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Erster Weltkrieg

Chinesische Arbeiter schuften hinter der Front

Als Kriegspartei spielte China im Ersten Weltkrieg kaum eine Rolle. Aber in Frankreich arbeiteten 140.000 chinesische Bauern hinter der Front. Viele wurden gnadenlos ausgebeutet. Heute ist ihr Schicksal fast vergessen.

Noyelles-sur-Mer ist ein unscheinbares Dorf an der Nordküste Frankreichs. Ein paar typisch französische Häuschen versammeln sich um eine Kirche, am Dorfrand steht ein kleines Schlosshotel, von dem aus man einen Blick auf den Ärmelkanal erhaschen kann. Ansonsten hat das Örtchen mit seinen rund 800 Einwohnern wenig zu bieten. Bis auf den Friedhof. Der ist mit 838 Gräbern die größte chinesische Begräbnisstätte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges in Europa.

Dabei war China selbst so gut wie gar nicht an den militärischen Auseinandersetzungen dieses Krieges beteiligt. Zu sehr war das Reich mit inneren Unruhen beschäftigt, nachdem 1911/12 die Monarchie gestürzt wurde und der Revolutionär Sun Yat-sen die Republik China ausgerufen hatte. "Diese Republik suchte die Anerkennung der großen europäischen Nationalstaaten", erklärt der aus Hongkong stammende Historiker Xu Guoqi.

1917 erklärte China zwar den Mittelmächten den Krieg, allerdings feuerte kein chinesischer Soldat auch nur einen Schuss ab. Durch den formalen Kriegseintritt hoffte China vielmehr auf den Beistand seiner europäischen und amerikanischen Alliierten bei der Sicherung seines Territoriums gegen Japan. Die Japaner hatten schon im November 1914 die deutsche Kolonie Kiautschou eingenommen und auch auf andere Gebiete Chinas ein Auge geworfen.

Unterstützer hinter der Front

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Der Chinesenfriedhof von Noyelles-sur-Mer (09.04.2014)

In Europa zeichnete sich schon früh ab, dass der militärische Konflikt in einen langen, zähen und verlustreichen Stellungskrieg münden würde. Besonders in Nordfrankreich lagen sich die Soldaten in den Schützengräben gegenüber - ohne dass sich der Frontverlauf über die Jahre signifikant änderte.

Um die Soldaten zu unterstützen, zogen vor allem die Briten und Franzosen ausländische Arbeitskräfte heran, die im Hinterland materielle und logistische Aufgaben übernahmen. Die Arbeitskolonnen wurden vor allem im belgischen Flandern und in Nordfrankreich eingesetzt. Sie wuchsen schnell und waren straff organisiert. Gegen Ende des Krieges waren insgesamt mehr als 700.000 Menschen in diesen Kolonnen im Einsatz - die meisten wurden zwangsweise aus den Kolonien der beiden Großmächte Großbritannien und Frankreich herangezogen. Bis zu 140.000 von ihnen waren jedoch freiwillige Arbeiter aus China.

Im Mai 1916 hatten die beiden europäischen Länder mit der Republik China ein entsprechendes Abkommen geschlossen. "Die meisten dieser Chinesen waren verarmte Bauern, die weder lesen noch schreiben konnten", erzählt der Historiker Xu. "Sie kamen vor allem aus der mandschurischen Provinz Shandong und waren in China schlechte Lebensbedingungen gewohnt. Fast alle waren jung - zwischen 20 und 40 Jahre alt - und kannten nichts anderes als harte körperliche Arbeit." Die Bauern erhofften sich bessere Lebensbedingungen und einen höheren Lohn und meldeten sich daher zuhauf in den europäischen Rekrutierungsbüros in China. "Einige lockte sicher auch das Abenteuer und der Wunsch, die westliche Zivilisation kennenzulernen, doch die meisten meldeten sich aus purer Geldnot," so Xu.

Vom Feld in die Kriegshölle

Schützengraben in Belgien im Ersten Weltkrieg (Foto:dpa)

Die Chinesen halfen unter anderem beim Ausheben von Schützengräben in Belgien und Nordfrankreich

Die Europäer versprachen ihnen eine faire Behandlung, doch was die Chinesen in Frankreich erwartete, war die Hölle: "Sie wurden mitten hineingeworfen in den blutigsten Krieg, den die Geschichte bis dahin gesehen hatte. Viele Chinesen mussten Schützengräben ausheben oder arbeiteten direkt hinter der Frontlinie, während um sie herum die Bomben einschlugen." Andere halfen in der Rüstungsindustrie, auf Schiffswerften und in Maschinen- und Flugzeugfabriken. Sie hielten Straßen und Eisenbahnlinien instand, bewirtschafteten Wälder, schufteten in den Kohleminen und leisteten so einen immensen Beitrag dafür, die Kriegswirtschaft in Frankreich in den Jahren 1916 bis 1918 aufrechtzuerhalten.

"Den rund 40.000 Chinesen, die für die Franzosen arbeiteten, ging es noch verhältnismäßig gut," berichtet Xu. "Diejenigen, die von den Briten angeworben worden waren, wurden dagegen wie Gefangene in Arbeitslagern untergebracht." Sechs Tage die Woche, zehn Stunden am Tag schufteten diese Arbeiter für einen Tageslohn von nur einem bis drei Franc. Obwohl sie Zivilisten waren, unterstanden sie der britischen Militärgerichtsbarkeit. Rassismus und kulturelle Missverständnisse waren an der Tagesordnung, auch weil es in den Lagern viel zu wenige Übersetzer gab. "Die britischen Lagerkommandanten brüllten die Chinesen jeden Morgen an und schrien 'Let's go! Go!' Das klang in chinesischen Ohren wie das Bellen von Hunden. Die Chinesen fühlten sich erniedrigt, und immer wieder kam es zu Aufständen." Kurz vor Kriegsende gab es in Nordfrankreich mindestens 17 britische Arbeitslager, in denen insgesamt rund 96.000 Chinesen lebten.

Arbeit auch nach Kriegsende

Nach Kriegsende wurden diese Lager nur schleppend aufgelöst. Im März 1919 lebten in Frankreich und Belgien noch fast 80.000 Chinesen. Sie halfen beim Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Gebiete oder bargen gefallene Soldaten, die während des Krieges nur notdürftig auf dem Schlachtfeld beerdigt worden waren. Außerdem wurden viele Chinesen zur Minenräumung eingesetzt. Zwischen 1916 und 1919 sollen rund 3.000 Chinesen gestorben sein.

"Tragischerweise kamen die meisten erst nach Kriegsende ums Leben," berichtet Xu, "viele auch deshalb, weil ihnen niemand sagte, wie sie mit den Blindgängern umzugehen hatten." Andere fielen in den Folgejahren der Spanischen Grippe zum Opfer. Die überlebenden Arbeiter kehrten nur langsam nach China zurück. 1921 lebten noch 3.000 Chinesen in Frankreich. In Paris gründeten sie später das erste chinesische Viertel Europas.

"Im Ersten Weltkrieg leisteten die chinesischen Arbeiter einen großen Beitrag dazu, den britischen und französischen Soldaten den Rücken freizuhalten", resümiert der Hongkonger Historiker Xu. "Aber auch für die junge Republik China waren sie wichtig, denn durch ihre Entsendung wurde das Land von Frankreich und Großbritannien als mehr oder weniger gleichwertiger Partner akzeptiert."

Randnotiz der Geschichte

Die heute noch in Frankreich lebenden Chinesen halten die Erinnerung an ihre Vorfahren aufrecht. Einmal jährlich treffen sie sich, um der Arbeiter zu gedenken. In China selbst gerieten die Arbeiter jedoch schnell in Vergessenheit. Generell spielt der Erste Weltkrieg in der chinesischen Geschichte nur eine untergeordnete Rolle. Zu sehr stehen im China des 20. Jahrhunderts andere historische Ereignisse im Vordergrund, etwa Maos "Langer Marsch", sein "Großer Sprung nach vorn" oder die Kulturrevolution, die weit mehr chinesische Opfer forderten als der Erste Weltkrieg. "Bis heute hat die chinesische Regierung den Einsatz der Arbeiter in Frankreich nicht gewürdigt," resümiert der Historiker Xu. "Auch in Europa sind die chinesischen Arbeiter nicht mehr als eine historische Randnotiz." So zeugen heute nur noch einige Friedhöfe in Nordfrankreich vom Schicksal dieser Menschen. Friedhöfe wie der in Noyelles-sur-Mer.

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