Auch im Kosovo offizielle Währung.Bild: EZB

Seit langem schon ist die D-Mark die beliebteste Währung im Kosovo. Seit den 80er-Jahren flüchteten sich die Kosovaren in die Mark, weil sie sich von ihr eine Stabilität erhofften, die ihnen der inflationsgeplagte jugoslawische Dinar nicht bieten konnte. Im Jahr 1999 wurde der Dinar dann völlig verdrängt, als die neue UN-Verwaltung die Mark zur offiziellen Währung des Kosovo erklärte.

Jetzt, da die Mark, die einst als Europas stärkste Währung galt, endgültig verschwindet, muss auch der Kosovo mit der Zeit gehen. Wie in den 12 Ländern der Euro-Zone gibt es auch hier Vorbereitungen, Bankkonten auf Euro umzustellen und Flugzeugladungen voll neuer Scheine und Münzen ins Land zu bringen.

Doch der Vizedirektor von Kosovos junger Zentralbank, Agron Dida, glaubt, dass das nicht einfach wird: "Die Währungsumstellung kann bei uns nicht nach dem gleichen Verfahren wie in Deutschland vor sich gehen. Die Wirtschaft im Kosovo basiert auf Bargeld. In Deutschland ist das anders. Dort haben sie schon 1999 angefangen, sich auf die Umstellung vorzubereiten."

Als die Euro-Länder mit den Vorbereitungen für die Einheitswährung begannen, gab es im Nachkriegs-Kosovo noch keine Zentralbank. Zwei Jahre später hat die Zentralbank BPK zwar Lizenzen an vier Geschäftsbanken vergeben. Doch die Wirtschaft funktioniert immer noch vor allem durch Bargeld. Aus diesem Grund, sagt Dida, wisse auch niemand, wie viele Euro im Kosovo benötigt werden: "Da wir keine Möglichkeit haben festzustellen, wie viel Geld im Kosovo im Umlauf ist, haben wir keine genauen Zahlen darüber, wie viel Euro wir brauchen. Wir gehen von ungefähr 1,5 Milliarden aus."

Der Generalsekretär der BPK, Fatmir Gashi, hofft jedenfalls, daß die Einführung des Euro seinem Land mehr bringt als nur eine neue Währung. Bei der Währungsumstellung im Kosovo habe die BPK zwei Ziele: "Zum einen soll der Euro im Kosovo eingeführt werden, das ist schon mal sehr positiv für die Kosovaren. Zum anderen sollen die Menschen davon überzeugt werden, daß die neuen Banken, denen die BPK eine Lizenz erteilt hat, genau so sicher sind wie jede andere europäische Bank."

Gazmend Kajtazi von der neugegründeten "Banka e Re" glaubt, daß die Umstellung leichter ginge, wenn die Kosovaren ihr Geld schon vor dem Jahresende zur Bank brächten: "Wir versuchen unsere Kunden zu überzeugen, daß ihr Geld automatisch in Euro umgewandelt wird, wenn sie bei uns ein Konto eröffnen und ihr Geld hier einzahlen."

Sollte das funktionieren, erhofft sich Zentralbank-Chef Gashi einen kräftigen Schub für die Wirtschaft des Landes: "Wenn die Leute ihr Geld zur Bank bringen, stärkt das die Banken. Und dann haben die Banken auch die Möglichkeit, Kredite für Investitionen zu vergeben, so daß die Produktion im Kosovo angekurbelt wird."

Abgesehen von einigen Plakaten in den Schalterhallen der Banken ist von der unmittelbar bevorstehenden Ankunft des Euro wenig zu spüren. Trotzdem meint Halise, Besitzerin eines Lebensmittelladens im Zentrum von Pristina, ihre Kunden wüßten, dass die D-Mark bald verschwinden wird: "Ja, die haben vom Euro gehört und angefangen, mehr über den Euro zu lernen. Ich glaube, wir sind bald soweit."

Allerdings fügt sie hinzu, daß die Preise bisher nicht in D-Mark und in Euro ausgeschildert sind, wie dies meist in Deutschland der Fall ist: "In den ersten Monaten, Januar und Februar, werden wir die Preise in DM und in Euro auszeichnen." Danach reiche ein Preisschild nur in Euro, sagt Halise.

Ihre größte Sorge ist, daß es nicht genug Wechselgeld geben könnte. Seit der Kosovo 1999 zur D-Mark übergegangen ist, ist der Mangel an Pfennig-Münzen ein ständiges Problem. Weil es nie genug Münzen im Wert von weniger als 50 Pfennig gibt, sagt Halise, wird statt Wechselgeld häufig Kaugummi oder Schokolade herausgegeben.

Doch nicht das Kleingeld, sondern die Sicherheit wird zum größten Problem bei der Euro-Einführung, befürchtet Andreas Graf aus Österreich, ein Vertreter der UN-Polizei. Bisher begleitete die Polizei häufig einzelne gepanzerten Geldtransporter, aber jetzt geht es um eine andere Größenordnung: "Natürlich haben wir Begleitschutz für hochriskante Transporte. Aber bei dieser Geldmenge bräuchte man eigentlich Lastwagen, um das Ganze zu transportieren."

Um die Sicherheit der Geldtransporte zu gewährleisten, haben die Polizei und die Friedenstruppen der Nato eine gemeinsame Einsatztruppe gebildet. Mit Vertretern der Banken im Kosovo arbeiten sie an einem Plan für die Währungsumstellung. Finanzbeamte wollen außerdem verhindern, daß die organisierte Kriminalität von der Euro-Einführung profitieren kann, sagt Ali Sadriu, Leiter der Zentralen Finanzbehörde CFA im Kosovo: "Möglicherweise wird versucht, Geld zu waschen. Wir stellen uns dieser Herausforderung und haben eine Reihe von Maßnahmen eingeleitet, damit das im Kosovo nicht passiert. Der Zoll und andere Einrichtungen arbeiten zusammen, um die Möglichkeit der Geldwäsche zu verhindern."

Trotz aller Schwierigkeiten ist Ladenbesitzerin Halise stolz darauf, dass der Euro bald auch im Kosovo eingeführt wird: "Wir werden das erste Land auf dem Balkan sein, das den Euro hat. Ich glaube, wir rücken dadurch ein Stück näher an Europa."

So nah an Europa, daß viele der Länder, die sich um einen Beitritt zur EU bemühen, bald auf das Kosovo neidisch sein könnten.