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Politik

Cyber-Attacken mit perfektem Timing

Dass chinesische Hacker den Westen ausspionieren, ist nicht neu. Die Häufung entsprechender Berichte wirft allerdings Fragen auf. Die Antworten liegen nicht unbedingt in China - sondern möglicherweise ganz woanders.

Symbolbild: rote Zahlen überlagert mit Bild von PC-Tastatur

Rote Gefahr aus dem Internet?

Glaubt man Medienberichten der vergangenen Tage, dann haben chinesische Soldaten in der südchinesischen Provinz Guangdong ein interessantes Hobby: Sie spionieren mit Vorliebe Rechner ausländischer Regierungen aus. So zum Beispiel PCs der Bundesregierung, wie Ende August bekannt wurde. Auch Rechner im Kanzleramt sollen betroffen gewesen sein. Die Hacker waren freilich nicht an Kanzlerin Merkels herunter geladener Musik interessiert.

Und nun das Pentagon. Nach einem Bericht der "Financial Times" soll auch ein Netzwerk im US-Verteidigungsministerium durch eine Cyber-Attacke von Rechnern der chinesischen Befreiungs-Armee (PLA) in Guangdong für eine Woche in die Knie gezwungen worden sein. Der "Guardian" vermeldete, dass auch PCs der britischen Regierung betroffen gewesen seien. Und wieder wurde über PLA-Hacker aus Guangdong als Urheber spekuliert.

Doch alle drei Fälle haben noch etwas anderes gemeinsam: Die reportierten Hacks sind bereits mehrere Monate alt. Mehr noch - nach Angaben der zitierten Offiziellen gehören die Cyber-Angriffe auf Regierungscomputer in London und Washington bereits seit Jahren zur Normalität. Warum brandet das Thema also gerade jetzt auf?

Kein Strategiewechsel in Peking

Menschen vor in Reihen angeordneten Bildschirmen (Quelle: AP)

Chinesische Soldaten daddeln nicht im Internetcafe (Archivbild)

In Peking gebe es derzeit keinen offensichtlichen Politikwechsel, der die Angriffe als Teil einer neuen Strategie erscheinen lassen könnte, sagt Yiyi Lu, Chinaexpertin vom Londoner Think Tank Chatham House. Auch Versuche, die Ereignisse im Zusammenhang mit dem von Peking veröffentlichten Weißbuch 2006 zur nationalen Verteidigung zu interpretieren, liefen ins Leere. Dem Papier zufolge will das Land bis zum Jahr 2020 seine Fähigkeiten entscheidend entwickeln, um "Informationskriege" gewinnen zu können.

"Das bezieht sich in erster Linie auf die Fähigkeiten zum Austausch und zur Nutzung von Informationen in eigenen Netzwerken. Die Möglichkeit, die Informationsinfrastrukturen des militärischen Gegners zu beeinträchtigen, ist dabei nur ein Nebenaspekt", sagt Lu. Im Übrigen handele es sich um eine triviale strategische Festlegung, die heute "ein normaler Bestandteil der Militärstrategie anderer Länder" inklusive der USA und europäischer Staaten sei.

Hacker aus Drittländern?

Angela Merkel mit Wen Jiabao beim Bad in der Menge

Kanzlerin Merkel (2.v.l.) sprach das Hacker-Thema während ihres China-Besuches Ende August bei Premier Jiabao (l.) an

Andere gehen noch weiter und bezweifeln, dass Regierung und Armeeführung überhaupt involviert waren. Dass die von PLA-Computern ausgehenden Attacken von ganz oben gesteuert waren, wie in den Medien suggeriert, sei ein voreiliger Schluss, warnt Ralph Bendrath, Internet- und Datenschutzexperte an der Uni Bremen. "Dafür wären Hinweise nötig, dass der Zugriff aus Hochsicherheitsnetzwerken der chinesischen Armee erfolgt ist." Andernfalls sei es genauso möglich, dass die PLA-Rechner von Dritten für eigene Angriffe missbraucht würden. Mit diesem Einwand wird in der "Financial Times" auch ein ehemaliger stellvertretender US-Verteidigungsminister der Clinton-Administration zitiert. Demzufolge versuchten kriminelle Banden eigene Cyber-Attacken nicht selten als Angriffe von Regierungscomputern zu tarnen.

Dass chinesische Rechensklaven besonders anfällig für solche "Verwechselungen" sein könnten, dürfte nicht verwundern. Pekings Vorstellung von Informationsfreiheit macht die genaue Zurückverfolgung von Angriffen, die vermeintlich von Rechnern im Reich der Mitte ausgehen, zu einer Herausforderung für Ermittler im Ausland. Dieses Problem ist aber schon seit Jahren bekannt. Das Timing der neuen Enthüllungen über Cyber-Ungemach aus China erklärt es nicht.

Perfekt getimter Aufschrei

Aufschlussreicher sind womöglich die Befindlichkeiten der Regierungen, die zu den Opfern wurden. Die Meldungen über Einbrüche in deutsche Regierungscomputer folgten gleich auf die heiße Diskussion über Onlinedurchsuchungen mit dem auch in der Regierung umstrittenen "Bundestrojaner". Böse ist, wer dies für einen Zufall hält.

Barbie-Puppe in Verkaufspackung (Quelle: AP)

Schwerwiegender Vorwurf: Chinesische Barbie enthält zuviel Blei

Möglicherweise hat man dies auch als opportunen Zeitpunkt in Washington begriffen, um mit dem Thema einmal mehr an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn für die Auseinandersetzung mit dem Riesenreich bleibt den USA gegenwärtig nur die PR-Bühne. Die chinesische Wirtschaft ist international auf der Überholspur. Im August löste China die USA als zweitgrößter Exporteur ab (und auch Exportweltmeister Deutschland muss sich warm anziehen). Politisch, wirtschaftlich und militärisch steckt Peking immer weitere Claims ab.

Gleichzeitig häufen sich die Vorwürfe. US-Spielzeughersteller Mattel ruft medienwirksam Barbies made in China zurück - zuviel Blei in der Lackierung, heißt es. Ein anderer Hersteller beordert Schuhe wegen vermeintlicher Stromschlaggefahr vom Markt. Im August wurden in den USA insgesamt acht Mal chinesische Produkte von den Händlern zurückgerufen, vermeldete AFP. Ach ja, und die BBC berichtete am Montag über eine Beschwerde der britischen Regierung in Peking: Es seien chinesische Waffen bei Talibankämpfern in Afghanistan gefunden wurden (ein Sprecher der Afghanistan-Schutztruppe relativierte später, es würden regelmäßig Waffen aus verschiedenen Ländern gefunden). Das Timing der Hacker-Vorwürfe - auch wenn sie stimmen sollten - passt also ins Bild.

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