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Wirtschaft

Chinesische Übernahmen: "Target" Deutschland

Das Volumen chinesischer Übernahmen in Deutschland ist auf einem neuen Rekordhoch. Die Volksrepublik will den Sprung von der Werkbank zum Hochtechnologieland - mit deutscher Hilfe und so schnell wie möglich.

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China kauft ein. Ziel: der deutsche Mittelstand

"Wir arbeiten Tag und Nacht für die Chinesen", Yi Sun ist leitende Beraterin für den China-Bereich bei Ernst & Young (EY). Für chinesische und für deutsche Investoren sucht sie nach den entsprechenden "Targets", wie Übernahmeziele in der Welt der Wirtschaftsprüfer, Berater und Analysten genannt werden. An mehreren großen Übernahmen war die 40-Jährige bereits beteiligt. "Die Chinesen haben schnell dazu gelernt und sich professionalisiert", sagt Yi Sun, die schon seit zehn Jahren beim Untenehmensberater EY arbeitet und selbst aus China stammt.

Die Märkte im Ausland sollen neue Wachstumsimpulse für die chinesischen Firmen bringen. Die Ökonomie der Volkrsrepublik erzielt zwar noch immer - für europäische Verhältnisse - traumhafte Wachstumraten von mehr als sechs Prozent im Jahr.

Yi Sun Ernst & Young (Foto: EY)

Yi Sun: "Arbeiten Tag und Nacht"

Nach Berechnungen des Handelsblatts haben chinesische Unternehmen alleine bis April dieses Jahres 3,2 Milliarden Dollar für zwölf deutsche Firmen geboten. Das sei gemäß der Geldsumme in einem Quartal mehr als in den fünf Gesamtjahren zuvor. Das bestätigt auch Kai Lucks, Vorsitzender des Bundesverbandes Mergers & Acquisitions. Sein Branchenverband hat hochgerechnet, dass das Finanzvolumen chinesischer Übernahmen in Deutschland am Ende dieses Jahres zehnmal so hoch ausfallen wird wie noch im vergangenen Jahr.

Mit dem Scheckbuch durch die Welt

Die Kassen der chinesischen Firmen sind seit Jahren prall gefüllt. Floss das Kapital in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts eher in ressourcenreiche Entwicklungsländer, investieren die Chinesen nun auch verstärkt in Unternehmen in den Industrieländern. So sprach die Mercator-Stiftung für Chinastudien bereits Mitte vergangenen Jahres von einer "neuen Ära des chinesischen Kapitals".

Im Visier stehen Unternehmen in Europa und dort ganz speziell in Deutschland. "Das ist das Hauptzielland für ganz spezifische Segmente der Industrie", sagt Kai Lucks. Die Chinesen verfolgten eine Nischenstrategie und suchten sich einzelne Akteure, die in einem Gebiet eine große Rolle spielten.

So haben chinesische Unternehmen beispielsweise schon 2012 die Betonpumpenhersteller Putzmeister und Schwing übernommen. Der Weltmarkt für Betonpumpen ist seitdem mehrheitlich in chinesischer Hand. "Die Chinesen haben immer das Problem gehabt, dass sie sehr schwache Marken haben, die sie nicht globalisieren können", sagt Lucks. Die deutschen Mittelständler sollen dabei als Sprungbrett dienen.

Staatlich verordneter Einkaufszettel

Zuletzt ging so auch der

Müllrecycler EEW aus dem Saarland

für fast 1,5 Milliarden an ein halbstaatliches chinesisches Unternehmen - bisher der teuerste Kauf einer deutschen Firma durch eine chinesische. Im Gespräch ist seit Ende Mai auch eine Aufstockung der

Beteiligung beim Roboterbauer Kuka

von 10 auf 30 Prozent - die Rede ist von bis zu 4,5 Milliarden Euro, die der chinesische Konzern Midea bieten will.

Infografik Übernahmen und Beteiligungen chinesischer Unternehmen in Europa Deutsch

Robotik à la Kuka - zentral für viele Industriebranchen

Chinas Staat ist am Expansionskurs nicht ganz unbeteiligt. So rief Ministerpräsident Li Keqiang den Abgeordneten zu "Wir müssen international wettbewerbsfähige Unternehmen schaffen." Seine Worte zementieren sich im aktuellen Fünfjahresplan und dem Programmpunkt "Made in China 2025". Es definiert Branchen, in denen die chinesische Wirtschaft kräftig zulegen soll. Automatisierung- und Umwelttechnik, Automobile, Luftfahrt und IT sind dabei zentral.

Urangst vor Finanzkraft aus Fernost

Der hohe technische Standard der Unternehmen spricht für Deutschland, aber nicht nur. Die Deutschen hätten den Ruf, fleißig zu sein und ihr Wort zu halten, analysiert Yi Sun von EY. "Außerdem sprechen sie gutes Englisch und im Verhältnis zu anderen europäischen Ländern wird in Deutschland nicht so viel gestreikt." Für ihre Kunden sei Deutschland auch deshalb ein "Premium-Target".

Mit jeder chinesischen Übernahme oder Beteiligung wächst auch die alte Angst vor Verlagerung, Patentraub und Arbeitsplatzabbau. Vor allem die geplante Kapitalerhöhung bei Kuka schlug hohe Wellen. Der deutsche Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel sprach sich sogar dafür aus, ein deutsches oder europäisches Angebot zu bevorzugen. Das Interesse Chinas an Deutschlands Technologieunternehmen sei "noch nicht besorgniserregend, aber auffällig".

Yi Sun arbeitet daran, solche Bedenken aus dem Weg zu räumen: "Wir haben bei unseren Kunden noch keinerlei Produktionsverlagerung wahrgenommen." Die Zeiten, in denen eine Fabrik abgebaut und in China wieder hochgezogen werde, seien vorbei. "Heute kauft man auch das Personal mit seinen Fähigkeiten." Kai Lucks bestätigt das: "Die Chinesen lernen sehr schnell und haben auch bei der Firmenführung eine 180-Grad -Wendung gemacht." Außerdem ergäben sich für die Unternehmen mit chinesischer Beteiligung auch große Chancen - beispielsweise mit einem besseren Zutritt auf den chinesischen Markt.

Staatskonzerne auf Shoppingtour

Lucks besorgt allerdings, dass es häufig Staatskonzerne sind, die auf Einkaufstour gehen. Er befürchtet eine Machtausweitung des chinesischen Staats und eine Marktkonzentration.

Kai Lucks (Foto: BM&A)

Kai Lucks: "China verfolgt Nischenstrategie"

Erst vor Kurzem legte beispielsweise der staatlich geführte Konzern ChemChina ein Angebot von 43 Milliarden für den Agrarproduzenten Syngenta auf den Tisch. Von heute auf morgen könnte so ein Staatskonzern zum weltgrößten Hersteller von Pflanzenschutzmittel werden.

Bei Ernst & Young teilt man diese Zweifel nicht. Etwa die Hälfte ihrer Kunden kommen aus der Privatwirtschaft, so Yi Sun. Ausgehen wird ihr die Arbeit erstmal sowieso nicht. In Deutschland gäbe es viele interessante "Targets". "Ich kann ihnen sagen: In diesem Jahr werden noch einige sehr bekannte Unternehmen von chinesischen Firmen übernommen werden", sagt sie mit einem Lächeln. Mehr verraten darf Yi Sun nicht. Die deutsche Politik und Wirtschaft müssen sich wohl schleunigst an das Kapital aus Fernost gewöhnen.

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