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Bücher

Charlie Hebdo in Deutschland eingestellt

Auch deutsche Politiker sollten von den Provokationen der Charlie Hebdo-Redaktion nicht verschont bleiben. Doch Erfolg hatte die deutsche Ausgabe der französischen Satirezeitung nicht. Sie wird nun eingestellt.

10.000 Leser hätte es gebraucht, um rentabel zu sein. Doch auf diese Zahl brachte es die deutsche Ausgabe der französischen Satirezeitung "Charlie Hebdo" in dem einen Jahr seiner Existenz nicht. So ist am Donnerstag die vorerst letzte Ausgabe von Charlie Hebdo erschienen. Über das Aus informierte die Redaktion am Mittwoch (29.11.2017) in Paris.

Gelbes Cover der letzten deutschen Ausgabe von Charlie Hebdo mit einer davonrennenden Angela Merkel, die ruft Es reicht. (Foto: picture-alliance/dpa/C. Hebdo)

Angela Merkel zierte die erste Ausgabe von Charlie Hebdo - und nun auch die letzte

Passend zum letzten Streich titeln die Macher "Und Tschüss. 1 Jahr lang belästigt" mit einer davonrennenden Angela Merkel, die "Es reicht!" ruft.

Französischer Humor ist nicht gleich deutscher Humor 

In ihrem Leitartikel schreiben die verantwortlichen Redakteure Gérard Biard und Minka Schneider: "Deutschland erschien uns wie ein Abenteuerspielplatz östlich des Rheins, mit ganz tollen neuen Wippen und Schaukeln, von denen wir meist gar nicht wussten, wie man sie benutzen muss." Sie räumen ein, dass die "Humorkultur" von Charlie Hebdo "seltsam, manchmal sogar verstörend erscheinen mag". Nur eine "kleine, treue Leserschaft" habe das zu schätzen gewusst. Es sei der Redaktionsleitung nicht immer leichtgefallen, die Deutschen zu verstehen, so wie es diesen sicher nicht immer leichtgefallen sei, die Franzosen zu verstehen.

Porträt von Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo. (Foto: picture-alliance/K. U. Heinrich)

Gérard Biard, Chefredakteur von Charlie Hebdo

Viel Frankreich, wenig Deutschland

Das wöchentlich erscheinende Heft bestand zu großen Teilen aus übersetzten Texten und Karikaturen der Originalausgabe und war damit eher Frankreich-lastig. Aber auch deutsche Themen griff die Redaktion auf - sei es der Aufstieg der AfD (Alternative für Deutschland; s. Titelbild), der VW-Abgasskandal oder die Wahl des Bundespräsidenten. "Ganz sicher hätten wir viel öfter zu euch schauen müssen", räumten die Macher nun in der Abschiedsbotschaft an ihre deutschen Leser ein.

Eines Tages, so Schneider und Biard, wollen sie die Leser in Deutschland vielleicht wieder überraschen, "in einer anderen Form, die weniger Zwänge mit sich bringt." Am Ende ihres Artikels heißt es: "In jedem Fall können wir uns auf die Fahnen schreiben, dass wir die wohl erste und einzige französische Zeitung sind, die sich ein Bein ausgerissen hat, um 24 Stunden nach der Originalausgabe in allen Farben und Formen auf Deutsch zu erscheinen."

Charlie Hebdo ging in Deutschland am 1. Dezember 2016 an den Start. Rund ein Dutzend Übersetzer und Karikaturisten arbeitete zusätzlich zur französischen Stammbelegschaft an dem Heft mit.

Mehrere Karikaturen mit Angela Merkel, die sie als die uneingeschränkte Herrscherin erscheinen lassen. (Foto: DW/P. Böll)

Seite aus der ersten deutschen Charlie Hebdo-Ausgabe: Angela Merkel dargestellt als die unangefochtene Kanzlerin

Aus französischer Presselandschaft nicht wegzudenken  

In Frankreich erscheint die Satirezeitung mit ihren provokativen und häufig derben Karikaturen seit 1970. Traurige weltweite Bekanntheit erlangte sie im Januar 2015 nach einem islamistischen Anschlag auf die Redaktion mit zwölf Toten, darunter Zeitungschef und Zeichner Charb sowie einige der bekanntesten Karikaturisten Frankreichs. Die eine Woche nach dem Anschlag veröffentlichte sogenannte "Ausgabe der Überlebenden" verkaufte sich in Frankreich und im Ausland rund acht Millionen Mal - allein in Deutschland 70.000 Mal -, ein Rekord in der französischen Pressegeschichte.

Nach dem Attentat zog die Redaktion von Charlie Hebdo an einen geheimen Ort um, an dem sie bis heute unter strenger Bewachung arbeitet. 

bb/ ka (dpa, afp, epd) 

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