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Asien

50 Jahre Kulturrevolution: Der Kampf geht weiter

50 Jahre nach dem Ausbruch der "Großen Proletarischen Kulturrevolution" habe die chinesische Gesellschaft noch immer keinen Konsens gefunden, wie Maos Massenbewegung zu beurteilen ist, meint Sinologe Felix Wemheuer.

Die Kommunistische Partei versuchte 1981 mit der Bewertung der Kulturrevolution als "zehn Jahre Chaos" und "große Katastrophe für Volk und Partei" einen Schlussstrich zu ziehen. Besonders im chinesischen Internet tobt jedoch bis heute ein Kampf zwischen Befürwortern und Gegnern. In den Debatten gibt es vier Hauptströmungen:

1. Weit verbreitet ist die Ansicht, die Kulturrevolution habe die (konfuzianische) chinesische Kultur sowie die menschlichen Beziehungen nachhaltig zerstört. Auch heutige Gier, Korruption und Sittenverfall habe ihren Ursprung im "Zivilisationsbruch" der Kulturrevolution, als Mao Studenten und Arbeiter zur Rebellion gegen Autoritäten aufrief. Als Beispiele des damaligen "Wahnsinns" gelten, dass im August 1966 Schülerinnen ihre Lehrer zu Tode prügelten oder Teile von Chinas kulturellem Erbe in Stücke schlugen. Mao sei es nur um seine Macht gegangen und er habe die Jugendlichen missbraucht. Nie wieder dürfe sich so etwas wiederholen. Die Wahrung der Stabilität sei deshalb für China von zentraler Bedeutung.

Statue Götin der Demokratie auf dem Tianan-Platz in Peking im Aufbau (Foto: Jeff Widener/AP)

Manche sehen Verbindungen von der Kulturrevolution zur chinesischen Studentenbewegung von 1989

2. Eine einflussreiche Strömung liberaler Intellektueller sieht die Kulturrevolution generell negativ. Als ungeplanter Nebeneffekt habe der zeitweilige Zusammenbruch des Parteiapparates jedoch vielen die Augen geöffnet und kritisches Denken gefördert. In der "Volkskulturrevolution" (von Herbst 1966 bis Januar 1967) hätten politisch und sozial marginalisierte Gruppen ihre Interessen kurzeitig artikulieren können. Aus enttäuschten Rotgardisten entstanden schließlich kritische Strömungen, die zunächst im Untergrund libertäre Ideen diskutierten und die bürokratische Diktatur der Partei in Frage stellten. Der "Pekinger Frühling" von 1979 sowie die Studentenbewegung von 1989 hätten hier ihren geistigen Ursprung.

Notwendige Mobilisierung gegen "bürokratische Klasse"?

3. Neo-Maoisten glauben hingegen, dass die Entwicklung nach 1978 die Notwendigkeit der Kulturrevolution bestätigt habe. Mao habe das Volk gegen die korrupte "bürokratische Klasse" mobilisiert, um zu verhindern, dass China kapitalistisch werde. Sie bedauern, dass durch das Scheitern der Kulturrevolution diese "bürokratische Klasse" bis heute Arbeiter und Bauern ausplündere. Die Radikalen unten den Neo-Maoisten sehen eine neue Kulturrevolution, eine Revolte des Volkes gegen die "Machthaber des kapitalistischen Weges" als einzige Möglichkeit, China zu retten.

4. Die akademisch dominierte "Neue Linke" wünscht sich keine Wiederkehr der Mao-Ära. Deren Mitglieder glauben jedoch, dass die "totale Vereinigung" der Kulturrevolution in den 1980ern zur Kritikunfähigkeit der Intellektuellen gegenüber Neo-Liberalismus und globalem Kapitalismus beigetragen habe. Sie befürworten dabei eine kritische Wiederaneignung von positiven Aspekten wie Arbeiterbeteiligung am Management, das hohe Maß der Politisierung der Bevölkerung oder die soziale Ausrichtung von Gesundheits- und Bildungspolitik.

Ex-Politbüromitglied Bo Xilai (Foto: Reuters)

Politbüromitglied Bo Xilai versuchte als Parteichef in Chongqing, einen an Mao orientierten Politikstil durchzusetzen. Er wurde als gefährlicher Rivale von Xi Jinping entmachtet und zu lebenslanger Haft verurteilt.

Bewaffneter Kampf verfeindeter Fraktionen

Die Parteiführung und Teile der Bevölkerung möchten im Namen der Stabilität hingegen keine offene Debatte zur Kulturrevolution. Positive Erinnerungen an die Kulturrevolution werden unterdrückt, aber auch Gruppen, die sich als Opfer sehen, sollen nicht frei zu Wort kommen. Ungerecht behandelt fühlen sich nicht nur damals Verfolgte der damaligen Eliten. Auch viele Linke, die Maos Aufruf zur Rebellion folgten, endeten im Gefängnis, als die Armee 1968/69 wieder Ordnung herstellte. Eine offene Debatte könnte heute alte Wunden wieder aufreißen.

Die Sprengkraft der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1968 bestand vor allem darin, dass sich ein Machtkampf in der Parteielite mit sozialen Konflikten in der Bevölkerung verband. Während an der Spitze der Parteivorsitzende Mao gegen Staatspräsidenten Lui Shaoqi vorging, bildeten sich in Universitäten und Fabriken verfeindete Fraktionen, die sich erbittert und teilweise sogar mit Waffen bekämpften. Schaut man sich die heutigen Debatten im Internet an, braucht man nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass Gegner und Befürworter der alten bzw. einer neuen Kulturrevolution aufeinander losgehen könnten. Die Wortgewandtheit zur Diffamierung der Gegner steht den Rotgardisten in nichts nach.

Szene der Kulturrevolution: Vorgebeugte Schuldige mit umgehängten Parolen (Foto: picture-alliance/CPA Media)

Öffentliche Demütigungen und erzwungene "Geständnisse" - viele wollen diese schlimmen Erinnerungen nicht mehr hochkommen lassen

Neo-Maoistische Strömungen auch unter Jugendlichen

Es sind nicht mehr nur die Zeitzeugen, die ihre alten Konflikte austragen. Liberale und linke Kritiker der Partei suchen in der Vergangenheit nach Ansätzen zur Systemkritik der Gegenwart. Die meisten beziehen sich positiv auf die anti-bürokratische Agenda der Kulturevolution, während nur wenige die damaligen Angriffe auf Lehrer oder Kulturgüter verteidigen. Neu ist, dass vor allem die neo-maoistische Strömung unter Jugendlichen und Studierenden Anhänger findet und nicht nur unter entlassenen Staatsarbeitern, Ex-Rebellen oder pensionierten Kadern.

Die Führungselite unter Xi Jinping besteht hauptsächlich aus Parteifamilien, die Opfer des von Mao geleiteten Angriffs auf die Parteibürokratie wurden und nach 1978 die Reformpolitik unterstützten. Xi versucht, bestimmte Aspekte Maos wie dessen populistische Rhetorik für seine Anti-Korruptionskampagne zu instrumentalisieren. Eine selbstständige Organisation der Massen gegen den lokalen Parteiapparat wie in der frühen Kulturrevolution 1966/67 fürchten Xi und Genossen jedoch. Die Parteiführung weiß, dass neben dem Wirtschaftswachstum die Garantie von Stabilität die wichtigste Quelle ihrer Legitimation ist.

Sinologe Felix Wemheuer (Foto: Britta Frenz)

Wemheuer: "Gesellschaftliche Fragen der Mao-Ära bis heute aktuell"

Ernsthafte Aufarbeitung steht noch aus

Die Heftigkeit der Auseinandersetzung um die Bedeutung von Maos letzter Revolution zeigt jedoch, dass die Geister, die er mit der Parole "Rebellion ist gerechtfertigt" 1966 rief, noch lange nicht zur Ruhe gekommen sind. Das zentrale Problem, die unkontrollierte Herrschaft der "bürokratischen Klasse" über die Gesellschaft, ist bis heute nicht gelöst. Bei einer ernsthaften Aufarbeitung ihrer Vergangenheit wird die chinesische Gesellschaft nicht herumkommen, auch Ungerechtigkeiten der Gegenwart zu thematisieren.

Felix Wemheuer ist Professor für Moderne China-Studien am Ostasiatischen Seminar der Universität zu Köln und Autor einer 2009 erschienen Biographie über Mao Zedong.

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