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Wissen & Umwelt

CO2 im Meer gefährdet Fische und Korallen

Fast ein Drittel von dem CO2, das wir ausstoßen, landet im Meer. Das hilft zwar, die Erderwärmung etwas zu bremsen, es führt aber auch zu einer Versauerung des Ozeans - eine Gefahr für das Leben im Meer.

In letzter Zeit wir viel darüber diskutiert, warum sich die Erde anscheinend in den letzten zehn Jahren nicht so stark erwärmt, wie von Klimamodellen vorhergesagt. Eine These besagt, dass die überschüssige Wärme im tiefen Ozean gespeichert wird. Im Rahmen der Weltklimakonferenz in Warschau präsentierten Wissenschaftler eine Studie, die das untermauert. Der vom Internationalen Programm zum Zustand des Ozeans (IPSO) veröffentlichte Bericht belegt nicht nur die ansteigende Temperatur der Weltmeere, sondern auch eine Veränderung des pH-Werts.

"Wir haben festgestellt, dass sich die Ozeane erwärmen, in der Ostsee zum Beispiel bis 1,3 Grad Celsius. Diese Erwärmung findet im tiefen Wasser statt - tiefer als 700 Meter", erklärt Alex Rogers im Gespräch mit der DW. Der Professor für Biologie und Zoologie an der Universität Oxford ist wissenschaftlicher Leiter von IPSO. Fast ein Drittel des Kohlendioxids, das zurzeit ausgestoßen wird, wird laut Rogers vom Meer aufgenommen. Das verlangsame zwar den Anstieg der globalen Erdtemperatur, verändere aber gleichzeitig die Chemie des Ozeans. Denn im Wasser reagiert Kohlendioxid zu Kohlensäure - das Wasser wird allmählich sauerer.

Gefahr für Meeresbewohner

Den neuesten Erkenntnissen zufolge ist das Meerwasser schon 26% sauerer als vor Anfang der Industrialisierung. Bis 2100 könnte das Wasser um 170% sauerer sein. In vielen Labors der Welt wurden in den vergangenen 20 Jahren Experimente durchgeführt, um herauszufinden, was das genau für das Leben im Meer bedeutet.

Im Rahmen des EPOCA Projekts (Ozeanversauerung) werden Mesokosmen, Minilabore, ins Meer bei Spitzbergen plaziert. (Foto: DW/Irene Quaile).

Um die Versauerung zu messen, wurden vor Spitzbergen Minilabore ins Meer gelassen

Ulf Riebesell vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel leitete 2010 bei Spitzbergen die ersten Untersuchungen in der freien Natur. Dabei wurden in riesigen Kapseln im Meer die Bedingungen simuliert, die in den nächsten Jahrzehnten vermutlich herrschen werden - je nachdem, wie viel CO2 künftig ausgestoßen wird. Diese und andere Experimente zeigen, dass die zunehmende Versauerung den kalkbildenden Organismen das Leben schwer macht. "Wir sollten uns Sorgen machen um alle Organismengruppen, die Kalk bilden, also für Schalen oder Skelett", sagt Riebesell, der auch zu den Autoren der Studie gehört. So betreffe die Ozeanversauerung Korallen, Muscheln, Schnecken, Seeigel und Seesterne, aber auch Fische und andere Organismen. Einige der kalkbildenden Arten werden im Zukunftsozean nicht mehr konkurrenzfähig sein. Die Arten-Zusammensetzung werde sich massiv ändern", so Riebesell im Gespräch mit der DW.

Auch für Küstenbewohner ein Problem

Die Wissenschaftler warnen vor schweren wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen. Denn die klimabedingten Veränderungen im Meer werden sich am Ende auch auf die Nahrungskette auswirken. Manche Regionen werden dann stärker als andere von der Versauerung des Meeres betroffen. Die Tropen und Subtropen mit ihren Warmwasserkorallen werden zum Beispiel leiden, sagt Riebesell. Ökologisch und wirtschaftlich sehr wertvolle Korallenriffe sind besonders bedroht. Diese sind nicht nur aufgrund der Artenvielfalt, die in ihnen lebt - und für den Tourismus in vielen Ländern - wichtig, sie dienen auch als Barrieren, die Küsten vor Sturm und Wellen schützen.

Eine in der Arktis gefangene Flügelschnecke (Foto: picture alliance/wildlife).

Flügelschnecken gehören zu den bedrohten Spezies in polaren Gewässern

Und auch die Polargebiete werden stark betroffen sein, da kaltes Wasser CO2 stärker aufnimmt. Experimente in der Arktis deuten bereits darauf hin, dass das Meereswasser dort bereits in den nächsten Jahrzehnten korrosiv werden könnte, erklärt Riebesell. "Das heißt, dass das Wasser so sauer ist, das sich die Kalkschalen und Skelette von unseren Kalkbildnern einfach auflösen."

Selbst in der Antarktis macht sich die Versauerung schon bemerkbar, sagt Alex Rogers: "Wir haben dort winzige Meeresschnecken gefunden, deren Schutzpanzer aus Kalk schon zerbröselten." Dabei sind solche kleinen Tiere für die Nahrungsketten im Ozean von sehr großer Bedeutung - von kleinen Tieren bis hin zu Walen. "Eine der Haupteiweißquellen im Meer nimmt rapide ab", sagte Monty Halls der DW. Der Vorsitzende der Umweltorganisation Shark and Coral Conservation Trust beschreibt die Ozeanversauerung als die "größte Bedrohung für künftige Generationen".

Längerfristiges Problem für das Erdklima

Neben den Problemen für die Ökosysteme und die Nahrungskette warnen die Wissenschaftler vor einem Rückkoppelungseffekt, der den Klimawandel wiederum erneut verstärken wird. Zwar wird das Meer auf längere Sicht zur allergrößten Senke des von Menschen gemachten CO2, es verlangsamt sich in der Zwischenzeit aber die CO2-Aufnahme im Ozean. "Die Pufferkapazität des Ozeans wird geringer, je saurer der Ozean wird ", erklärt Riebesell. Alex Rogers nennt ein weiteres Problem: Kleine Algen mit Strukturen aus Kalziumkarbonat tragen Kohlenstoffpartikeln mit, wenn sie in die Tiefsee sinken. Wenn sie weniger werden, verbleibt mehr CO2 in der Atmosphäre.

Korallenriff um Insel Koh (Foto: ROMEO GACAD/AFP/Getty).

Korallenriffe - wie hier um die indonesische Insel Koh - sind besonders von der Versauerung bedroht

Der CO2 Ausstoß steige schneller als in den letzten 300 Millionen Jahren, gibt Rogers zu bedenken. "Das globale Ökosystem hat schon einige sehr dramatische Klimawandelereignisse durchgemacht. Und sie führten auch zum Massenaussterben von vielen Arten. In unserem Bericht betonen wir, dass zu diesen Zeiten in vielen Fällen hohe Temperaturen und eine Versauerung der Meere einhergingen - wie das, was wir heute erleben."

Noch ist es nicht zu spät, um der Ozeanversauerung entgegen zu wirken. Die wichtigste Maßnahme nach Meinung der Meereswissenschaftler wäre, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. "Sonst ist alles nutzlos", sagt Riebesell. Außerdem plädiert er für begleitende Maßnahmen, um die Empfindlichkeit der Ökosysteme zu reduzieren. So müssten Verschmutzungen beispielsweise aus der Landwirtschaft oder durch Plastikmüll reduziert werden. Außerdem könnten Meeresschutzgebiete den Druck auf die Ökosysteme reduzieren.

Trotz des Ernsts der Lage warnt Alex Rogers vor allem vor Verzweiflung. "Jeder kann etwas tun, um seine eigene CO2-Produktion zu reduzieren, und um weniger Müll zu erzeugen: Fahrrad fahren, keine Plastiktüten verwenden oder weniger Chemikalien einsetzen."

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