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Europa

Chaos und Verzweiflung in Idomeni

Tausende Flüchtlinge warten an der griechisch-mazedonischen Grenze. Die Anspannung steigt seit Tagen. Nun ist die Situation eskaliert. DW-Reporterin Marianna Karakoulaki war vor Ort.

Verzweiflung, Anspannung, Wut, Chaos - anders lässt sich die Atmosphäre in Idomeni nicht beschreiben. In dem kleinen Dorf an der griechisch-mazedonischen Grenze mit weniger als 150 Einwohnern warten rund 7000 Flüchtlinge auf die Weiterreise. Aber die ist ihnen versperrt.

"Was wird mit uns passieren?", fragt Mohammed. Seit acht Wochen sitze er an der Grenze zu Mazedonien fest. "Ich weine jeden Tag. Ich habe eine Frau und unser Baby ist krank. Ich habe die Nummer 65 und bin als nächstes dran. Aber wie lange müssen wir noch warten?"

Obwohl es heißt, dass täglich 500 Menschen die Grenze passieren dürfen, berichten Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Journalisten, dass am Samstag weniger als 220 Flüchtlinge durchgelassen wurden. Am Sonntag seien es 300 gewesen und am frühen Montagmorgen weitere 50. Die Flüchtlinge sind verärgert und zeigen das auch: Am Samstag gab es erste Proteste - ruhig und friedlich. Am Sonntag gingen sie weiter, wurden hitziger, irgendwann stürmten Flüchtlinge die Bahntrasse.

Die Frustration wächst

"Wir wollen kein Essen, wir wollen auch kein Geld. Wir wollen weiter", sagt Reem, eine kämpferische Frau aus Syrien, die bei den Protesten in der ersten Reihe stand. "Sieh mich an! Ich habe keine Kleidung und bin nicht geduscht", klagt sie.

An der Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien stürmen Flüchtlinge mit einem Rammbock entlang der Bahnschienen auf den Grenzzaun zu. (Foto: DW/D. Tosidis)

Die Verzweiflung hat die Spannungen entlang der griechisch-mazedonischen Grenze angeheizt

"Hier sind einfach zu viele Menschen. In dem Camp sind derzeit 7000 Flüchtlinge untergebracht, obwohl es für nur 2000 Menschen ausgerichtet ist", berichtet Antonis Rigas, Camp-Koordinator der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF).

Am Montag dann schlägt die Atmosphäre vollends um. Es liegt in der Luft, dass etwas passieren wird. Hunderte Menschen - die meisten aus Syrien und dem Irak - versammeln sich auf den Bahngleisen, überall wird gemurmelt und einige Anführer versuchen, Anweisungen zu geben. Die Menschen drängen in Richtung der Tore auf den Gleisen, durch die Züge den Grenzzaun passieren.

Sturm auf die Grenze

Irgendwann bricht die Blockade der griechischen Polizei. Flüchtlinge stürmen ungebremst auf den Grenzübergang zu. Einige Männer in der vordersten Reihe benutzen ein Straßenschild als Rammbock, um damit den Grenzzaun einzureißen. Andere versuchen, über den Grenzzaun zu klettern, wo immer es möglich ist. Ein Sprechchor fordert: "Öffnet die Grenze!" - erst auf Arabisch, dann auf Englisch.

Während die mazedonische Polizei auf der anderen Seite ungerührt zusieht, verliert die Menge die Geduld. Einige drücken solange mit Gewalt gegen das Schiebetor, bis es sich für einen kurzen Moment öffnet. Sofort blockieren die Grenzer den Durchgang - nur damit die Flüchtlinge noch entschlossener versuchen, in das mazedonische Camp in Gevgelija einzudringen.

Steine und Tränengas

Dann gibt auch diese Barrikade dem Druck nach, das Tor öffnete sich erneut. Die Situation gerät außer Kontrolle. Steine fliegen in Richtung der Grenzschützer. Die feuern mit Tränengas direkt in die Menge auf der griechischen Seite. Flüchtlinge und Journalisten rennen in Panik auseinander, schreien vor Angst. Doch das Tränengas wird weiter in ihre Richtung geschossen - selbst als sich die Menge auflöst.

Über den Grenzzaun fliegen Kartuschen mit Tränengas auf protestierende Flüchtlinge. (Foto: DW/D. Tosidis)

Die mazedonische Polizei antwortet auf die Steine-Werfer mit Tränengas

Ein junges Mädchen sucht völlig außer Atem nach etwas, das den Schmerz lindert, den das Tränengas auslöst. Verzweifelt hält sie dabei Ausschau nach ihrer Mutter.

Inzwischen versuchen einige Flüchtlinge, die Lage zu beruhigen, damit sie nicht noch weiter eskaliert. "Ich habe ihnen gesagt, dass sie ruhig bleiben und keine Steine werfen sollen", sagt Rami, ein 20 Jahre alter Syrer. Er sei aus Kozani, rund 150 Kilometer südlich hergekommen, weil er Englisch spricht und habe helfen wollen. "Leider haben sie nicht auf mich gehört. Dieser Ausgang war zu erwarten."

"Wir müssen nach Deutschland"

Auch als sich die Lage etwas später beruhigt, halten die Proteste an - sogar in der Nacht. "So kann das nicht weitergehen. Ich will zurück", sagt ein junger Syrer. "Sie sagen, dass die Lage in den Hotspots besser ist. Ich habe gehört, dass ich in Samos Asyl beantragen kann, wenn ich zwei Monate lang dort bleibe." Dann, so heiße es, könne er mit dem Flugzeug nach Deutschland reisen. "Wir haben hier zu viel Geld ausgegeben. Das ist keine Art zu leben. Das Essen reicht nicht - sehen Sie sich die Schlange an! Wir müssen nach Deutschland", sagt er.

In dem Übergangslager in Idomeni jedenfalls könne er nicht länger bleiben. Hunderte Flüchtlinge kommen hier täglich an - einige mit Taxis, andere zu Fuß.

Viele Flüchtlinge laufen dichtgedrängt auf Bahngleisen.(Foto: DW/D. Tosidis)

Die Flüchtlinge wollen nach Deutschland, doch sitzen in Griechenland fest, ohne zu wissen, wo sie hingehen können

Nach den Ausschreitungen hat das griechische Innenministerium Journalisten verboten, die sogenannten Hotspots für Flüchtlinge zu betreten. Idomeni ist allerdings weder ein Hotpot noch ein richtiges Flüchtlingslager. Dort warten einfach zu viele Menschen darauf, die Grenze passieren zu dürfen.

Und sie wollen, dass ihre Geschichten erzählt werden - in der Hoffnung, dass sich so der Druck auf die Regierungen der Balkanländer und der ganzen EU erhöht. Die wollen am 7. März erneut über die Flüchtlingskrise beraten. Derweil werden immer mehr Menschen über das Mittelmeer nach Griechenland kommen und irgendwann nach Idomeni oder an einen anderen Grenzübergang gelangen. Dort werden sie gefangen sein zwischen dem Chaos und der Frage, wie es weitergeht.

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