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Global Ideas

"Carbon Leakage" - Wenn Klimasünder ins Ausland ziehen

Die Klimaemissionen der Schwellenländer wachsen beinahe so rasant wie ihre Wirtschaftsleistung. Auch weil europäische Staaten ihre Produktionsstandorte dorthin verlagern.

Große Rollen aus Alu-Blech lagern auf Regalen (Foto: dapd)

Aluminium-Hütten brauchen besonders viel Energie

40 Grad im Schatten, Wüste, chemische Fabriken, Raffinerien, dazu der obligatorische Golfklub: Das ist Umm Said in Katar. Nicht weit davon, in Al-Wakrah, soll eines der innovativsten Fußballstadien der Welt entstehen. 2022 wird dort die Weltmeisterschaft ausgetragen. Ob bei der Vergabe alles mit rechten Dingen zugegangen sei, beschäftigte Ende 2010 insbesondere die deutsche Öffentlichkeit intensiv. Aber schon bevor der Weltfußballverband FIFA das kleine Emirat zum WM-Ausrichter machte, sorgte Umm Said für Alpträume in Deutschland. 2010 hat hier Qatalum, eine der modernsten Aluminiumhütten, eröffnet. Das Werk ist ein Joint Venture von Qatar Petroleum und der norwegischen Norsk Hydro.

Industriehallen und Schornsteine, davor Bahnwaggons (Foto: dapd)

Norsk Hydro Aluminium-Werk in Neuss

Grund sind die niedrigen Energiepreise - die großen Gasvorkommen Katars machen es möglich. Und Aluminiumproduktion ist energieintensiv. In Deutschland macht der Strom über 40 Prozent der Herstellungskosten aus, in Katar deutlich weniger. Während in Katar die Produktion anläuft, hat Norsk Hydro in seinem Werk in Neuss bei Düsseldorf schon seit 2009 Kurzarbeit angemeldet. "Viele Beschäftigte sind zwei Monate in Bereitschaft und arbeiten dann einen Monat", sagt Norsk Hydro-Sprecher Michael Peter Steffen.

Emissionshandel treibt CO2-Emitter in Schwellenländer

Lastwagen mit angehobener Ladefläche entlädt Bauxit (Foto: Norsk Hydro ASA)

Abbau von Bauxit, dem Aluminium-Erz, in Jamaika

"Carbon Leakage" heißt der Fachbegriff für das, was bei Norsk Hydro geschieht. Weil Firmen für ihre CO2-Emissionen Zertifikate erwerben müssen, steigen die Produktionskosten. Neben Aluminiumfirmen betrifft dies Branchen wie Stahl und Zement, die ebenfalls viel Energie verbrauchen. Die Unternehmen verlagern daraufhin ihre Produktion in Entwicklungs- und Schwellenländer und exportieren von dort aus nach Europa. Oder sie kaufen Vorprodukte zu: Norsk Hydro etwa lässt Walzbarren – große massive Alu-Quader - aus Russland oder Dubai zur Weiterverarbeitung nach Deutschland liefern. Dadurch sinkt der deutsche Kohlendioxidausstoß. Allerdings nur auf den ersten Blick.

Das Münchner ifo-Institut hat daher kürzlich in einer Studie die CO2-Emissionen wichtiger Industrie- und Schwellenländer mit ihrem sogenannten Carbon Footprint verglichen. In die erste Bilanz geht nur die inländische Produktion ein, in die zweite auch die durch Importe verursachten Emissionen. Exporte werden herausgerechnet. Das Resultat: Unter den großen EU-Staaten sanken besonders in Frankreich zwischen 1995 und 2007 der im Land selbst verursachte CO2-Ausstoß; der Carbon Footprint hingegen wuchs. In Deutschland sanken die Kohlendioxidemissionen schneller als der Carbon Footprint. Zuletzt stieg dieser aber wieder leicht an.

Mehr noch: In allen großen Industriestaaten ist der Carbon Footprint größer als die einheimischen CO2-Emissionen. In einem Schwellenland wie China ist es umgekehrt. Beide Werte wachsen, die inländischen Emissionen allerdings weitaus deutlicher.

Überschätzte Gefahr?

Lässt sich damit "Carbon Leakage" für Frankreich und Deutschland eindeutig nachweisen? Nicht direkt, denn der Teufel steckt im Detail. "Carbon Leakage" ist deshalb in der Klimadiskussion eines der umstrittensten Themen: Bereits die Frage, wieviel Kohlendioxidemissionen die importierten Waren verursacht haben, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Und noch schwieriger ist, genau auszumachen, warum die Waren importiert statt im Inland hergestellt wurden. Niedrigere Arbeitskosten oder zunehmendes Know-How in Schwellenländern, wie etwa in China, sind kein Fall von Carbon Leakage.

Viele Klimaschützer werfen den energieintensiven Industrien vor, die finanzielle Belastung durch Klimaabgaben bewusst zu übertreiben, um ihre Gewinne zu steigern. Beispiel Arcelor Mittal: Der Stahlkonzern wurde 2010 von Klimaorganisationen wie Oxfam für den "Worst EU Lobbying Award" nominiert – ein Preis für negative Lobby-Arbeit. Arcelor Mittal war in Brüssel erfolgreich gegen die kostenpflichtige Zuteilung von Emissionsrechten Sturm gelaufen. Mit den ihm daraufhin kostenlos zugeteilten Emissionsrechten habe der Konzern Geschäfte gemacht, so Oxfam. Dennoch schloss das Unternehmen 2011 die Warmstahlproduktion im belgischen Lüttich und ein Werk in Ostfrankreich. Begründung: Der hohe Preisdruck im Stahlsektor.

Kleiner Haufen mit weißem Pulver (Foto: Norsk Hydro ASA)

Aluminium-Oxid

Auch im Fall der Neusser Aluminiumhütte von Norsk Hydro ist die Angelegenheit kompliziert: Die Strompreise sind in Deutschland in den vergangenen Jahren aus verschiedenen Gründen gestiegen: Große Monopole der Stromriesen gehören dazu, ebenso wie höhere Preise für fossile Brennstoffe. Ein Carbon Leakage-Faktor ist der Emissionshandel, in den die Betreiber fossiler Kraftwerke seit 2005 einbezogen sind. Obwohl die Emissionszertifikate an die Stromkonzerne zunächst kostenlos verteilt wurden, hinderte sie dies nicht an einem satten Aufschlag auf den Strompreis. Das Preisdiktat der Stromkonzerne belastet also die Bilanz der Neusser Alu-Hütte – aus Sicht des Mutterkonzerns, in existentieller Weise. Das Ergebnis: Kurzarbeit. Die Bundesregierung wollte Norsk Hydro einen Ausgleich zahlen, doch den hat Brüssel bislang nicht genehmigt. "Wir hoffen natürlich, dass die Kurzarbeit beendet werden kann – das hängt aber auch davon ab, was die EU entscheidet", sagt Norsk Hydro-Sprecher Steffen.

Klimaschützer fordern mehr Energie-Effizienz

Um Carbon Leakage zu vermeiden, ist die Aluminiumindustrie von einer Reihe weiterer Gebühren befreit: Die EEG-Umlage, also den Strompreisaufschlag für erneuerbare Energien von derzeit 3,5 Cent pro Kilowattstunde, muss sie nicht zahlen. Beim Emissionshandel ist sie zwar ab 2013 erstmals dabei – die Neusser Hütte erhält aber in der gesamten Periode bis 2020 kostenlose Verschmutzungszertifikate – darf also Klima-Emissionen zunächst zum Nulltarif in die Atmosphäre blasen.

Moderne Industrieanlage in der Wüste (Foto: Norsk Hydro ASA)

Die neue Qatalum Alu-Hütte in Katar

Würde man die energieintensiven Industrien ebenso wie alle anderen behandeln, zwänge man sie zu mehr Energieeffizienz, glauben Klimaschützer. Steffen ist da skeptischer: Bereits in den letzten Jahrzehnten habe man den Energieverbrauch deutlich gesenkt. Natürlich forsche Norsk Hydro an weiteren Einsparmaßnahmen. "Das Neusser Werk ist aber in unserem Verbund schon heute eine der effizientesten Hütten."

Das Münchner ifo-Institut setzt auf andere Wege: Entweder müsse man eine Ökosteuer auf den "Carbon Footprint" aller Produkte erheben – unabhängig von ihrer Herkunft, fordert Studienautor Gabriel Felbermayr. Das Emissionshandelssystem wäre dann hinfällig. Oder, als Alternative: Importeure müssten als Ausgleich ebenfalls Zertifikate erwerben. In der Exportnation Deutschland sieht man solche Maßnahmen aber skeptisch. "China könnte als Vergeltungsmaßnahme Strafzölle auf Güter aus Europa erheben", sagt Felbermayr. Frankreich, in dessen Auftrag das ifo-Institut geforscht hatte, steht einer solchen Lösung offener gegenüber.

Autor: Martin Reeh
Redaktion: Ranty Islam

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