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Asien

"China muss sich dem Tiananmen-Trauma stellen"

Seit 25 Jahren versucht China, die Erinnerung an die Tiananmen-Proteste zu verdrängen. Orville Schell war damals in Peking dabei. Künftig habe das Regime nur eine Chance, mit den Ereignissen umzugehen, sagt er.

Deutsche Welle: Herr Schell, Sie waren im Frühling 1989 in Peking. Warum?

Orville Schell: Im April war ich bei einem Treffen von chinesischen Intelektuellen in Kalifornien. Als die Proteste begannen, spürten wir alle, dass etwas Großes passieren würde. Deshalb flog ich - sobald die Konferenz unterbrochen war - nach Peking. Damals schrieb ich noch für die "New York Review of Books".

Wenn Sie an die Ereignisse am und rund um den 4. Juni 1989 zurückdenken - woran erinnern Sie sich am meisten?

Es war zweifellos eines der bewegendsten historischen Ereignisse, das ich persönlich mitbekommen habe. Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas erlebe in diesem Land, das ich 1975 erstmals besucht habe, als die Kulturrevolution noch wütete: Hunderttausende regimekritische Freidenker auf dem Tiananmen-Platz, die öffentlich die Partei kritisieren, die Mao selbst geholfen hatte, zu gründen - und die so diese Grundidee der "Diktatur des Proletariats" hinterfragten.

Orville Schell vom Center on U.S.-China Relations (Foto: Asia Society)

China-Experte Orville Schell war 1989 in Peking dabei

Anstatt - so wie sonst bei Paraden am National- und Maifeiertag - im Gleichschritt mit entschlossenem sozialistischen Lächeln im Gesicht aus einer Richtung zu marschieren, liefen die Leute chaotisch durcheinander, wie zwei stürmische Flüsse. Spruchbänder flatterten, auf denen die bürgerliche Demokratie hochgelobt wurde. Und auf dem Platz flossen sie zusammen in eine brausende Menge, die wirbelte und strudelte in stets neuer Anordnung.

Selbst in den Seitengassen und benachbarten Stadtvierteln klang ihr Geschrei wider wie das Tosen eines weit entfernten Wasserfalls. Der einzige Ort, an dem ich ein solches Geräusch, wie es vom Platz unter mir aufklang, jemals gehört hatte, war ein Football-Stadion in Amerika.

Was denken Sie, hat die Chinesen in diesen Tagen so verwandelt und ihnen den Mut gegeben, gegen die Führung aufzubegehren?

Tatsächlich lagen Reformen ja schon während des gesamten Jahrzehnts in der Luft. Denn, anders als heute, versuchten sich Hu Yaobang und Zhao Ziyang, die Generalsekretäre der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), an wirtschaftlichen und an politischen Reformen. Es gab also eine Art öffentliche Einladung an die Chinesen, weit offener zu denken als heute - und zwar direkt aus dem Zentrum der Macht.

Die Menschen auf dem Tiananmen-Platz, die alle von einem offeneren, menschlicheren und demokratischen China träumten, ließen sich dann von einer Welle aus Idealismus und Optimismus hinweg tragen - bis sie den Sinn für die Realität verloren, wie weit die Dinge tatsächlich getrieben werden konnten.

Chinesen stehen auf einem Armeefahrzeug (Foto: Jeff Widener/Associated Press)

"Sobald Führer gestatten, dass das Volk auf die Straße geht, ist es kaum noch zu stoppen", sagt Schell

Warum, denken Sie, war die Niederschlagung am 4. Juni 1989 so brutal?

Die Führer der Demonstrationen verloren am Ende die Kontrolle über die Bewegung. Sie waren nicht mehr in der Lage, all die neuen Leute, die Ende März aus den Provinzen einliefen, zu überzeugen, zum rechten Zeitpunkt den Platz zu verlassen. Sie hatten die KPCh schon an den absoluten Rand gedrängt und deren Führung zutiefst gedemütigt. Aber sie scheiterten am fehlenden Verständnis dafür, das sich keine leninistische Partei jemals friedlich zu Fall bringen lässt.

Die chinesische Regierung hat sich wiederholt bemüht, jegliche Erinnerung an die Niederschlagung zu ersticken. Sie hat Leute festgenommen, die das Jubiläum begehen wollten. Viele rechtfertigen es damit, dass sich das Land seit 1989 verändert habe. Wie sehen Sie das?

Wie Sigmund Freud so scharfsinnig gezeigt hat und wie zum Beispiel die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg lernen mussten: Länder unterscheiden sich nicht so sehr von Individuen. Beide müssen sich ihrer jeweiligen Vergangenheit stellen, mit ihr umgehen, oder sie leiden auf dem weiteren Weg zwangsläufig unter ungelösten inneren Konflikten.

Das Land hat sich in der Tat sehr verändert seit 1989. Doch irgendwann muss sich China als Gesellschaft diesem traumatischen Moment stellen und sich mit ihm auseinandersetzen. So etwas kann nicht einfach unterdrückt und verdrängt werden. Versucht man es trotzdem, werden die Erinnerungen im Unbewussten destruktiv wirken.

Wie sehr hat sich das Land denn verändert seit 1989 mit Blick auf politische Freiheit und die Toleranz von politisch Andersdenkenden?

Den chinesischen Parteiführern muss man großen Respekt zollen für die Bemühung um Entwicklung und Nationenbildung seit 1989. Und es könnte sogar sein, dass der Erfolg beim Bau von Infrastruktur, bei der Generierung von Wohlstand oder der Bildung einer beachtlichen Mittelklasse erst ermöglicht wurde durch die Art autokratischer Führung, die seit 1989 vorherrscht. Wenn es jedoch um politische Freiheit geht, dann läuft China seit zwei Jahrzehnten im Rückwärtsgang.

In Hong Kong erinnern Menschen am 04.06.2013 an die Opfer des Tiananmen-Massakers (Foto: Lam Yik Fei/Getty Images)

Gedenken erlaubt: In Hong Kong erinnern Menschen an die Opfer des Tiananmen-Massakers

Welches sind die Lehren von Tiananmen für die Partei und für die Gesellschaft?

Ich denke, die wichtigste Lektion für die Partei war: Sobald Führer "den Leuten" erlauben, zu glauben, dass politische Reform auf der Agenda steht, wollen sie auch, dass diese umgesetzt wird. Und: Sobald Führer gestatten, dass das Volk sich bewegt, vor allem in Form von Demonstrationen, ist es kaum noch zu stoppen.

Die negativen Lehren von 1989 sind sehr stark: Wenn du keine Probleme möchtest, versuche dich nicht an politischen Reformen. Halte die Spur und konzentriere dich auf ökonomische Reformen. Tatsächlich war und ist das mehr oder weniger das Mantra der politischen Elite von Sun Yat-sen bis Xi Jinping, dass politische Reform die wirtschaftliche Reform sehr leicht gefährden kann.

Die KP Chinas hat aber eines nicht gelernt, nämlich mit dem Problem eines jeden ancien regime umzugehen: Wie kann es einerseits genügend Flexibilität und evolutionären Wandel zulassen, um zu überleben, während es andererseits potentiell bedrohliche Strömungen mit harter Hand unterdrückt.

Der China-Experte Orville Schell war Augenzeuge der Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz im Juni 1989. Aktuell ist er Arthur Ross Director des Center on US-China Relations bei der Asia Society in New York.

Das Interview führte Gabriel Dominguez.

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