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Wirtschaft

Chinas Milliarden und Deutschlands Mittelstand

Schwere Börsenturbulenzen und Konjunkturdaten, die Anlass zur Sorge geben: Die chinesische Wirtschaft läuft nicht rund. Dennoch gehen milliardenschwere Staatskonzerne weiter auf Shopping-Tour in Europa.

Stellen Sie sich vor, ein Investor kommt und kauft das Unternehmen, bei dem Sie arbeiten. Normalerweise geht dann sofort die Angst um: Wird es zu Sparmaßnahmen kommen? Ist mein Arbeitsplatz noch sicher? Bei der Übernahme des deutschen Maschinenbauers Krauss-Maffei durch die staatliche China National Chemical Corporation (Chemchina) ist das anders: Hier wird der Eigentümerwechsel von Belegschaft wie Management einhellig begrüßt, und auch die Gewerkschaften sind angetan. Kein Wunder, hat doch der Investor bei der Bekanntgabe der Übernahme ausdrücklich betont, die jetzigen Standorte von Krauss-Maffei mit 4500 Mitarbeitern erhalten zu wollen. Zugleich würden sogar neue Stellen geschaffen.

"Dass Arbeitnehmer und IG Metall die Übernahme begrüßen, ist natürlich positiv", sagt Mikko Huotari vom Berliner Merics China-Institut im Gespräch mit der DW. Vergleichbare Übernahmen und damit verbundene Erfolgsgeschichten in den letzten Jahren hätten aber bereits gezeigt, dass chinesische Investitionen in Deutschland zu Recht äußerst willkommen seien. Huotari ist Mitautor einer Merics-Studie, die sich mit der Größenordnung des chinesischen Engagements in Europa befasst.

Anstieg der Investitionen in Europa

Danach lagen chinesische Investitionen in Europa 2014 bei rund 18 Milliarden Euro, nachdem sie Mitte der 2000er Jahre noch nahezu bei Null gelegen hatten. Zwischen 2000 und 2014 habe es mehr als 1000 Neugründungen, Fusionen und Übernahmen im Umfang von 46 Milliarden Euro gegeben.

Zu den bisher größten Einkäufen chinesischer Unternehmen in Deutschland gehört Lenovos Investition in den deutschen Computer-Hersteller Medion im Volumen von rund 530 Millionen Euro im Jahr 2011. Eine ähnlich hohe Summe bezahlte der Maschinenbauer Sany 2012 für den schwäbischen Betonpumpenhersteller Putzmeister. Die Übernahme des Automobil-Zulieferers Hilite International durch den Flugzeughersteller Avic im Jahr 2014 kostete 473 Millionen Euro. Für den Maschinenbau- und Logistik-Konzern Kion musste Weichai Power 467 Millionen Euro im Jahr 2012 bereit halten.

Putzmeister Maschine Pumpe Japan Fukushima

Putzmeister Betonpumpen - bereits seit Jahren in chinesischem Besitz

Krauss-Maffei als vorläufiger Höhepunkt

Mit stolzen 925 Millionen Euro, die Chemchina für Krauss-Maffei bezahlt, einen Hersteller von Spezialmaschinen für die Kunststoff- und Gummiverarbeitung, erreicht die chinesische Expansionslust einen vorläufigen Höhepunkt. Das Prinzip hinter den Übernahmen ist fast immer das gleiche: Chinesische Unternehmen bekommen durch die Deals den Zugang zu deutscher Hochtechnologie und oft zu traditionsreichen Markennamen. Im Gegenzug erleichtert sich für die Deutschen der Zugang zum chinesischen Markt.

Für Mikko Huotari vom Merics-Institut sind verstärkte chinesische Investitionen im Ausland ein langfristiger Trend, um weg vom Image des Billiganbieters zu kommen und damit wettbewerbsfähig zu bleiben. "Wir gehen davon aus, dass die gegenwärtige schwierige Lage der Wirtschaft in China dazu führt, dass immer mehr Kapital im Ausland angelegt wird."

Auch der derzeit schwache Euro dürfte die Chinesen zusätzlich motivieren, in Europa auf Einkaufstour zu gehen. Geld dafür ist jedenfalls reichlich vorhanden. Bereits 2007 hatte China den mächtigen Staatsfonds CIC gegründet, um einen Teil seiner gewaltigen Devisenreserven im In- und Ausland anzulegen. Peking will mit der Investment-Gesellschaft seine Abhängigkeit von US-Staatsleihen reduzieren, in denen noch immer der größte Teil von Chinas rund 3,7 Billionen Dollar schwerem Währungsschatz steckt.

Übernahmen als Partnerschaften

Nach anfänglichen Misserfolgen haben die Chinesen gelernt, dass erfolgreiche Übernahmen wie Partnerschaften funktionieren müssen. Mittlerweile prüfe die Regierung in Peking Auslandsakquisitionen streng, schreibt die "Süddeutsche Zeitung". Alle zwei Jahre veröffentliche sie eine nach Ländern aufgeschlüsselte Tabelle mit Übernahmeempfehlungen, an die sich Investoren halten müssten. Dabei wurde auch die zuweilen ausufernde chinesische Bürokratie im Laufe der Zeit gestrafft. Mussten früher vor jeder Transaktion bis zu 100 Genehmigungen eingeholt werden - etwa vom Generalkonsulat vor Ort über die für Devisen zuständige Behörde bis hin zum Wirtschaftministerium – seien heute immerhin noch etwa 15 Stempel nötig. Dazu ein langfristiger Plan.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen ließen die Investoren aus der Volksrepublik das bewährte Management im Amt. Lediglich ein oder zwei chinesische Manager würden meistens zwar abgestellt, aber sie führten an sehr langer Leine. Ihre vorrangige Aufgabe: Verbesserten Marktzugang in China zu schaffen, schreibt die "SZ".

"In Europa gibt es viele Mittelständler mit exzellenten Produkten. Aber sie scheuen den Weg nach Asien", sagte Henry Cai vom chinesischen Finanzinvestor Agic Capital dem "Handelsblatt". Wie viele seiner Kollegen aus der Volksrepublik ist er besonders an Firmen interessiert, die sich im Bereich Industrie 4.0, also der Produktion mit vernetzten und intelligenten Maschinen, auskennen.

Auch Konzerne im Visier

Doch bei der Übernahme von mittelständischen Betrieben belassen es die Investoren aus dem Reich der Mitte schon längst nicht mehr, sie schlucken gerne auch größere Brocken. Chemchina übernahm im vergangenen Jahr für aufsehenerregende sieben Milliarden Euro die Kontrolle beim italienischen Reifenspezialisten Pirelli.

Und ein waschechter Mega-Deal ist laut "Handelsblatt" auch schon in Vorbereitung. So habe Chemchina bereits Ende vergangenen Jahres beim Schweizer Pflanzenschutzkonzern Syngenta zwecks Übernahme angeklopft. Ein solches Projekt würde alle bisherigen Transaktionen dieser Art in den Schatten stellen und wäre mit einem Volumen von mehr als 40 Milliarden Dollar "der absolute Höhepunkt in der Auslandsexpansion chinesischer Firmen".