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Geschichte

Spanien 1914: Der Papierkrieg

Kaum war der Erste Weltkrieg ausgebrochen, erklärte die spanische Regierung ihre Neutralität. Der Konflikt spaltete die Spanier in Anhänger der Alliierten und der Deutschen. Ihr Schlachtfeld waren die Zeitungen.

Spanien im Ersten Weltkrieg König Alfonso 1914

Spaniens König Alfonso XIII. erklärt sein Land 1914 als neutral im Krieg

"Nun, da bedauerlicherweise der Krieg ausgerufen wurde, (…) fühlt sich die Regierung Ihrer Majestät verpflichtet, von den spanischen Untertanen die strikteste Neutralität zu verlangen." Mit diesen Worten verkündete die Gaceta de Madrid, damals offizielles Amtsblatt des Staates, am 7. August 1914 die Neutralität Spaniens im

Ersten Weltkrieg

, nur wenige Tage nach dessen Ausbruch. Das Land indes wollte nicht neutral sein. In Wirklichkeit sollte es Zeuge einer Schlacht zwischen den Anhängern beider Seiten werden, eine Schlacht, die in den Zeitungen ausgetragen wurde.

"Die Gaceta vermag die Neutralität in diesem Kampf verkünden -schrieb die Zeitschrift Iberia in ihrem ersten Vorwort-, aber es kann nicht verschwiegen werden, was über der Gaceta steht: die Intelligenz; der Staat mag neutral sein, wir nicht. In diesem einzigartigen, erhabenen Augenblick im Leben mag in Tibet geschwiegen werden, aber nicht in Katalonien."

In dieser Zeitschrift, die inmitten des Krieges in Barcelona gegründet wurde, veröffentlichte der Schriftsteller Ramón Pérez de Ayala sein "Manifest über den Beitritt zu den Alliierten Nationen", welches von Intellektuellen der Größe von José Ortega y Gasset, Fernando de los Ríos, Valle Inclán, Gregorio Marañón und dem Musiker Manuel de Falla unterzeichnet wurde.

Anhänger der Alliierten und der Deutschen

Ortega y Gasset

"Aus diesem Krieg wird ein anderes Europa hervortreten, und zwangsläufig sollte auch ein anderes Spanien hervortreten", schrieb der spanische Philosoph Ortega y Gasset.

Als Antwort auf Iberia wurden andere Zeitungen verlegt wie Germania, die für den Eintritt in den Krieg an der Seite der Deutschen warb. Die großen Zeitungen stellten sich auf die eine oder andere Seite. El Imparcial (Der Unabhängige) wiederum machte seinem Namen alle Ehre, indem er ausführlich über den Konflikt berichtete und sowohl die Anhänger der Alliierten als auch der Deutschen zu Wort kommen ließ. "Eigentlich müsste man von Anhängern der Franzosen sprechen", erklärt Literaturprofessor Jorge Urrutia, "weil Frankreich für das Spanien der damaligen Zeit der Inbegriff von Kultur war, einer liberalen, offenen Kultur ohne Zensur. Die Mittelmächte stellten hingegen die Ordnung dar".

Deswegen schlossen sich die Verteidiger der Ordnung den

Deutschen

und die des Liberalismus den

Franzosen

an. Es gab auch neutrale Personen wie Eugenio D'Ors, der den Ersten Weltkrieg als einen Bürgerkrieg zwischen Europäern verstand. Allerdings stellten die Neutralen eine große Minderheit dar, die stets beschuldigt wurde, insgeheim den Interessen der Deutschen zu dienen.

Forcierte Neutralität

Laut Manuel Azaña, der spätere Präsident der Zweiten Spanischen Republik (1931-1936/1939), war die Neutralität des Landes "eine forcierte Neutralität, auferlegt durch unsere Wehrlosigkeit, dem Fehlen jeglicher militärischer Mittel, um uns mit den europäischen Armeen zu messen". Azaña, der stets ein überzeugter Verteidiger der Alliierten war, hielt diese Rede am 25. Mai 1917 in Madrid.

Mata Hari Tänzerin und Spionin

Die berühmte Tänzerin und Spionin Mata-Hari wurde nach der Rückkehr von einer ihrer Reisen nach Spanien in Paris festgenommen und hingerichtet.

Felipe Debasa, Professor für Internationale Politik und Experte für Militärgeschichte, bestätigt die Aussage Azañas: "Die Armee war veraltet und kaum gerüstet, die Stärke der Kriegsflotte war dezimiert und es gab kaum Schiffe. Der Generalstab war zu aufgeblasen. Nichtsdestotrotz identifizierten sich sowohl die Mehrheit der Offiziere als auch die jüngeren Soldaten, die vom preußischen Kriegswesen beeindruckt waren, mit Deutschland". Bereits damals hieß es, dass Preußen kein Staat mit Heer sei, sondern ein Heer mit Staat.

Trotz Neutralität wurde der spanische Handel dank des Krieges angekurbelt. Zum ersten Mal wurde eine positive Zahlungsbilanz festgestellt und es kamen wichtige Goldreserven zusammen. Allerdings endete der wirtschaftliche Wohlstand mit dem Ende des Krieges. In der Bevölkerung, die große Preiserhöhungen erlebte, war davon jedoch nicht viel zu spüren. Die Textil- und Eisenindustrie von Katalonien und dem Baskenland hingegen erlebte beispielsweise einen starken Antrieb. Auch die Waffenindustrie, vor allem die Produktion von Kleinwaffen wie Pistolen und Gewehren, die überwiegend an die Alliierten geliefert wurden, profitierte vom Krieg. Spanien verwandelte sich in ein Spionennest, teilweise um diesen Handel zu unterbinden.

Bewaffnete Intellektuelle

Alle großen spanischen Schriftsteller nahmen am Propagandakrieg teil. Manche aus reinem Zufall. So z.B. Augustí Calvet Pascual "Gaziel", einer der herausragendsten spanischen Journalisten des 20. Jahrhunderts. Der Kriegsausbruch überraschte ihn in Paris, wo er gerade sein Studium abschloss.

Jacinto Benavente

Der Literaturnobelpreisträger Jacinto Benavente veröffentlichte sein Manifest "Deutsch-Spanische Freundschaft" in der Zeitung La Tribuna.

Mit seinen Tagebüchern, die nach seiner Rückkehr nach Barcelona in der Zeitung La Vanguardia (die immer noch existiert und dessen Direktor er später wurde) veröffentlicht wurden, landete er einen sofortigen Erfolg. Daraufhin gab er eine vielversprechende Karriere als Philosoph auf, um sich einer nicht weniger vielversprechenden journalistischen Karriere zu widmen.

Frauen an der Front

Der Zufall wollte es, dass Carmen de Burgos sich auf einer Reise durch Norddeutschland befand, als der Konflikt ausbrach. Unter dem Pseudonym Colombine veröffentlichte de Burgos als erste Frau in Spanien Kriegsberichte. Sie schrieb einige Artikel für die heute eingestellte Zeitung Diario Universal.

Die damals relativ bekannte Schriftstellerin Sofía Casanova, die mit einem polnischen Diplomaten verheiratet war, befand sich zu dieser Zeit in Warschau und wurde von der Tageszeitung ABC (die nach wie vor die wichtigste Zeitschrift der Monarchie im Land ist) als erste spanische Kriegskorrespondentin engagiert.

U-Boot-Krieg

Die deutschen U-Boote versenkten an die 80 spanische Frachter, um den Waffen- und Warenhandel mit den Alliierten zu unterbinden.

Es handelte sich jedoch meistens nicht um Zufälle. Die spanischen Zeitungen warben die besten Schriftsteller jener Epoche an, um über den großen Krieg zu berichten. Alle schlossen sich der einen oder anderen Seite an und verteidigten bzw. griffen diese in ihren Schriften an. "Aber wir sollten nicht vergessen, dass sie unter anderem über den Krieg schrieben, weil sie vom Propagandaservice auf beiden Seiten der Front dazu eingeladen wurden", gibt Urrutia zu bedenken. Der Erste Weltkrieg sei ein alter Krieg gewesen, der mit modernen Waffen ausgetragen wurde, auch auf Propagandaebene.

Heute hat es den Anschein, als ob die wichtigsten spanischen Intellektuellen die Sache der Alliierten unterstützt hätten, aber diese Wahrnehmung entspricht nicht der Realität. Der Literaturnobelpreisträger von 1922, Jacinto Benavente, war ein überzeugter Germanophiler, was in seinem Manifest "Deutsch-Spanische Freundschaft" deutlich wird, das in der Zeitung La Tribuna veröffentlicht wurde. Weitere Beispiele sind Vázquez de Mella oder Pío Baroja, der Nur aufgrund seiner literarischen Verpflichtungen die deutsche Einladung ausschlug, die Front zu besichtigen.

Ricardo León, im Schatten der Adler

Oder der fast in Vergessenheit geratene Ricardo León, Autor des Buches "Tragisches Europa" und anerkannter Akademiker, der von der deutschen Front aus für die Tageszeitung El Imparcial berichtete. Ricardo León, der von Berlin aus über den Krieg berichtete, ging an die Front, auf der Suche nach jenen Helden, "deren Taten nach einem Homer verlangen, der über sie singt". Er kehrte jedoch verändert von den Schützengräben zurück. León traf keine Epik an, sondern, wie er einen Monat später schrieb, "eine unbeschreibliche Bestürzung, eine müde Traurigkeit, weit entfernt vom epischen und erhabenen Eifer, der von solch einem heftigen Spektakel erwartet wird". Von Nahem betrachtet, sah der Krieg ganz anders aus als auf dem Papier.

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