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Asien

Chinesen bringen deutsche Technik ins All

Es ist eine Premiere von weitreichender Bedeutung: Erstmals kooperieren China und Deutschland bei einem Raumflug. Das chinesische Raumschiff "Shenzhou 8" startete mit einer deutschen Versuchsanlage an Bord.

Eine chinesische Rakete startet mit der Simbox vom Weltraumbahnhof Jiuquan aus ins All (Foto: AP)

Eine chinesische Rakete brachte die deutsche 'Simbox' ins All

Am Dienstag (01.11.2011) hob um 6:00 Uhr Ortszeit (31.10. um 23:00 Uhr MEZ) das Raumschiff "Shenzhou 8" wie geplant vom Weltraumbahnhof Jiuquan in Nordwestchina ab. An Bord: eine deutsche Versuchsanlage, die so genannte "Simbox". Sie ist zwar nur so groß wie zwei mal zwei aufeinandergestapelte Schuhkartons. Doch die in Deutschland entwickelte und gebaute Simbox bietet Platz für 17 verschiedene biologische und medizinische Experimente, die von deutschen, von chinesischen und deutsch-chinesischen Forscherteams entwickelt worden sind. Jedes dieser Experimente findet dabei Platz in einer der zigarettenschachtelgroßen Kammern, die in der Simbox zusammengefasst wurden.

Chinesische Arbeiter bereiten die Trägerrakete vom Typ 'Langer Marsch' vor, die die Shenzhou-8 mit der deutschen Simbox an Bord ins All befördern soll. (Foto:ap)

Chinesische Arbeiter bereiten die Trägerrakete vom Typ 'Langer Marsch' vor, die die Shenzhou-8 mit der deutschen Simbox ins All befördern soll.

Neuland für Deutschland und China

Erforscht wird unter anderem, wie sich Krebszellen und Zellen des menschlichen Immunsystems unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit verhalten. Ein anderes Experiment soll beispielsweise klären, warum Pflanzen nach unten Wurzeln schlagen und nach oben hin Triebe ausprägen. Aus den Versuchen erhoffen sich die Forscher wichtige Erkenntnisse für die Zukunft der bemannten Raumfahrt, etwa über die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper.

Doch die Bedeutung der Simbox gehe weit über die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinaus, erklärt Gerd Gruppe vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR: "Bei der Simbox handelt es sich um den Beginn einer neuen Ära." Denn die deutsch-chinesische Kooperation ist gleich in doppelter Hinsicht eine Premiere: für die Deutschen, weil sie zum ersten Mal eine Versuchsanlage mit einer chinesischen Trägerrakete ins All befördern. Und für die Chinesen, weil sie bei ihren "Shenzhou"-Missionen zum allerersten Mal überhaupt eine Raumfahrtkooperation mit einem ausländischen Partner eingehen.

Der Impuls zur Zusammenarbeit sei von China ausgegangen, Deutschland habe sich aber sofort zur Kooperation bereit erklärt, so Gruppe. "Dass China ausgerechnet Deutschland wählt, ist aus unserer Sicht ein Meilenstein." Das sei allenfalls vergleichbar mit 1992, als Klaus-Dietrich Flade "als erster westdeutscher Kosmonaut mit einem russischen Raumschiff zur Raumstation MIR geflogen ist“.

Vorteile für beide Seiten

Chinesische Raumkapsel nach ihrer Landung in der Inneren Mongolei (Foto:ap)

In einer solchen Kapsel soll die Simbox nach 17 Tagen wieder auf der Erde landen

Aufgrund der hohen Kosten gewinnen internationale Kooperationen in der Raumfahrt an Bedeutung. Die jetzige deutsch-chinesische Zusammenarbeit unterstreiche die weltweit anerkannte Führungsposition Deutschlands in der Forschung unter Weltraumbedingungen, ist Gruppe überzeugt. Mit China gewinne Deutschland langfristig einen neuen Raumfahrtpartner jenseits der USA und Russlands. Denn bereits jetzt denken beide Seiten darüber nach, die begonnene Kooperation zu vertiefen, etwa durch weitere Weltraummissionen mit Experimenten zur biologischen Grundlagenforschung, aber auch im materialwissenschaftlichen oder physikalischen Bereich.

"Es gibt ja weltweit nur drei Nationen, die technisch dazu in der Lage sind, bemannte Raumflüge durchzuführen," erklärt Peter Preu, der beim DLR für die Forschung unter Weltraumbedingungen zuständig ist. "Durch die neue Kooperation mit China erhöhen wir langfristig die Zahl der Fluggelegenheiten und damit auch die Forschungsmöglichkeiten für deutsche Wissenschaftler."

Für China ist die internationale Zusammenarbeit prestigeträchtig, denn sie demonstriert, dass andere Nationen der chinesischen Raumfahrt vertrauen. "China ist in der Raumfahrt schon seit langem kein Entwicklungsland mehr", so Preu, "sondern technisch auf einem ganz hohen Niveau." Die Zusammenarbeit zwischen deutschen und chinesischen Wissenschaftlern sei zwar nicht immer reibungslos verlaufen. Zunächst einmal habe man unterschiedliche Arbeitsweisen, Sicherheitsstandards und technische Voraussetzungen in Einklang bringen müssen. Doch nach insgesamt drei Jahren Vorbereitungszeit hätten sich die Forscherteams sehr gut eingespielt.

Keine Sorge vor Technologieklau

DLR-Vorstandsmitglied Gerd Gruppe (Foto:DLR)

DLR-Vorstandsmitglied Gerd Gruppe glaubt an weitere deutsch-chinesische Weltraummissionen

Wissenschaftliche Kontakte pflegen beide Nationen schon seit den 1980er Jahren. Seit 1996 führen das DLR und die chinesische Akademie der Wissenschaften regelmäßige Workshops durch. Diese Zusammenarbeit schaffe viel gegenseitiges Vertrauen, sagt Gerd Gruppe. Daher machten sich die Wissenschaftler keine Sorgen, es könne, ähnlich wie in manchen Sektoren in der Privatwirtschaft, zu einer Art chinesischem Technologieklau kommen. Natürlich ließen sich High-Tech-Komponenten kopieren, erklärt Michael Lebert, der als Professor für Zellbiologie an der Universität Erlangen-Nürnberg eines der Experimente in der Simbox entwickelt hat. "Aber zu diesen Experimenten gehört auch das Know-how in den Köpfen der Forscher, und das lässt sich eben nur schwer stehlen."


Ehrgeizige Raumfahrtnation China

Chinesische Taikonauten auf dem Weg zur Abschussrampe (Foto: Newscom Picture Alliance)

Bis 2020 will China 'Taikonauten' in seine eigene Raumstation schicken

Insgesamt 17 Tage lang wird "Shenzhou 8" um die Erde kreisen, bevor die Raumkapsel mit der Simbox an Bord wieder in der chinesischen Wüste landen soll. Für China ist dieser Raumflug aber nicht nur wegen der Kooperation mit Deutschland von großer Bedeutung. Während der Mission soll das Raumschiff seinen ersten Andockversuch an das bereits im September ins All beförderte Weltraummodul "Tiangong 1" unternehmen und damit die Voraussetzung für den Bau einer eigenen chinesischen Raumstation bis 2020 schaffen. Diese könnte dann die internationale Raumstation ISS ablösen.

"Tiangong" - zu Deutsch "Himmelspalast" - ist aber nur ein kleiner Teil eines überaus ehrgeizigen chinesischen Raumfahrtprogramms: So will Peking ein eigenes satellitenbasiertes Navigationssystem errichten, innerhalb der nächsten zwei Jahre eine unbemannte Mondmission starten und bis 2020 auch bemannte Raumschiffe ins All schicken. Bereits nächstes Jahr sollen mit der Mission "Shenzhou 10" zwei bis drei chinesische Astronauten, sogenannte "Taikonauten", zum Weltraummodul "Tiangong" fliegen, um dort probeweise zu arbeiten.

Autor: Thomas Latschan
Redaktion: Monika Dittrich

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