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Merkel in Washington

Das Ende einer wunderbaren Freundschaft?

Nicht nur echte Mauern will Trump hochziehen, auch wirtschaftlich will er die USA einigeln. Merkel wird sich bei ihrem Besuch in Washington dagegen stemmen. Aber auch andere würden unter einem isolierten Amerika leiden.

Angela Merkel und Donald Trump (Foto: picture-alliance/dpa/M. Kappeler/R. Sachs)

Merkel und Trump treffen sich Freitag in Washington zum ersten Mal

Einen internationalen Handelskrieg könnte Donald Trump mit seiner Außenhandelspolitik lostreten, das ist seit seiner Amtseinführung die schlimmste Befürchtung vieler Ökonomen. Zwar ist bisher noch nichts Konkretes geschehen, doch viele Äußerungen des neuen US-Präsidenten gehen in eine klare Richtung: die Abschottung von der Weltwirtschaft.

Trump will weniger Güter aus anderen Ländern einführen und so die Produktion zu Hause stärken. "Wir wollen Steuern auf Importe aus Ländern erheben, mit denen wir ein Außenhandelsdefizit haben", sagte Sean Spicer, der Sprecher des Weißen Hauses. Solch eine Steuer, dessen Höhe sich Trumps Äußerungen zufolge auf 20 Prozent belaufen soll, würde letzten Endes wie ein Zoll auf ausländische Produkte wirken.

Rächt sich Deutschlands Exportlust?

Deutsche Firmen verkauften im letzten Jahr, laut vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, Waren im Wert von 107 Milliarden Euro in die USA. Das ist fast doppelt so viel, wie aus den USA importiert wurde. Die protektionistischen Warnschüsse aus Washington gehen also sicherlich auch in Richtung Deutschland.

Dabei würden Handelsschranken die deutsche Wirtschaft hart treffen. Zum einen, weil diese besonders abhängig von Exporten ist - rund 40 Prozent betrug deren Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung des letzten Jahres. Und zum anderen, weil die Vereinigten Staaten für deutsche Unternehmen der stärkste Exportmarkt sind - rund zehn Prozent aller deutschen Exporte gingen dorthin.

In Gefahr: Jobs in Deutschland - und den USA

"Die Hoffnung ist, dass es Drohkulisse und aggressive Rhetorik ist - und dann den Worten am Ende keine Taten folgen", sagte Jürgen Matthes vom Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft im Gespräch mit der DW. Doch bei all dem, was seit Trumps Amtsantritt schon passiert sei, sei er nicht sicher, ob sich diese Hoffnung auch erfülle.

Im schlimmsten Falle sind bis zu 1,6 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland in Gefahr, schrieb Clemens Fuest, der Präsident des ifo-Wirtschaftsinstitutes, kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dabei sollte der US-Präsident jedoch nicht vergessen: 600.000 dieser Jobs sind die amerikanischer Unternehmen in Deutschland.

Hinzu kommen 672.000 Jobs, die deutsche Unternehmen laut eines Berichts des Bundesverbands der Industrie und des Deutschen Industrie- und Handelskammertages in den USA schaffen. Durch Handelsbarrieren könnten auch hier Arbeitsplätze verloren gehen. So würde Trump mit einer Bestrafung Deutschlands also auch der eigenen Wirtschaft schaden.

Alles hängt zusammen

Allgemein sind Trumps Pläne zweischneidig. Die Produktionsketten vieler Unternehmen laufen nicht mehr nur durch ein Land. Die US-Wirtschaft ist auf Vorprodukte aus anderen Staaten angewiesen. Wenn deren Einfuhr nun besteuert würde, würden die gesamte Herstellung und dadurch auch die Endprodukte teurer werden.

Containerschiff in Hong Kong (Foto: picture-alliance/dpa/A. Hofford)

Seit Jahrzehnten setzen die USA auf Freihandel - unter Trump könnte dies ein Ende haben

"Es kann durchaus sein, dass Trump sich mit solch einer Politik auf Dauer ins eigene Bein schießt, weil dadurch auch Arbeitsplätze in den USA gefährdet sind", meint etwa Dr. André Wolf vom Hamburger Weltwirtschaftsinstitut im Gespräch mit der DW.

Und auch Matthes sieht die Pläne des Präsidenten äußerst kritisch. "Die Verbraucher und alle US-Unternehmen, die auf Importe angewiesen sind, werden unter den höheren Kosten sicherlich leiden", sagt er der DW. "Ein Land schädigt sich am Ende selber, wenn es Handelsschranken in dieser Größenordnung einführt. Das ist die Mehrheitsmeinung unter Ökonomen."

Die deutsche Autoindustrie schwitzt

Die Mehrheitsmeinung der Ökonomen scheint Trump jedoch nicht sonderlich zu kümmern. Besonders auf deutsche Autobauer hat er sich mit seinen Zoll-Drohungen eingeschossen. So solle BMW künftig eine Einfuhrsteuer in Höhe von 35 Prozent auf jeden in die USA exportierten Wagen bezahlen, tönte er im Interview mit der Bild.

Solche polternden Ankündigungen dürften auch andere deutsche Autohersteller nervös machen, denn die USA sind laut Zahlen des Verbands der Automobilindustrie das zweitgrößte Exportland für die Industrie. Fast 15 Prozent aller aus Deutschland ausgeführten PKW werden über den Atlantik geschippert - nur Großbritannien nimmt noch mehr ab.

BMW-Werk Spartanburg in den USA (Foto: picture-alliance/dpa)

Das größte BMW-Werk steht nicht etwa in Deutschland - sondern im amerikanischen Spartanburg, South Carolina

Doch eine Abschottung der eigenen Automobilindustrie könnte eben dieser besonders schaden, zeigt eine neue Studie einer Unternehmensberatung. "Selbst amerikanische Hersteller würden in ihrem wichtigen Heimatmarkt so viel Gewinn verlieren, dass sie global gesehen in die Verlustzone abrutschen würden", sagt Wolfgang Bernhart, Partner bei Roland Berger. Die Folge wären verlorene Arbeitsplätze in den USA.

Drohendes Dilemma

Es wird deutlich: Die Wirtschaften der Länder sind so eng verzahnt, dass eine Trennung nur unter beidseitigen Schmerzen möglich ist. Macht Trump trotzdem ernst, bringt das Deutschland und die EU, deren Mitgliedsstaaten eine gemeinsame Außenhandelspolitik fahren, in eine missliche Lage. Schlägt man zurück oder fügt man sich?

"Selber Handelsbarrieren gegenüber den USA einzuführen, würde den Handel und damit die EU selber schädigen", so Matthes. Nicht zu reagieren, sei strategisch aber auch fragwürdig. "Das ist schon ein erhebliches Dilemma."

Doch bevor es so weit kommt, müsste Trump tatsächlich in die Offensive gehen. Noch blieben seine protektionistischen Ankündigen ja bloße Worthülsen. Vielleicht wird beim Treffen mit Merkel in Washington klar, wie ernst er sie wirklich meinte.

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