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Deutschland

CIVIS-Preisverleihung: "Ein kleiner Tritt in den Hintern"

Selten war das Thema Integration so aktuell, waren die Medien in der Kritik. Bei der Civis-Gala wurden die besten Beiträge aus 936 Einreichungen gefeiert. Doch die Veranstaltung war auch eine politische Demonstration.

Sie sei immer wieder "beflügelt, wie viel Berichterstattung in einzelnen Personen auslösen kann", sagt Siham El-Maimouni im Interview mit der Deutschen Welle. Die junge Frau ist Jurorin des CIVIS-Radiopreises und selbst Radiomoderatorin. Sie weiß um die Wirkung der Medien in Zeiten der Flüchtlings- und Migrationsdebatte. Genau darum geht es bei der CIVIS-Gala, oder wie es offiziell heißt: "Europäischer CIVIS Medienpreis für Migration, Integration und kulturelle Vielfalt". 13 Preise wurden von fast 50 Juroren zu Themen wie Flüchtlinge, Angriffe auf Flüchtlinge und dem Zusammenhalt der EU vergeben.

Viele sprechen es an diesem Abend offen aus: Die Medien, denen die Deutschen Umfragen zufolge immer noch die Vermittlung von Werten zutrauen, stehen zurzeit mächtig unter Druck. "Wir haben Hass gegen Medien", stellt Andreas Zick, Wissenschaftler von der Uni Bielefeld und Mitglied des CIVIS-Kuratoriums, gegenüber der Deutschen Welle fest. Viele Journalisten seien selbst in die Schusslinie geraten.

Gauck mahnt die Medien

Auch Bundespräsident Joachim Gauck und Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments, sind als Schirmherren angereist, um bei der Verleihung dabei zu sein. Und in seiner Rede legt Gauck gleich den Finger in die Wunde. "Es beunruhigt mich, wenn ich dieser Tage den Vorwurf höre, die Medien berichteten bisweilen einseitig und unvollständig", sagt er und mahnt die Journalisten, sie sollten sich nicht dazu hinreißen lassen, wegen einer guten Sache Fakten selektiv zu benennen. Gauck spricht an, dass manche Medien über die Kölner Ereignisse "erst Tage später" berichtet hätten und fügt warnend hinzu: Wer es mit den anerkannten journalistischen Prinzipien nicht so genau nehme, "kann schon morgen vom Berichterstatter zum politischen Akteur werden".

Deutlicher noch als Gauck wurde Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlaments. "In Europa wird die Demokratie immer mehr infrage gestellt", sagte er mit Blick auf die Türkei, Ungarn und Polen und brach eine Lanze für die Medien: "Medienfreiheit ist ein Gradmesser für die Qualität der Demokratie."

Hitler macht den Trump

Die ausgezeichneten Programme haben aus den mehr als eine Million Flüchtlingen Einzelschicksale, Geschichten, Gesichter herausgelöst und in journalistische Formate gebracht.

Der Kinopreis ging an "Er ist wieder da", ein Spielfilm von Dieter Wendt, der Adolf Hitler 70 Jahre nach seinem Abgang im Berlin der Gegenwart zeigt. Man zeigt ihn als einen politisch nicht ganz korrekten TV-Star. Analogien zum schillernden US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump drängen sich auf. Lisa Schurrs Reportage für das ARD-Mittagsmagazin über die unermüdlichen ehrenamtlichen Helfer von Wegscheid gewann den CIVIS-Preis in der Kategorie Magazine.

TV-Sensation von Arte und BBC

Im Bereich Information wurden zwei Produktionen ausgezeichnet, darunter die Doku-Fiktion "EU: Kurz vor dem Crash" von BBC und Arte. Schon der kurze Filmausschnitt ließ den Atem stocken über das inszenierte Zukunftsszenario: Der sogenannte Islamische Staat steht vor Wien, der Europäische Rat schafft den Euro ab und Marine Le Pen ist Präsidentin in Frankreich. "Die Doku führt den Verlust europäischer Werte dramatisch vor Augen", so die Jury in ihrer Begründung. Ein warnendes Fanal und die filmische Sensation des Abends.

Sonderpreis Fußball

Die Themen Flüchtlinge und Migration standen auch beim europäischen CIVIS-Sonderpreis für "Integration und Sport" im Fokus. Ausgezeichnet wurden der TV-Film "BVB gegen Rechts" vom WDR, der WDR-Hörfunkbeitrag "Burscheider Ballverein kickt mit Flüchtlingen" und der Online-Artikel "Woher stammt die Liga" - über die Herkunft der Bundesligaspieler. "Viele Vereine öffnen sich für Migranten", begründet CIVIS-Kuratoriumsmitglied Andreas Zick den Fokus auf Fußball. "Die Stadien sind zentrale Orte, wo man Integration und Teilhabe lernen kann", sagt er und betont, dass man mit derlei emotionalen Stoffen gerade auch junge Menschen erreicht.

Erreicht man die AfD-Anhänger?

Doch ob dieser Anspruch eingelöst wird, bleibt offen. Ebenso, inwiefern man mit den zahlreichen Beiträgen zu Flucht und Migration auch jene erreicht, die dieser Entwicklung kritisch bis feindlich gegenüberstehen: Die Anhänger der AfD oder von Pegida etwa.

Ob man mit medialen Formaten Einstellungen ändern kann, sei "die große Frage", gibt Andreas Zick zu. Gewonnen sei schon viel, wenn man aufdeckt, welche Strategien hinter Populismus stecken. "Das tut schon weh", ist sich Zick sicher. Gemeinsam mit CIVIS-Jurorin Siham El-Maimouni erhofft er sich von der Preisverleihung "eine Stärkung der Journalisten". Und El-Maimouni glaubt, dass das Ganze auch "ein kleiner Tritt in den Hintern" für Medienmacher ist, sich künftig noch treffsicherer mit dem Thema Integration und Migration auseinanderzusetzen.

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