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Politik

Chaos in Kabul

Sandra Petersmann, Hörfunk-Reporterin der Deutschen Welle, berichtet in ihrem letzten Weblog aus Kabul von zurückgekehrten Flüchtlingen, Chaos, Armut, Helfern mit zu großen Autos und dem Kabuler Handy-Netz.

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Reporterin Sandra Petersmann

Letztes Web-Log aus Kabul, 30.11.2002 um 18 Uhr Ortszeit:

Schade. Jetzt ist es schon wieder Zeit für die Heimreise. Und ich stelle mir die Frage, was ich außer einer dicken Grippe sonst noch mit zurück nach Hause nehmen werde. Und das ist wohl vor allem der Eindruck, dass sich Kabul sehr verändert hat.

Ich war zum letzten mal gegen Anfang Mai in der afghanischen Hauptstadt, und zwischen damals und jetzt ist unendlich viel passiert. Zum Beispiel sind fast 2 Millionen Flüchtlinge aus den Nachbarländern Pakistan und Iran nach Afghanistan zurückgekehrt. Und die meisten von ihnen hat es nach Kabul gezogen, weil sie gehört hatten, dass es hier eine internationale Schutztruppe gibt, die für ihre Sicherheit garantiert. Aber es gibt zu wenig Häuser für die vielen Neuankömmlinge. Und außerdem haben die vielen internationalen Hilfsorganisationen durch ihre bloße Anwesenheit dafür gesorgt, dass die Mieten in Kabul explodiert sind. Und deshalb müssen viele Flüchtlinge und arme Kabulis in Ruinen oder in dünnen Zelten leben, ganz egal, wie kalt es draußen ist.

Armut

Sandra Petersmann und Hauptgefreiter Daniel Koopmann

Sandra Petersmann und Hauptgefreiter Daniel Koopmann in Afghanistan bei einem Interview

Eines meiner Fazits nach 8 Tagen vor Ort lautet deshalb: die Armut ist greifbarer geworden, als sie es noch im Frühling war. Und die Menschen sind verzweifelter geworden. Im April wäre es noch undenkbar gewesen, dass eine hungrige Kriegswitwe an die Scheibe eines Autos klopft, um Geld zu erbetteln. Sie hätte sich statt dessen still an den Straßenrand gesetzt und einfach die Hand aufgehalten. Aber jetzt klopfen viele verzweifelte Frauen unter ihrer Burka an die Scheiben von Taxis, in denen Europäer oder Amerikaner sitzen. Und sie hören nicht auf zu klopfen. Sie hämmern regelrecht, bis das Auto irgendwann ruckartig anfährt. Es ist jeden Tag passiert, mehrmals, und ich habe nie in die Augen dieser Frauen gucken können. Aber das penetrante Klopfen im ewigen Stau von Kabul hat mir fast das Herz zerrissen. Und mein Fahrer und Dolmetscher Nagibullah hat mir gesagt, dass fast alle Bettlerinnen mit ihren Kindern immer noch auf der Straße leben müssen, auch bei zehn Grad unter Null. Es gibt noch kein soziales Netz, dass sie auffangen würde. Wie sollte auch, denn der lange Weg zum Frieden in Afghanistan hat ja gerade erst begonnen.

Verkehrschaos

Fußball in Kabul

Man spielt wieder Fußball in Kabul (Archiv; 15. Feb. 2002)

Der absolut chaotische Verkehr in Kabul ist eine weitere Erinnerung, die ich mit zurück nach Köln nehme. Die Autos stehen, jeder fährt wie er will, jeder pocht auf sein Recht auf Vorfahrt, die armen Verkehrspolizisten winken in alle Richtungen gleichzeitig, und die Hupe ist allemal wichtiger als die Bremse. Ganz ehrlich, auf den Fahrten zu meinen Terminen habe ich des öfteren Blut und Wasser geschwitzt. Und viele Termine sind auch einfach geplatzt, weil ich stundenlang im Stau gehangen habe. Und für mich sind es vor allem zwei Faktoren, die den Verkehr in der afghanischen Hauptstadt unerträglich machen. Da sind zum einen die über 50.000 gelb-weißen Taxis, die um Kundschaft buhlen. Das Fabrikat ist fast immer ein Toyota Corolla Combi, und neun bis 10 Passagiere pro Auto sind keine Seltenheit, um die Fahrt billiger zu machen. Aber auch die vielen Hilfsorganisationen mit ihren niegelnagelneuen Geländewagen verstopfen die Straßen. Und eigentlich stelle ich mir am Ende meiner Zeit hier schon die Frage, warum es für alle immer die größten und die neuesten Geländewagen mit Allradantrieb sein müssen. Sicher muss man in einer Stadt wie Kabul beweglich sein, und sicher braucht man auch ein paar Fahrzeuge mit Allradantrieb. Aber alle Wagen? Sogar die, die nur zwischen dem Wohnhaus und dem Büro hin und her pendeln? Ich
habe meine Zweifel. Ich habe sogar gewaltige Zweifel.

Wiederaufbau

Aber dann sind da selbstverständlich auch die Bilder vom Wiederaufbau. Manchmal durchaus versteckt, aber in der afghanischen Hauptstadt haben viele Menschen die Ärmel hochgekrämpelt. Sie werkeln an ihren zerstörten Häusern herum, sie brennen Lehmziegel und werfen sie per Menschenkette zum Maurer. Auf den freien Flächen vor dem Stadtzentrum sprießen die ersten grünen Halme des Wintergetreides, und der Straßenhandel floriert. Der Straßenhandel ist sogar regelrecht explodiert. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Und auch ein eigenes Handy-Netz hat Kabul inzwischen. Die Frage ist nur, wer sich das Angebot überhaupt leisten kann. Und so beschleicht mich das Gefühl, dass ein Teil der internationalen Hilfsgelder hier auf ausgetrockneten Lehmboden fällt und einfach abperlt, ohne die bedürftigen Menschen zu erreichen.

Um es in den Worten des UN-Sondergesandten für Afghanistan, Lakhdar Brahimi zu sagen: "Afghanistan ist weit weg und im internationalen Vergleich ein armes und unbedeutendes Land. Aber der 11. September hat gezeigt, dass auch ein unbedeutendes Land die Welt verändern kann." Und deshalb lautet auch mein Fazit: es gibt noch so unendlich viel zu tun. Nicht nur hier in Kabul, auch in den anderen Teilen des Landes. Die Welt darf Afghanistan nicht noch einmal im Stich lassen. Das hat sie schon einmal getan, im Jahr 1992, als die Mudschahedin das kommunistische Regime von Najibullah gestürzt hatten. Die Welt schaute zu, als anschließend der blutige Bruderkrieg der Gotteskrieger tobte. Und die Welt schaute zu, als anschließend die Taliban das Land mit ihrer menschenverachtenden Weltanschauung überzogen.

ENDE

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