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Asien

Chinas Massenkult um die Mango

Die Kulturrevolution ist auch heute noch für viele Chinesen eine traumatische Zeit. Chaos erfasste das Land. Das trieb kuriose Blüten: So wurde die Mango zeitweise zum quasireligiösen Kultobjekt.

Ende 1967 tobte die chinesische

Kulturrevolution

bereits im zweiten Jahr und drohte völlig außer Kontrolle zu geraten. Die Roten Garden hatten mit Billigung Mao Tse-tungs das Land ins Chaos gestürzt. Nun kämpften verschiedene Fraktionen der militanten Studenten um die Macht. Bürgerkriegsähnliche Zustände waren die Folge. Der "Große Vorsitzende" änderte daraufhin seine Strategie: Die Roten Garden wurden entmachtet, stattdessen sollten nun sogenannte Arbeiter-Propaganda-Trupps unter der Führung der Armee die neue Stütze für Maos Kulturrevolution sein.

Museum Rietberg Zürich Mango Arbeiter

Das Geschenk von Mao Zedong löste große Begeisterung in der Bevölkerung aus

Ein exotisches Geschenk

Im Sommer 1968 schickte der Diktator rund 30.000 Arbeiter lediglich mit der Mao-Bibel bewaffnet in die bis dahin von den Roten Garden gehaltene Tsinghua Universität in Peking. Fünf Arbeiter wurden getötet, mehrere hundert wurden verletzt, doch die schiere Masse an Menschen sorgte dafür, dass die Studenten bald aufgeben mussten.

Es war Zufall, dass eine Woche nach dem Sturm auf die Hochschule der pakistanische Außenminister in Peking zu Gast war. Als Geschenk überreichte er dem großen Vorsitzenden eine Kiste mit gelben Mangos. Da kam Mao auf eine Idee, die sich als - vermutlich unbeabsichtigter - Propagandacoup herausstellen sollte. Er schickte rund 40 der in China weitgehend unbekannten Früchte an die Arbeiter, die soeben die Tsinghua Universität erobert hatten.

"Diese Kiste mit Mangos kam in der Universität an und das hat die Leute unglaublich begeistert", sagt Alexandra von Przychowski, Kuratorin für die Kunst Chinas und der Himalaya-Region am Rietberg-Museum in Zürich. "Mit der Mango war die Idee verbunden, dass eine Wende in der Kulturrevolution stattgefunden hatte und dass jetzt die Arbeiter die Führung der Kulturrevolution übernommen hatten", sagt von Przychowski. Das Geschenk wurde aufgeteilt, Mangos wurden in jede große Fabrik in Peking geschickt.

Museum Rietberg Zürich Mango Glasvitrine

Mao und Mango: Der Kult um den "Großen Vorsitzenden" übertrug sich schon bald auf die exotische Frucht

Aus Begeisterung wird Kult

Li Zhisui, der Leibarzt von Mao Tse-tung, hielt sich damals in einer Textilfabrik in Peking auf. "Die Arbeiter in der Fabrik hielten eine große Zeremonie ab - reich an Rezitationen von Maos Worten -, um die Ankunft der Mango zu feiern", schreibt Li in seinen Memoiren. "Dann wurde die Frucht in Wachs versiegelt, in der Hoffnung, sie für die Nachwelt zu bewahren. Die Mangos wurden heilige Relikte, Objekte der Verehrung."

Doch nach ein paar Tagen begann die in Wachs eingelegte auf einem Altar liegende Mango zu faulen, erinnert sich Li. "Das Revolutionskomitee der Fabrik nahm die Mango, schälte und kochte sie." Eine Zeremonie wurde abgehalten und jeder bekam einen Löffel mit dem Wasser zu trinken, in dem die heilige Mango gekocht worden war. "Als ich Mao von der Verehrung seiner Mango erzählte, fing er an zu lachen", schreibt Li. "Er hatte kein Problem mit der Anbetung der Mango und schien sich an der Geschichte zu erfreuen."

Museum Rietberg Zürich Mango Parade

Von Peking aus eroberte der Mangokult das ganze Land. Wie hier in Harbin wurden Wachsmangos bei Prozessionen durch die Straßen getragen

In anderen Fabriken wurden die Mangos in Formaldehyt eingelegt oder es wurden Gipsabdrücke von der Frucht gemacht. Daraus wurden Wachsrepliken erstellt. Um eine der Früchte zu den Genossen nach Shanghai zu schicken, wurde eigens ein Flugzeug gechartert. Es dauerte nicht lange und der Mango-Kult erfasste das ganze Land. Überall fanden quasireligiöse Zeremonien statt: In Prozessionen wurden Mangos in kleinen Glasschreinen durch die Straßen getragen. Arbeiter verneigten sich vor den Früchten, die auf einem Altar lagen. Religiöse Artefakte waren während der Kulturrevolution zerstört worden, die religiösen Gefühle der Menschen ließen sich nicht so einfach ausrotten.

Mango-Geschirr, Mango-Zigaretten, Mango-Bettwäsche

Liu Yongsheng war damals Techniker in der Werkzeugmaschinenfabrik Nr. 1 in Peking. Er hatte die Ehre eine Mango mit nach Hause nehmen. Dort bekam sie einen Ehrenplatz auf dem Familienaltar. "In meiner Situation damals war das Geschenk der Mango für mich eine große Sache", sagt Liu. "Ich hatte damals keine Möglichkeit mehr weiterzukommen." Lius Vater war als Landbesitzer und damit Gefährder der Revolution entlarvt. "Also war mein Familienhintergrund schlecht und ich fühlte mich ziemlich minderwertig. Vieles traute ich mir nicht zu. Dass ich nun zuhause eine Mango hatte, das zeigte, dass ich doch irgendwie okay war."

Museum Rietberg Zürich Mango Parade Plakat

Die Mango schaffte es auch in die Produktion: Mango-Geschirr, Mango Bettwäsche und - wie im Bild zu sehen - Mango-Zigaretten wurden hergestellt

Bald eroberte die Frucht auch die Produktion: Es gab Mango-Emaille-Geschirr, Mango-Decken oder Zigaretten mit Mango-Geschmack. Auch die staatliche Propaganda sprang schon bald auf den Kult auf. In einem Gedicht in der People's Daily, dem Sprachrohr der Partei, hieß es:

Die goldene Mango zu sehen
War wie den großen Vorsitzenden Mao zu sehen!
Vor der goldenen Mango zu stehen
War wie vor dem großen Vorsitzenden Mao zu stehen!
Wieder und wieder die goldene Mango zu berühren
Die goldene Mango war so warm!
Wieder und wieder die Mango zu riechen
Die goldene Mango war so duftend!

"Die Mango wurde auch zum großen Symbol beim Nationalfeiertagsumzug am 1. Oktober", sagt Alexandra von Przychowski. "Es wurden riesige Mangos aus Pappmaché gebaut, die dann durch die Straßen gefahren wurden, immer mit dem Slogan: 'Die Arbeiterschaft übernimmt die Führung in der Kulturrevolution'."

Museum Rietberg Zürich Mango Zigarettenpackung

Die Frucht im Mittelpunkt der Propaganda: Der Staat sprang schon bald auf den Mangokult auf

Am Ende eine Kerze

Nach etwas mehr als einem Jahr ließ der Kult um die Mango langsam nach. Irgendwann wurden Wachsmangos als Kerzen genutzt, die Früchte waren nicht mehr heilig. Als Mao schon schwer krank auf dem Sterbebett lag, versuchte seine Ehefrau Jiang Qing den Mangokult noch einmal wiederzubeleben: Sie gab den Film "Song of a Mango" in Auftrag. Doch noch bevor der Film fertig war starb Mao. In der Woche der Premiere wurde Jiang verhaftet und der Film aus dem Verkehr gezogen. Die Kulturrevolution, der Mao- und der Mangokult waren endgültig vorbei.

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